Der Traum vom Fliegen

Wertefrage Olga Grushins Debütroman "Suchanow verkauft seine Seele" ist mehr als ein Roman über Kunst und Diktatur

Ob Anatoli Pawlowitsch Suchanow (56), Chefredakteur der führenden sowjetischen Kunstzeitschrift Kunst und Welt, wirklich ein glücklicher Mensch ist? Das einleitende Motto aus der Offenbarung des Johannes macht sofort misstrauisch: "Du sprichst: Ich bin reich und bedarf nichts! Und weißt nicht, dass du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß." Die Warnung ist ebenso deutlich wie es die Schilderungen in diesem Buch über den Wohlstand des Apparatschiks sind. Suchanows Wort wiegt schwer in der sowjetischen Kunstszene, er ist seit 25 Jahren verheiratet mit der Tochter eines der bedeutendsten Maler, zu dessen Retrospektive in Moskau Olga Grushin den Leser zu Beginn von Suchanow verkauft seine Seele geleitet.

Ein Chauffeur bringt den Redakteur und seine immer noch schöne Nina im Wolga zur Galerie, wo er bedeutenden Persönlichkeiten der Sowjetunion begegnet und eine Einladung des Kulturministers auf dessen Datscha erhält. Ein Kuppelgeschäft bahnt sich an, der Minister will seine Tochter mit Wassili, Suchanows Außenpolitik studierenden Sohn in Verbindung bringen. Karrieren am Höhepunkt, Karrieren am Beginn - die "neuen Menschen" des Sowjetkommunismus werden so bilderbuchmäßig als Spießbürger vorgeführt, dass man ein Abrechnungsbuch vermutet und sich erst einmal die Frage stellt, wie gut die Autorin das wohl zuwege bringt.

Denn Olga Grushin ist gewissermaßen vorbelastet. Der Klappentext verrät, dass die 1971 in Moskau Geborene ihre Kindheit in Prag verbracht hat, wohin die Familie aus Protest gegen das Breshnew-Regime gezogen ist. Oppositionsgeist war hier wohl angesagt, der Kunst in Russland schien sie keine große Zukunft zuzubilligen, denn schon früh, 1989 nämlich, übersiedelte sie mit Hilfe eines Universitätsstipendiums in die USA und wurde 2002 US-Bürgerin. Da will die Eintrittskarte in das Land der Freiheit verdient sein.

So wirkt denn auch manches auf den ersten hundert Seiten etwas grob aufgetragen, etwas schwarz-weiß gezeichnet und in der Konstruktion etwas schematisch. Vielleicht liegt es daran, weil der aufgeklärte Leser nun annehmen könnte, er habe schon in das dem Roman zugrunde liegende Netz gefasst, jetzt strickt Frau Grushin nur noch ihr Buch herunter, zwei glatt, zwei verkehrt, und am Ende kann er feststellen, ja, so ist das eben mit der von einer Diktatur geknebelten Kunst, diesmal der Sowjetsozialismus, der den Charakter deformiert. Das wird er tatsächlich, inhaltlich ist das nichts Neues, aber Olga Grushin hat noch ganz andere Dinge hineingestrickt, die diesen Seelenverkäufer Suchanow wirklich lesenswert machen.

Zwei glatt, zwei verkehrt: Der glanzvolle Suchanow bekommt Probleme. Er begegnet nach der Vernissage Lew Belkin, einem alten Freund, der ihn zu seiner - ersten - Ausstellung nach jahrelanger Dissidenz einlädt. Man hat sich entfremdet, denn der Redakteur ist damals, 1962, einen anderen Weg gegangen. Diese Geschichte rollt Grushin nun auf. Sie rollt auch die Vorgeschichte, die Kindheit des kleinen Anatoli auf und geht damit in die Stalin-Ära. Dieser wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, in einer Wohnung, die sich mehrere Familien teilen müssen. Der selten anwesende Vater zeigt dem kleinen Jungen eines Tages in einem Museum seltsame Flugmaschinen, für Anatoli ein unvergessliches Erlebnis: "Wenn ich groß bin, will ich auch ohne eine Maschine fliegen!" Man muss annehmen, das Verschwinden des Vaters hat mit Stalin zu tun, und die Mutter erzählt dem Knaben Flunkergeschichten zur Beruhigung. Im Krieg taucht er wieder auf, "entlassen" - und begeht Selbstmord. In der Wohnung lebt ein "Professor", der dem Jungen Kunstbücher zeigt und in ihm die Liebe zur Kunst, zur Malerei weckt, bis der alte Mann "abgeholt" wird. Im Nachhinein fällt erst auf, dass diese wahrlich nicht auf Honig gebettete Kindheit völlig unprätentiös erzählt wird - vielleicht sind die Gefühle dieser Lebensphase das Beste, worüber der Mensch verfügt.

