Prostitution - ein "Dilemma"?

Prostitutionsdebatte Dilemma ist ein schwacher Ausdruck für die Problematik der Prostitutionsdebatte. Und der Weg zur Lösung gestaltet sich schwierig.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Am 1. Januar 2002 ist das Prostitutionsgesetz in Kraft getreten. 2013 wurde dann von Alice Schwarzer eine überfällige Debatte angestoßen. Es ist unwichtig, wie man Alice Schwarzer findet: Ob nun feministische Frontfrau oder Feministin mit veralteten Ansichten. Tatsache ist, dass endlich eine Debatte stattfindet.

Eine Debatte die sich mit dem Prostitutionsgesetz auseinandersetzt und die Komplexität des Systems Prostitution beleuchtet. Die Befürworter und Gegner von Prostitution halten das aktuelle Gesetz nicht für ausreichend. Es hat viele Lücken. Die Frage ist: Das Gesetz umgestalten um wirklich etwas für die Betroffenen zu tun, Prostitution wieder verbieten oder nur die Kund/Innen bestrafen.

Bei Verbotsanhängern wird vor allem Letzteres, also das Schwedische Modell favorisiert. Dort werden nicht die Sexworker bestraft, sondern diejenigen, die sexuelle Dienstleistungen kaufen. Zudem beinhaltet das Modell die Unterstützung für Prostituierte um auszusteigen. Doch das bringt auch die Gefahr mit sich, dass Betroffene ihre Dienstleistung heimlich anbieten und somit unter schlechteren Bedingungen tätig werden.

Solange für Betroffene Sexarbeit als einzige Möglichkeit vorhanden zu sein scheint, werden sie versuchen ihren Lebensunterhalt auf diesem Weg zu bestreiten. Gegner/Innen der Prostitution sehen in diesem Konzept den richtigen Weg, weil diejenigen bestraft werden, die meinen, dass es okay sei, sich einen anderen Körper zu kaufen. Prostitution befördere die Objektifizierung der Frau und die Ansicht bei Männern, Frauen seien nur eine Ware.

Hinter dem Prostitutionsgesetz befindet sich kein gesellschaftlicher Konsens, sondern vielmehr eine nicht durchdachte Gesetzgebung. Sie sollte Prostituierte oder Sexarbeiter/Innen, wie sich einige selbst bezeichnen, schützen und ihnen unter anderem auch Sozialversicherungen ermöglichen. Es sollte eine rechtlich abgesicherte Position ermöglichen.

Nur sehr wenige Sexarbeiter/Innen haben sich rentenversichert, viele Selbstständige in diesem Gewerbe geben noch immer einen Deckberuf an. Prostitution ist in der Gesellschaft nicht als gewöhnlicher Beruf anerkannt. Jede/r weiß, dass es Prostitution gibt und auch oft wo, doch die Frauen aus diesem Milieu werden nicht respektiert. Möchten sie aussteigen, können sich auch heute noch nicht dazu stehen, dass sie Sex als Dienstleistung verkauft haben. Das Gesetz hat zu Preisverfall geführt, was viele Menschen dazu zwingt mehr Kund/Innen an einem Tag anzunehmen, als sie sich selbst eigentlich zumuten möchten. Flatratebordelle werden von Kunden gelobt, denn „nun müssen sie sich nicht mehr ausbeuten lassen.“* Womit natürlich die armen Männer gemeint werden, nicht die Frauen. Bordellbesitzer lassen verlauten, dass sie sich schwer täten damit, wenn ihr eigenes Töchterlein als Sexarbeiterin arbeiten möchte.*

Das niederländische Modell wird kaum erwähnt. Dort wurde das Bordellverbot aufgehoben, Zwangsprostitution und sexueller Missbrauch von Minderjährigen wird scharf bestraft. Der Menschenhandel und illegale Beschäftigung von Ausländern wird härter verfolgt. Die Bordelle in den Niederlanden sind lizenzpflichtig und werden von Ordnungsbehörden und der Polizei kontrolliert. Die Lizenzen werden nach Prüfung der Zuverlässigkeit von Betreibern erteilt und die Kommunen legen auch die Rahmenbedingungen fest. Derlei Auflagen beinhalten Hygienevorschriften, Arbeitsplatzgestaltung und die Bedingungen unter denen die angestellten Personen arbeiten. Also eine Gesetzgebung die der deutschen Legalisierung weit voraus ist.

Prostitution birgt erhebliche Gefahren und Risiken, sowohl auf psychischer als auch auf physischer Ebene. Starke Kontrollen werden oft von privilegierten Sexarbeiter/Innen als Diskriminierung empfunden. Dabei geht es dabei darum, die Schwächsten im System zu unterstützen und zu schützen. Diejenigen, die illegal arbeiten und oftmals von anderen gezwungen werden. Meist Frauen ohne Sprachkenntnisse, die nicht wissen, an wen sie sich wenden können. Vielfach mit der Angst verbunden, abgeschoben zu werden, was wiederum die Gefahr beinhaltet erneut verschleppt zu werden.

