Zwischen allen Gewissheiten

Heimat Lojze Kovacics dreibändige Roman-Chronik "Die Zugereisten" ist eine slowenische Geschichte des Zweiten Weltkriegs und ein literarisches Jahrhundertwerk

Auf dem Umschlagcover des ersten Bandes ein Foto: ein Gleis zieht nach hinten auf einem geschotterten Bahnkörper, rechts daneben herbstlich verdorrte Gräser und Schilf, in die Bildmitte hinein gewinnt immer mehr Dunst und Nebel die Oberhand. Kaum zu erahnende Baumgruppen im Hintergrund, das Gleis verliert sich im vom Nebel wattierten Irgendwo.

Kein Ort, nur schwarze Nacht, so erfährt der Icherzähler die Ankunft im fremden Land Slowenien, das seine "Heimat" ist. Lojze ist der Sohn eines Arbeitsmigranten, eines Kürschners, der vor Jahren erst nach Deutschland ausgewandert ist, geheiratet hat, weiter gewandert ist. In Brüssel waren sie, wo 1910 die Tochter Clairi geboren wurde, dann ging es nach Basel, wo es Arbeit gab und bescheidenen Wohlstand. 1928 kam Lojze auf die Welt, acht Jahre später Clairis ledige Tochter Gisela. 1938, das Schicksalsjahr, die Ausweisung, sie müssen in ein Heimatland, das niemand kennt außer dem Vater, der es vor dreißig Jahren verlassen hat.

Mit dem Zug treten sie die Reise ins Ungewisse an, mitten in einer ungewissen Zeit, für das kleine Land Slowenien eine der dramatischsten Phasen in seiner ganzen Geschichte. Nicht allein wegen des Krieges. Noch fern der Macht dichteten sozialistische Ideologen, die Proletarier hätten kein Vaterland. Als sie dann doch Vaterländer hatten, wurden aus den Ideologen grausame Despoten im Namen einer nicht mehr hinterfragbaren Ideologie. Lojze Kovacic, der das Leben in seinem bittersten Elend kennen gelernt hat, ausgewiesen als Kind, aufgewachsen unter Fremden, deren Sprache er sich erst mühselig aneignen musste, in seinen Tätigkeiten als Jugendlicher eher Hausierer und Bettler denn Schüler, muss unter dem neuen System mehr als einmal um sein Leben fürchten.

Im Namen der Ideologie

Über diese zehn Jahre - bis 1948, bis Titos Bruch mit Stalin - berichtet seine Roman-Chronik. Und wie sie das tut! 1.300 Seiten sind nicht wenig, aber der Leser wird in ihren Sog hineingezogen, unwiderstehlich. Das schießt dahin wie Wildwasser. Man möchte, kaum ist man fertig, alles, alles von diesem Autor lesen.

Kovacic hat diese Chronik 1984, noch in Jugoslawien, veröffentlicht, da war er schon weit über fünfzig. Der Icherzähler zu Beginn des Buches ist aber gerade zehn, elf Jahre alt, er erzählt im atemlosen Ton des Jugendlichen, der unglaubliche Abenteuer erlebt. Dem Autor gelingt ein Ton, der allen drei Büchern eine enorme Spannung von packender Dichte und leichtem Schweben verleiht. Die unbändige Weltenneugier des Knaben, die Poesie der unscheinbaren Dinge und einfachen Begebenheiten mit dem Anschein kindlichen Sehens, weil Kovacic auch ein Meister mitteleuropäischer Lakonik ist, und die politischen Mikro- und Makroverhältnisse, denn die drei Bände enthalten auch, so nebenbei, reichlich politische Reflexionen, ergeben ein weit gespanntes Konglomerat von Autobiografie und Zeitgeschichte.

Die Chronik setzt mit dieser Ausweisung aus der Schweiz und der nächtlichen Ankunft irgendwo auf dem Lande in Slowenien ein. Dort findet ein unaufhaltsamer Abstieg statt, ein verzweifelter Kampf um die Existenz. Der Vater pendelt nach Ljubljana, kann sich kaum etwas ersparen, in Slownien werden ganz andere Löhne gezahlt als im reichen Basel. Die Feindseligkeit des Landlebens setzt der Familie zu, sie übersiedelt in die Stadt, an den Stadtrand, zieht in verschiedene Behausungen. Clairi und Lojze hausieren, um Pelze zu verkaufen. Mit großer Mühe lernt der Knabe die fremde Sprache, boxt sich hinein in die komplizierten Beziehungen der Jugendlichen. Entdeckt undurchschaubare Spaltungen, "Falken" und "Adler", Mitglieder der nationalistischen slowenischen Turnerbewegung und aus den besseren Familien die einen, aus den unteren Schichten die anderen. Die Soldaten des jugoslawischen Königreiches verachtet er: " ... weder Pfarrer noch Zigeuner". Auch die Uniform der Hitlerjugend will ihm nicht passen. Aber sein kranker Vater glaubt mit Hitler aus dem Elend zu kommen. Sie sind doch Deutsche ... Dann marschiert Mussolini in Ljubljana ein.

