Empört euch nicht!

Flüchtlingspolitik Von Unglücken und Tragödien
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Mehr als 130 Menschen starben vor kurzem auf dem Mittelmeer als ihr Boot kenterte. An sich nicht besonderes, es reiht sich vielmehr ein in eine lange Liste von Unglücken, die gar keine Unglücke sind, impliziert doch dieses Wort die Schicksalhaftigkeit der Ereignisse. Sie passieren aber nicht zufällig.

Warum ausgerechnet dieses Ereignis große mediale Beachtung fand, ist unklar. Vielleicht liegt es daran, dass es sich in einer Zeit ereignet, in der die meisten anderen Top-Themen nur noch wenig Aufmerksamkeit erregen. Ein netter Zeitpunkt, sich diesem Thema zu widmen. Aber dabei sollte man es dann doch bitte auch belassen.

Herr Gauck wartet dabei wie immer mit pastoralem Epos auf und ist zu zitieren mit den Worten: "Leben zu schützen und Flüchtlingen Gehör zu gewähren, sind wesentliche Grundlagen unserer Rechts- und Werteordnung" ( http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2013/10/131004-OV-Deutsche-Einheit.html ). Und auch der Papst verkündet via Twitter: "Beten wir für die Opfer des tragischen Schiffbruchs vor Lampedusa" (http://www.focus.de/panorama/welt/fluechtlingsdrama-auf-lampedusa-erschuettert-italien-brauchen-keine-krankenwagen-mehr-sondern-saerge_aid_1119761.html ).

Die liberalen Gutmenschen sind sich also einig darüber, dass dies eine unglaubliche Tragödie war. Aber ist sie das wirklich?

Nein.

Das Sterben der Flüchtlinge ist nur ein Symptom dafür, dass das vorherrschende Wirtschaftssystem an einem Punkt angekommen ist, an dem es sich nur noch mit Mauern aufrecht erhalten kann. Aber im Gegensatz zur Sowjetunion ist ihre Aufgabe nicht, Menschen in einem kaputten System zu halten - die Aufgabe der neuen Mauern ist es, Menschen aus dem "kaputten" Teil der Welt davon abzuhalten, in den "intakten" Teil der Welt zu gelangen.

Reisefreiheit und Menschenrechte - beides sind Grundpfeiler der europäischen Gesellschaft. Die Frage ist nur: Für wen?

Reisefreiheit gibt es schon lange nur noch für die Reichen und die Unternehmen, für das Kapital und den Westen. Und der selbe Westen sorgt dafür, dass an den Grenzen Nordafrikas Lager errichtet werden für jene, die versuchen, in den Norden zu gelangen.

Menschenrechte wurden für jene erfunden, die sich auf keine anderen Rechte berufen können. Bei den Flüchtlingen zeigt sich, dass sie nichts weiter als Luftschlösser sind. Wer auf die Menschenrechte angewiesen ist, hat verloren.

Jetzt sollten wir also Herrn Gauck und seinen Freunden endlich den Spiegel vorhalten und sie nicht mit dem Absondern von Mitgefühl davonkommen lassen.

Die Toten des Mittelmeers sind keine Unglücke. Es sind keine Tragödien.

Es ist gelebte Politik. Es ist europäischer Neo-Humanismus in Reinform.

Und bald ist wieder Weihnachten.

16:20 05.10.2013
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