Pflicht fürs Vaterland

Spitzbart In Vladimir Sorokins orgiastischer Russlandsatire "Der Tag des Opritschniks" verfasst der Schwiegersohn des Zaren ein oppositionelles Gedicht

Es ist ein leichtes Buch. Eine Handlung im strengen Sinn muss sich Vladimir Sorokin nicht einfallen lassen. Auch keine Charaktere. Nur einen Tagesablauf. Sein Icherzähler ist ein Opritschnik, ein Angehöriger der Opritschnina. Als Vorbild für diese Einheit dient dem 1955 geborenen Schriftsteller die Leibgarde Iwan Grosnys, des Schrecklichen. Der Zar stellte sie 1564 bis 1572 als ihn unmittelbar und keinem Gesetz unterworfene Leibgarde von 1.500 Mann auf. Über die Funktion dieser Truppe gehen die Meinungen der HistorikerInnen weit auseinander. Einige sehen in ihr ein militantes Mittel zur Reform der alten Feudalherrschaft. Andere sehen sie als Hilfswerkzeug des Zaren, die Bojarenaristokratie niederzuwerfen. Wieder andere unterstellen ihrer Gründung psychologische Hintergründe, die Paranoia des Zaren, wie aus den wenigen Quellen vermutet wird.

Entgegen den marxistischen Geschichtsmodellen, in denen die Persönlichkeit wenig Platz hat, erscheint es allerdings glaubwürdig, dass der an Institutionen arme Moskauer Staat starker Personen bedurfte - und als solche hat sich Zar Iwan ins russische Geschichtsbewusstsein eingeprägt. Hart, aber gerecht: Hart ist in der russischen Geschichte immer grausam, gerecht bedeutet, dass auch irgendwelche Adelige ins Gras beißen. Hart, aber gerecht - auch wenn die Forschung inzwischen einige Anhaltspunkte dafür hat, dass die Opritschnina Terror gegen alle Schichten der Bevölkerung ausgeübt hatte.

Sorokin geht es jedoch weniger um die ungewisse Geschichte, als um die deftige Metapher, die längst aus der Opritschnina gemacht worden ist. Das Bild passt auch auf Stalin und seine Schergen, es passt vielleicht schon wieder auf einen Staat, in dem demokratische Institutionen nur den Faltenwurf um einen Staatskörper bilden, der sich zunehmend seinen über Jahrhunderte vertrauten autokratischen Strukturen annähert. Noch ist es nicht ganz so weit, daher legt Sorokin den Tagesablauf seines Opritschniks Andrej Danilowitsch Komjaga recht willkürlich in das Jahr 2027. Ein bisschen Science-fiction-Schnickschnack dazu in Sachen Information, doch er strengt sich nicht sehr an, es könnte auch 2011 sein, es könnte mit dem "Gossudar", dem autoritären Herrscher, auch Putin gemeint sein. Hat vielleicht nicht auch er von seiner Opritschnina inzwischen einige spektakuläre Fälle jenseits rechtsstaatlicher Normen erledigen lassen, unliebsame MenschenrechtlerInnen, Agenten, Oligarchen, Politiker?

Im Unterschied zur Gegenwart gehen im Roman die Opritschniks ganz unverhohlen vor. Nach dem Frühstück wird der Oligarch Kunizyn aufgesucht, er ist zum Abschuss freigegeben, wird pflichtbewusst gehenkt. Bei seinem Verröcheln werden die Mützen abgenommen und Kreuze geschlagen. Denn ewig ist das Ritual. Danach wird des Feindes Weib pflichtgemäß reihum gefickt. Herr Komjaga ist absolvierter Historiker, kein rohes Monstrum, und geht jeden Morgen in die Kirche um eine Reliquie abzulecken. All das mit gehobener Routine und im vollen Bewusstsein der schweren vaterländischen Pflicht, dessen Inkorporation der Gossudar mit seinem blonden Spitzbart ist, allgegenwärtig auf den Teleportern. Er ist der Diktator eines ummauerten Russland, dessen Bevölkerung umfassend bespitzelt wird. Nur mit China hat man sich inzwischen angefreundet ...

Weiter geht es im Alltag des Opritschniks. Allerdings ragt ein Ereignis heraus. Der Schwiegersohn des Zaren hat ein irgendwie oppositionelles Gedicht verfasst. Ein Spottgedicht auf die Familie des Gossudars. Eine seltsame Geschichte. Blumig, unfassbar, schwer durchschaubar. Ein Haus brennt, wer hat es angezündet? Darin eine leichtsinnige Frau, deren Sinne ein Graf leicht entzündet. Nein, die Russen! Es brennt, und vor aller Augen nimmt er sie von hinten. Diese Zündler! Das mag der Gossudar nicht, diese Brandstiftereien. Da mag einer noch so verwandt sein. So unbestechlich ist der. Die Moral ist ihm wurscht. Aber er hasst es, wenn öffentliches Eigentum abgefackelt wird.

