Occupy The Stage. Fuck NSU - Ein Nachtrag

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Am 24.11.11 wurde nach der Vorstellung FUNK IS NOT DEAD! in Anlehnung an die globale Occupy-Bewegung die Bühne des Ballhaus Naunynstraße gestürmt. In einer inszenierten Besetzung brachten die Künstler_innen um das Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext unddie Musiker Daniel Kahn und Volkan T ihren Unmut über die jüngst bekannt gewordene Terror- und Mordserie der Neonazis zum Ausdruck. In einem Remix aus performance-reading und Songbeiträgen wurden auf die Zusammenhänge der nationalsozialistischen Vergangenheit dieses Landes, die gesellschaftliche Akzeptanz von antisemitischen und rassistischen Parolen durch das unsägliche Buch von Sarrazin oder die NPD-Plakate im Zuge des Wahlkampfes und die aktuelle Erkenntnis über die systematische Ausblendung von faschistischen Übergriffen von Seiten des Staates und der Presse hingewiesen. Bezeichnend ist dabei, dass die Aktion im Ballhaus Naunynstraße stattfand, dem Ort, der vor drei Jahren den Begriff der post-migration aus dem angloamerikanischen übersetzte und dadurch eine regelrechte Welle auf den deutschen Bühnen und in den Feuilletons einläutete. Binnen kurzer Zeit etablierte sich der Term „postmigrantisches Theater“, der sowohl auf die Missstände in deutschen Kulturstätten verweist, als auch für eine Reformulierung der gesellschaftlichen Zusammensetzung plädiert. Es gibt kaum eine Bühne, auf der nicht eine Tagung, ein Symposium oder eine Diskussionsrunde zum Selbstverständnis des deutschen Sprechtheaters stattfand. Regelmäßig wird in den Medien über dieses Phänomen berichtet. Mittlerweile zeichnet sich ab, dass von einem Paradigmenwechsel gesprochen werden kann. Wie weitreichend der Einfluss ist, wird in Bezug auf das Forschungsprojekt „Labor Migration“ deutlich. In Anlehnung an den Begriff wollen die führenden Migrationsforscher_innen um Manuela Bojadzijev und Regina Römhild das Feld der „Migration“ aus seiner marginalisierten Stellung herausbrechen, um eine Verschiebung der kulturellen Räume zu beschreiben. Bisher wurde zwar durch die Forschung die Sicht auf die Lebens- und Arbeitsverhältnissen von Migrant_innen gelenkt, aber sie bleibt einer deskriptiven Praxis verhaften. Migration soll aus der enthnifizierenden Zuschreibung (also dem Forschen über Migrant_innen) herausgelöst und als Analysekategorie betrachtet werden. In den Diskussionen um das postmigrantische Theater richtet sich die Kritik in vielen Fällen darauf, wie wenig Migrant_innen und ihre Realitäten weder auf der Bühne, noch im Publikum vertreten sind. Das Problem ist aber ein grundsätzliches: Analog zu den Gender Studies wollen die Forscher_innen von „Labor Migration“ untersuchen, in welchem Maße Migration ein regierender und regulierender Faktor ist. Zu hoffen ist, dass weiterhin eine gegenseitige Befruchtung von Theater und Wissenschaft stattfinden und damit letztlich zu einem gesellschaftlichen Perspektivwechsel führen wird. So lange in diesem Land zwischen Migrant_innen und Nicht-Migrant_innen unterschieden wird, so lange ist (struktureller) Rassismus vorprogrammiert. Nach einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der rechten Gewalt kündigte die Intendantin des Ballhaus Naunynstraße, Shermin Langhoff in einem Interview an, dass in den nächsten Wochen noch weitere Berliner Bühnen besetzt werden. Wünschenswert wäre hierbei, dass es im Zuge dessen zu einer nachhaltigen (Neu)Besetzung der kulturellen Räume kommen wird.

19:03 02.12.2011
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Geschrieben von

Bahareh Sh

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