Es fehlen genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich im Prostitutionsgewerbe tätig sind. Wer von diesen tatsächlich freiwillig im Milieu arbeitet ist ebenso unklar. Die Kategorie Freiwilligkeit ist ohnehin schwierig, denn auch diejenigen, die aus eigener Motivation heraus Sex als Dienstleistung verkaufen, unterstehen ja dem Druck sich ihr Leben durch Erwerbsarbeit absichern zu müssen.

Menschen wie Stefanie Klee (Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen e. V.) werden als die Minderheit angenommen: weiß, gebildet, immer die Möglichkeit im Hinterkopf eine andere Arbeit annehmen zu können, weil Ausbildung/Studium vorhanden sind. Jegliche Ausbeutung ist abzulehnen, sie jedoch innerhalb eines kapitalistischen Systems zu bekämpfen außerordentlich schwierig bis kaum möglich. Die Angst um die eigene Existenz treibt viele in Arbeit für unterirdischen Lohn. Oder mensch landet im HartzIV-System, dass einen schikaniert und Kraft raubt.

Wir leben nicht in einer Gesellschaft, die frei von Ausbeutung und Abhängigkeiten ist. Unsere Gesellschaft ist in der Lage Menschen in Zwangssituationen zu bringen. Eine davon ist die Prostitution. Diejenigen, die von ihrer selbstbestimmten Entscheidung erzählen, soll diese nicht abgesprochen werden, eine Befreiung im feministischen Sinne ist diese Entscheidung jedoch nicht. Die Mehrheit ist gezwungen aufgrund von Armut, Drogenabhängigkeit, durch Zuhälter/Innen und anderen Gründen eine Arbeit auszuüben, die marginalisiert. Zudem sind da noch die Menschen, die von (sexualisierter) Gewalt in Kindheit und Beziehungen erzählen, ihrem Selbstwertgefühl beraubt wurden und den schrecklichen Gedanken in sich tragen, sie seien ja auch nur dazu zu gebrauche: ihren Körper, ihre Sexualität feilzubieten.

Es muss jedoch auch in unserem System eine Grenze für Ausbeutung geben! Die nicht unterschritten werden darf. Sonst ist jeglicher Kampf gegen Ausbeutung in der Arbeitswelt sinnlos, wenn wir die eine Art akzeptieren.

Den Gegner/Innen von Prostitution geht es vorwiegend um die Menschen, die nicht in der Lage sind sich zu wehren, auszusteigen oder sogar ihr Wort öffentlich zu erheben. Natürlich ist die Gefahr da, über die Köpfe der Betroffenen hinwegzureden, aber wegschauen und schweigen ist auch keine Option. Diejenigen, die privilegiert genug sind um selbstbestimmt und auch selbstbewusst in diesem Bereich zu arbeiten, sollen das machen. Um die geht es nicht, aber es sind genau diese, die sich zu Wort melden und für ihre Position eintreten.

Natürlich wissen sie, dass es vielen schlecht geht im Sexgewerbe, doch haben sie eine Lösung? Außer der Forderung nach weiterer absoluten gesetzlichen Legitimation ihrer Tätigkeit?

Heutzutage ist das Problem nicht der außereheliche Sex wie zu Emma Goldmans Zeiten, als vor allem der außereheliche Sex das Problem war für die Gegner/Innen. Heute geht es um die Betroffenen von Menschenhandel, Betroffene von psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt, die für einen Aufschrei sorgen. Diese Menschen brauchen unsere Solidarität, unsere Unterstützung, aber gleichzeitig muss darauf geachtet werden, dass keine reine Stellvertretungspolitik betrieben wird.

Egal wie der Gesetzgeber entscheidet: Die Menschen in der Prostitution, die Unterstützung und Perspektiven möchten und fordern, sollen diese erhalten. Sollte das Schwedische Modell doch noch Realität in der BRD werden, so handelt es sich nicht um die Bestrafung von Männern um ihre Männlichkeit willen, sondern einzig um Freier, die ihre Augen nicht verschließen sollen. Die sehen sollen, dass sie wahrscheinlich einen Menschen vor sich haben, der sich in einer äußerst schwierigen Zwangssituation befindet.

Das Schwedische Modell bestraft auch nicht die privilegierten SexarbeiterInnen, sondern kritisiert die möglichen Folgen ihrer Tätigkeit auf die Gesellschaft, auf Frauen und auf negativ Betroffene. Doch auch dieses Modell hat Schattenseiten, die allerdings nicht zwangweise mitübernommen werden müssen.

*http://www.youtube.com/watch?v=Sqhynn54HVc

09:54 25.02.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bala Gul

Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 1

Der Kommentar wurde versteckt