Lojze ist ein schwankendes Rohr. Ein bisschen ein Versager. Ein Spätentwickler, in der Schweiz musste er wegen der Lunge lange in die Heilanstalt, in der Schule schon mal durchgefallen, schlechte Noten, da kommen dem 14-Jährigen auch schon Selbstmordgedanken. Etwas haltlos, die Mädchen verdrehen ihm allzu leicht den Kopf, politisch hat er wenig Ahnung, mal bewundert er die Domobrancen, die zu den Deutschen halten, ihre großartigen Sprüche vom antibolschewistischen Kreuzzug, dann wieder den Mut der Partisanen, gegen diese Übermacht aufzustehen.

Zwischen allen Fronten

Er ist auch ein Mutiger, muss sich durch das Leben kämpfen, als Bandenführer von Gleichaltrigen. Dennoch steht die Familie weiterhin in seinem Zentrum, sie ist das einzig Feste in seinem Leben. Die Umsiedlung nach Deutschland wird erwogen - doch das nationale Bekenntnis schreckt ab. Ohnehin gibt es Komplikationen, ein Polizeiverhör, Lojzes Bande wird gesprengt, man siedelt wieder einmal um. Als der Krieg in seine letzte Phase rückt, entdeckt der Schulversager eine neue Leidenschaft: Er beginnt zu zeichnen und zu lesen und versucht zu schreiben. Der Vater stirbt. Das Schreiben wird nun ein Akt des Wieder-Holens, des Wieder-Herholens. Den Vater wieder herholen. Das Leben aufschreiben gegen den eigenen Tod. Mit 16 bringt er seinen ersten Erinnerungstext zu Papier.

Eigentlich steht er zwischen allen Fronten, als im Mai 1945 die Partisanenarmee in Ljubljana einzieht. Das ist eine der großen Meisterleistungen: Die Schilderung des "Triumphs", erlebt von einem innerlich Zerrissenen. Seine Versuche, in dieser neuen Gesellschaft Fuß zu fassen und dabei aufrichtig zu bleiben. Das distanzierte Porträt einer "neuen Zeit", die mit viel Angst und Bürokratismus beginnt. Er mag Literatur, schließt sich einer Gruppe an, Angehörige der Oberschicht sind dabei. Zum ersten Mal geht Lojze, in kurzen Hosen und barfuss, in das vornehme Cafe Union im Zentrum von Ljubljana. Das ist ergreifend. Weil es so unprätentiös geschildert ist. Und deutlich wird die Kluft zwischen Sozialismus und Proletarier.

Lojze Kovacic bleibt hin- und hergerissen zwischen Anpassung und Aufbegehren. Nicht in Slowenien, sondern in der so mühsam angeeigneten slowenischen Sprache findet er seine Heimat. Auch das Buch geht "offen" aus: Wird der junge Lojze vielleicht doch noch als Deutscher abgeschoben wie seine Familie oder gar als "Kollaborateur" verhaftet? In dieses Sprachstakkato möchte der Leser sofort wieder eintauchen. Aber in diese Zeit?

Vergleiche mit Bruno Schulz, Manès Sperber, Danilo KisŠ und Imre Kertész wurden gezogen, die Weltliteratur bemüht, auch der Übersetzer Klaus Detlef Olof, ein Unermüdlicher, wurde gebührend gelobt: Man erkannte ein "Jahrhundertwerk" des slowenischen Autors Lojze Kovacic, der am Tag des EU-Beitritts seines Landes verstarb. Dem kleinen Klagenfurter Drava Verlag muss gedankt werden, der seit vielen Jahren literarische Sprengsätze an die Karawankengrenze legt und mit seinem zweisprachigen Programm Korridore und Übergänge zunächst zwischen den Systemen, dann zwischen zwei Ländern schlug, die nicht nur durch alte gemeinsame Kulturräume, sondern auch durch völkische Feindbilder miteinander verbunden sind.

Lojze Kovacic Die Zugereisten. Eine Chronik. Band 1-3. Roman. Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. Drava, Klagenfurt/Celovec 2004-06, 319 S.,
344 S., 596 S., zusammen in Kassette 59,- EUR

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