Die aktuelle Geschichte verhandelt Suchanows Fall. Es ist ein Absturz auf allen Linien. Fast möchte man sagen, ein Erfolg von Gorbatschows Perestroika. Man kann diesen Niedergang jedoch nicht mit Genuss verfolgen, etwa mit der Einstellung, dieser Suchanow ist doch nur ein feistes Sowjet-Arschloch, dem man gern alles Verderben wünscht. Denn je mehr man über ihn erfährt, umso mehr tritt die Dimension der Abrechnung in den Hintergrund. Natürlich sind Suchanows Meinungen zur Kunst schlicht bescheuert, seine Rechtfertigungen des sozialistischen Realismus eben so hirnverbrannt, wie sie in der Wirklichkeit waren. Umso mehr, als man erfährt, dass er als junger talentierter Maler selbst einmal alle möglichen Stile versucht hat. Die Aussperrung fortschrittlicher Künstler wie Marc Chagall hatte ihn einst ebenso empört wie die Protektion talent- und rückgratloser sozialistischer Bildpinseler.

Eine Auseinandersetzung um Kunst und ihre Bedingungen unter verschiedenen Systemen? Auch das bringt Grushin ein, aber für sie ist der Kampf der Systeme nur der Ausgangspunkt. Angelpunkt aber ist die Kunst als existenzielles Anliegen des Menschen - und die kann ein Suchanow auch in einem kapitalistischen Land verraten. Insofern geht die Autorin in einem sympathisch "altmodischen" Sinn nicht so sehr der Systemfrage als vielmehr der Wertefrage nach. Es interessiert eben nicht so sehr die Sowjetunion, man weiß hinreichend Bescheid über ihre desolaten Verhältnisse; es interessieren die Menschen, ob man sie mag oder nicht. Man ist neugierig, ob und wie sie sich den Problemen stellen, was hat sie zu welchen Entscheidungen bewogen, warum ist Suchanow damals derart umgekippt, was hat Nadeschda Sergejewna, seine Mutter zu verbergen, warum kapselt sich seine Tochter Xenia derart von ihm ab, was ist zwischen Anatoli, Lew und Nina damals vorgefallen, was ist mit seinem Sohn Wassili los, wer zum Teufel ist dieser Vetter aus Wologda, der sich der Familie plötzlich aufdrängt, alle umgarnt, auch die Mutter und schließlich Suchanow wie eine Figur aus einem Dalì-Gemälde erscheint - hier äußern sich die spielerischen Qualitäten der Autorin, die den Surrealismus als subversives Element des Schreibens gezielt einsetzt und nicht zuletzt die Linientreue persifliert.

Nicht alles ist Olga Grushin in ihrer Premiere gelungen. Ganz bestimmt hat sie keinen psychologischen Roman hingelegt. Er ist spannend, man kann sich in ihn hinein versenken, es passiert ganz schön viel, nur die Personen bleiben eher blass. In manchen dramatischen Seelenszenen kommt auch eine hausbackene Schreibe hinein, die könnte man als "russische Romantik" bespötteln und boshaft die russische Seele bemurmeln. Manchmal passiert einfach zu viel, da wünschte man sich ein "lieber weniger, aber etwas ausführlicher" und ruhiger - obwohl ihre erzählerische Fulminanz stellenweise begeistert. Und klug ist. Aber das ist nicht das Entscheidende. Wie sie schlussendlich die Kindheitsgeschichte noch einmal umkrempelt, umcodiert, wie man also einem Leben, dessen Weichen schon lange gestellt sind, im Nachhinein noch einmal eine andere Deutung geben kann - um darauf zu kommen, dass man zu dem Leben, so wie es nun einmal gelebt worden ist, stehen muss, das ist schon große Klasse. Denn damit macht sie das ganze Buch, mit einiger Melancholie, zu einer Liebeserklärung an das Leben und zu einer Absage an jede Ideologie. Wir leben in der Welt, nicht im Kopf.

Olga Grushin: Suchanow verkauft seine Seele. Roman. Aus dem Amerikanischen von Elfi Hartenstein. Claassen, Berlin 2007, 384 S., 19,90EUR


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