Also wird wieder etwas passieren, ein gerechter Mord, die Pflicht fürs Vaterland. Davor aber noch schnell ein Sibirienflug, ein Besuch bei einer Wahrsagerin, die Dostojewski und Tolstoi verbrennt - also, diesem Sorokin fällt schon allerhand Blödsinn ein. Die Gossudarin will von der Wahrsagerin ihren neuen Liebhaber wissen. Und der gebildete Herr Komjaga hat auch ein ganz unalltägliches Anliegen: "Was wird aus Russland?" - "Nichts", erwidert die Wahrsagerin Praskowja, "ist unmöglich." Und weil nichts unmöglich ist, kann Sorokin seinen "Helden" auf dem Rückflug fernsehen lassen: "Auf Kanal 5 verbreitet sich Boruch Gross über Amerika als neues Unbewusstes von China und China als neues Unbewusstes von Russland, welches bis auf weiteres nur sein eigenes Unbewusstes sei." Man versteht.

So vergeht ein harter Arbeitstag. Der Schwiegersohn wird pflichtgemäß in der Sauna hingerichtet, die Opritschnina darf sich nach getaner Arbeit entspannen. Zu diesem Zweck hat sich der Dichter noch einen Finalfick einfallen lassen. Dank chinesischer Technologie haben die Kerle in allen Farben aufglühende Gemächte und besonders gehärtete und lange erregbare Klöppel mit Hyperglasfiberspitzen. Man macht "Kette" und so weiter, Gestöhn und Gejokel und: "Lieber Gott, lass uns unsterblich sein." Das ist Satire, noch ist Russland nicht verloren, so Sorokins vorletzter Satz, der letzte: "Und das ist gut so."

Wie gesagt, die Handlung, wenn man den Ablauf so bezeichnen kann, ist leicht verständlich. Da wurde so manche Nase gerümpft über Sex, über Gewalt- und Lustorgien. Manch zarte Seele sah nur garstigen Expressionismus und Masochismus und darin ein ohnmächtiges Einwilligen in die staatliche Gewalt. Blutige Exzesse, Orgien, Drogenrituale. Andere begeisterten sich daran, so sieht es eben in düsteren Diktaturen aus, und bejubelten den Dichter. Ein bisschen haben beide Arten von Kritik Recht.

Man kann leicht enttäuscht sein über die enorm dürftige Story, an der dann fast nur das Exzessive auffällt. Und man kann Sorokin auch die Wahl der Erzählperspektive übel nehmen. Mit dem selbstgefälligen Trottel von Opritschnik als Icherzähler müssen die Leser auch noch dessen blödeste Hirnwichsereien hinnehmen. Der reflexive Raum ist damit äußerst eingeengt. Alltägliche Menschen, Normalos etwa hat dieser Herr Komjaga absolut nie auf dem Radar. Dass das Buch nach 70 Seiten noch immer lesbar bleibt, liegt dann doch am unerschütterlichen Einfallsreichtum des Dichters - von dem man freilich schon weit Besseres gelesen hat.

Bei aller simplen Erzählstruktur zieht Sorokin eines jedoch beharrlich durch: die Gewalt als Pflichterfüllung, das Beamtenhafte seiner Handlungen. Dem Vorgesetzten gefallen zu wollen. Den Dienst am Staat wirklich ernst zu nehmen, so lächerlich diese Ernstnehmerei auch wirkt. Manch einer hat gefragt, worin das Satirische läge. Bestimmt nicht in der Gewalt, nicht in den Orgien. Sondern in dieser bescheuerten Pflichterfüllerei. Dieser Opritschnik zieht sich zum Morden noch Ärmelschoner über. Kennen wir das nicht?

Sorokin skizziert da eine Mentalität, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. So ungefähr das Buch über weite Strecken ist, so sehr es im Allgemeinen herumrührt, sich an keiner bestimmten Zeit festmacht, nur völlig gesichtslose Gestalten hinwirft, in einem gewissen Sinn weitgehend unpolitisch ist - in dieser Mentalitätszeichnung wird es erschreckend politisch. Wie antwortete die Wahrsagerin, was aus Russland wird: "Alles ist möglich."

Vladimir Sorokin Der Tag des Opritschniks. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner, Kiepenheuer Witsch; Köln 2008, 224 S., 18,90 EUR

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