Warum sich nichts ändert.

Kapitalismus Moral Wie die Moral der authentischen ethischen Aktion im Wege steht.
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Aufstände in Ägypten, Wutbürger in Europa, ja sogar Streiks in China. Was haben sie alle gemeinsam? Sie machen nicht den Schritt heraus, sie bleiben Teil des Systems, das sie unterdrückt, sie werden selbst zum Herzschrittmacher dieses Systems.

Natürlich hat die Qualität des „politischen Protests“ in der westlichen Welt eine andere, geringere Qualität. Während in der Türkei oder Ägypten die Menschen auf der Straße ihr Leben riskieren und anderswo Sanktionen und Schikanen in Kauf genommen werden, ist es relativ komfortabel, im Westen zu demonstrieren – etwa gegen das Tieferlegen von Bahnhöfen (auch wenn es hier zu Plessuren kam, kann dennoch kein revolutionärer Charakter angedichtet werden) oder ein Großteil des Occupy-Movements, das aber eine differenzierte Betrachtung verdient.

Die globale Linke (zumindest im Westen) ist längst ein Teil des Problems geworden. Sie schmiegt sich an das Kleinbürgertum an, indem sie versucht, sich etwa durch finanzpolitische Expertise zu profilieren. Nur bedeutet Experte zu sein, Probleme zu lösen, die andere definieren. Die Aufgabe der Linken im 21. Jahrhunderts dagegen besteht heute darin, Probleme zu benennen, ja, selbst zum Problem zu werden. Während die Linke in Deutschland etwa über eine Anhebung/Abschaffung von Hartz-4 oder einen flächendeckenden Mindestlohn diskutiert, stirbt alle 5 Sekunden ein Kind an Unterernährung – in einer Welt die laut dem Ernährungsbericht der UNO problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnte – es ist also Zeit, eine radikalere Ebene einzunehmen.

Jedem ist klar, dass das Einführen einer Finanzmarktransaktionssteuer, ein Mindestlohn von 10€ oder mehr ökologische Landwirtschaft nichts substanzielles ändert – es bewegt sich alles im System, es wird dadurch kein neuer Raum eröffnet, im Gegenteil, er wird beschränkt. Der Kapitalismus lebt von Experten, von Bürokraten, die sich innerhalb klar umrissener Grenzen um genau spezifizierte Problemlösungen bemühen. Was aber, wenn das System selbst zum Problem wird?

Das klare Problem, dass sich aus dieser existenzialistischen Argumentation ergibt, ist, dass es schwer mit dem täglichen Leben vereinbar ist, es sozusagen die Schizophrenie zur notwendigen Psychose macht. Glaube ich wirklich, durch biologische Ernährung, Fairtrade, „Nachhaltigkeit“ usw. usf. etwas zu verändern? Nein. Andererseits weiß man natürlich, dass z. B. Pestizide negative gesundheitliche Folgen haben usw. Dennoch: Das Problem ist psychologischer Natur, es ist typisch für die Wohlstandgesellschaften des 21. Jahrhunderts: Kaffee ohne Koffein, Bier ohne Alkohol, Kapitalismus ohne Ausbeutung (wie es Slavoj Žižek gerne formuliert). Nur, dass letzteres dem System widerspricht, ist es doch klar, dass Ausbeutung ein substanzielles Fundament dieses Wirtschaftssystems ist. Es ist schwer, Adorno zu akzeptieren, zu akzeptieren, dass "Today self-consciousness no longer means anything but reflection on the ego as embarrassment, as realization of impotence: knowing that one is nothing." Den daraus resultierenden Nihilismus zu überwinden, erfordert einen hohen Grad an Intellekt – es erfordert auch die Aufgabe der eigenen Komfortzone, die Mehrheit leugnet ihn daher einfach.

Ähnlich verhält es sich mit den alkoholfreien und entkoffeinierten Protesten im Westen: Man hat ein natürliches Unbehagen, was die Welt mit all ihrem Elend angeht, ist aber nicht bereits, die eigene Komfortzone zu verlassen, auf Kaffee und Bier zu verzichten. Die Mittelschicht der Herrschaftsdemokratien, die selbst zweifellos auch unter Druck geraten ist, ist nicht bereit, ihre Komfortzone zu verlassen, ihren kleinbürgerlichen Egoismus hinter sich zu lassen und der Realität ins Auge zu sehen. Ähnlich wie die institutionalisierte christliche Religion verhindern die Wutbürger des Westens das Notwendige, die Moral steht der authentischen Revolution entgegen.

Die Occupy-Bewegung hat zumindest in Teilen Authentizität besessen, hat es aber nie geschafft, in die Komfortzone einzudringen und sie aufzubrechen. Der Teil, der in der Komfortzone geboren wurde, bewegt sich nach wie vor in ihr (jail the bankers, tax the rich, …), der andere Teil hatte nie wirklich eine nennenswerte Popularität, hat es nie geschafft, seine Vorstellungen zu kommunizieren, sind sie doch auch abstrakt und theoretisch – notwendigerweise, als Folge ihrer Natur.

Demokratie mit informierten Bürgern funktioniert nicht, wenn sie nicht auch selbst denken. Ähnlich wie Experten wählen sie nur innerhalb bereits für sie klar abgesteckter Grenzen das geringere Übel, der Wahl-o-mat ist symptomatisch dafür. Die Demokratie wird maschinell, sie wird automatisiert und der Akt ihrer Ausübung (etwa die Wahl), wird zur Farce, zum Ankreuzen eines Fragekataloges, der in seinem Wesen authentischer Demokratie entgegensteht. Wir brauchen dagegen Menschen, die selbst denken, die selbst zum Problem werden. Menschen, die Ausbrechen aus den Grenzen, die den Schritt wagen, ihre Komfortzone zu verlassen. Menschen, die kein alkoholfreies Bier wollen, sondern eine authentische Wahl.

Oder, um Slavoj Žižek nochmals zu zitieren:

"Liberal democracy - as you know, in the old days, we were saying we want socialism with a human face. Today's left effectively offers global capitalism with a human face, more tolerance, more rights and so on. So the question is, is this enough or not? Here I remain a Marxist: I think not."

11:07 06.08.2013
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