Und wer denkt an die Deutschen?

Flüchtlinge Solidarische Willkommensgesten an den Bahnhöfen, zahlreiche Spenden an Unterkünfte und eine Kanzlerin, die sagt: "Wir schaffen das!" - Nur: Wer denkt an die Deutschen?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eine Szene an einem regnerischen Samstag morgen an einem Bahnhof irgendwo in Deutschland: Zahlreiche Menschen sind gekommen mit bunten Plakaten, Spielzeug, Essen und Getränken. Alle warten gespannt auf den Zug aus Österreich, der in wenigen Minuten ankommen soll. Die Polizei hat den Bereich abgesperrt, aber an den Rändern der Absperrung warten die Helfer und Freiwilligen auf die neuen Mitbürger.

Dann sind Sie da: Aus Afghanistan, Syrien, Pakistan, Eritrea und vielen anderen Ländern. Sie sehen kaputt aus nach den wochenlangen Strapazen - geschafft, aber doch glücklich. Glücklich, endlich in Deutschland zu sein - endlich sicher zu sein. In einem Land, das wie kein anderes in Europa für seine Solidarität mit Flüchtlingen in den internationalen Medien gefeiert wird. Endlich könne man wieder stolz auf Deutschland sein.

Ortswechsel: Irgendwo in einem Wohnblock in Duisburg. Eine etwa 55 jährige Frau sitzt in ihrem Wohnzimmer ihrer kleinen 2-Zimmer Wohnung und sieht fern. Sie wechselt den Tag über zwischen Fernseher und Fenster. Mittags kocht sie. Nichts besonderes. Viele Kontakte hat sie nicht mehr. Aufgrund einer chronischen Erkrankung ist sie arbeitslos. Die Hoffnung auf einen Job hat sie schon lange aufgegeben. Wer soll sie noch nehmen - in ihrem Alter? In dieser Region? Der Hartz4-Satz reicht gerade so. Was ihr aber mehr fehlt als das Geld sind soziale Kontakte. Eine Gesellschaft, die sich kümmert. Kümmert um Menschen wie sie. Vor 28 Jahren war alles anders. Damals, als sie 17 war und ihr erstes Kind bekam. Damals war die Zukunft voller Hoffnung. Ihr Sohn arbeitet jetzt in einer anderen Stadt, weit weg von ihr. Er kommt einmal im Jahr zu Besuch. Manchmal scheint er sich zu schämen, seine Frau und seine Kinder hierher mitzubringen. Die Wohnung ist heruntergekommen. Der Teppichboden im Wohnzimmer hat schon bessere Tage gesehen. Und vor allem: Der Geruch von Alkohol. Sie weiß das, aber sie weiß auch, dass es schwer ist, damit aufzuhören. Denn eine Verbindung zu etwas braucht man. Und mit dem Trinken verliert die Einsamkeit an Intensität.

Ortswechsel: Dresden. In einem Hinterhofhaus in einem der schlechteren Wohnviertel wohnt Michael, 23 Jahre. Es wohnt immer noch bei seiner Mutter. Michael hatte damals wenig Erfolg in der Schule. Die Scheidung seiner Eltern hat ihn schwer getroffen, aber schon davor war klar, dass nicht alles in Ordnung war zu Hause. Seine Mutter findet es nicht gut, was er so macht. Welche Freunde er hat. Aber was soll sie denn noch machen? Er ist ihr irgendwie entglitten. Michael hat sich der örtlichen Neonazi-Szene angeschlossen. Die Kleidung, die Springerstiefel, die Tatoos. Das bringt ihm Identität in dieser Welt, die so auf Wettbewerb ausgerichtet ist und in einem System, das nicht für Leute wie ihn gemacht ist. Leute von der Straße. Leute vom richtigen Leben. Dieses System ist gemacht für Leute im Anzug. Leute, die schon hatten, bevor sie geboren wurden. Aber Michael hat jetzt seine Clique. In 2 Wochen hat er wieder einen Gerichtstermin. Sein Freund Ron ist auch dabei. Er hofft, dass es diesmal noch gut geht. Aber scheiß egal. Was soll schon passieren. Seine Mutter hat sich schon längst daran gewöhnt. Was soll sie auch machen? In der Szene ist er seit 3 Jahren. Seit er damals seine Maler-Lehre aufgegeben hat. Es war nicht sein Ding. Jetzt bereut er es. Nur wie soll er jetzt noch Arbeit finden? Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Ohne Zeugnis? Keine Chance. Aber eines ist ihm klar: Sein Vaterland wird er verteidigen. Koste es, was es wolle.

Kehren wir zurück zum Anfang unserer Geschichten - der Bahnhof mit den Leuten, die beim Eintreffen der neuen Mitbürger klatschen und feiern. Einen solchen Empfang, eine solche Aufmunterung, das hätten sich unsere beiden deutschen Mitbürger auch gewünscht. Aber die gleiche Mittelschicht zeigt sich ihnen gegenüber wenig solidarisch. Denn eins ist klar: Wer vor Krieg flüchtet, hat Solidarität verdient - und zwar uneingeschränkt.

Aber wer nicht arbeiten will, der muss endlich lernen, morgens aufzustehen und beizutragen zum Wohlstand des Landes. Und dabei interessieren die individuellen Geschichten und die psychischen Wunden wenig. Auch wenn längst bekannt ist, wie sehr sich Hartz-4 Empfänger um Arbeit bemühen, wie sehr sie arbeiten wollen und doch immer wieder enttäuscht werden, eines ist sicher: Jeder ist seines Glückes Schmied. Und Solidarität muss man sich erst einmal verdienen.

Die Mittelschicht hat nun wieder eine Gruppe, zu der sie sich solidarisch zeigen kann. Eine Gruppe von wirklichen Opfern - Opfern von Krieg und Verfolgung.

Dass in einer hochtechnologisierten Gesellschaft in einem Land wie unserem Vollbeschäftigung unrealistisch ist, ist auch fast allen klar. Nur will man weiter festhalten am Bild des faulen Arbeitslosen - denn es erlaubt einem, an der Losung festzuhalten, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Man selbst hat es eben auch durch harte Arbeit geschafft. Das hat nur dann einen Wert, wenn diejenigen, die es nicht geschafft haben, daran auch selbst Schuld sind.

Und das ganze setzt sich fort. Auch die besorgten Bürger sind zu einem nicht unbeträchtlichen Teil unzufrieden mit ihrem sozialen Status. Aber immerhin sind sie noch über den Flüchtlingen - ihrem neuen Feind.

Keinesfalls sind alle Arbeitslosen fremdenfeindlich. Keinesfalls besteht die Mittelschicht nur aus Menschen, die sich um Flüchtlinge sorgen.

Nur sollte man immer bedenken: Oftmals ist die Abneigung gegenüber Flüchtlingen nur eins: Ein Schrei nach Liebe. Und nach Solidarität in einer Gesellschaft, die zunehmend durch Leistungsideologie und Neoliberalismus auseinander getrieben wird.

11:54 18.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 2

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community