Corona-Nächte in Berlin – damals und heute

Geschichtsschreibung Mit ihren historischen Straßenzeichen bietet Berlin die Chance, die Coronapandemie geschichtlich zu denken und das gegenwärtige Zeitgeschehen kritisch zu hinterfragen.
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Vermutlich ließ sich die Corona-Zeit für diejenigen in Berlin, denen, wie mir, (ausreichende) Wohnräume und (indirekte) technische Kommunikationskanäle zur Verfügung stehen, tagsüber besonders schwer ertragen. Nachrichten über Leidende, Infizierte, Testmangel, Kurzarbeit, Finanzmaßnahmen, Absperrungen und Ordnungsamtkontrollen schienen ununterbrochen auf die Bindung an die Stadt einzuwirken. Die Reaktion darauf? Die (nachzuvollziehende) Besorgnis über die individuelle und Branchenfortentwicklung konnte sich fast übergreifend durchsetzen.

Nun ließen die Nachrichtenströme auch in den vergangenen anderthalb Monaten nachts nach – nicht aber der Kreislauf von Berlin. Ihr Pulsschlag war klar zu unterscheiden. Diesmal waren es nicht die Lichter, die Kneipenmusik, die Hupen, die Ausrufe und die Mülltonen, die zu Wort kamen. Zu hören war die Stille der fesselnden Geschichtspräsenz in der Stadt. Von Straßenschild zu Straßenschild konnte eine Bummlerin wie ich, deren Gesundheitszustand es erlaubte, auf große historische Umwälzungen zurückblicken. Von Gedenktafel zu Gedenktafel traten persönliche Schicksale aus diesen Ereignissen hervor.

Von den unzähligen historischen Straßenzeichen, die mir in den einzelnen Berliner Bezirken nachts begegnet sind, möchte ich zwei erwähnen. Die beiden sollen an Personen erinnern, die an der Grenze vom 18. zum 19. Jahrhundert gelebt und gewirkt haben. Heute ermöglichen sie eine moment- und revierübergreifende Auseinandersetzung mit dem Thema Corona – und dadurch mit den Konvulsionen des gegenwärtigen Zeitgeistes.

Wie die Inschrift hindeutet, steht das Straßenschild der Hölderlinstraße im Bezirk Chalottenburg-Wilmersdorf für den Dichter Friedrich Hölderlin, dessen 250. Geburtstagsjubiläum in diesem Jahr, zum Teil unbemerkt, am 20. März gefeiert wurde. Hölderlin war nicht nur wegweisend für die dichterische Moderne, er wusste sich als ein suchendes Geschichts- und Gesellschaftssubjekt zu verstehen. Inspiriert war er ursprünglich von der Französischen Revolution. Seine poetischen Figuren konnten noch damals auf die Welt mit der Überzeugung blicken, dass:

„Den Kunst und Sinnen hat Schmerzen” (Der Spaziergang)

und

„Aus einer guten Seele kommt

Die Schönheit herrlichen Bestrebens” (Auf die Geburt eines Kindes)

und

„Die Linien des Lebens sind verschieden

Wie Wege sind, und wie der Berge Gränzen.” (Die Linien des Lebens …)

Eine Gedenktafel an dem Haus in der Behrenstraße 12 im Bezirk Berlin-Mitte bezeugt ferner den Aufenthalt von Heinrich Heine in Berlin. Im kommenden Jahr werden es 200 Jahre nach seiner Immatrikulation an der Humboldt-Universität sein. Ähnlich wie bei Hölderlin wäre es auch bei Heine unmöglich, sein gesamtes bewegtes Leben in ein paar Zeilen zu pressen. Wichtig wäre dagegen, sein wachsames Geschichtsbewusstsein, seine unermüdliche Kritik an dem Nationalismus in den damaligen deutschen Staatsformationen, dem Antisemitismus und dem unkritischen Denken per se in Erinnerung zu bringen – wieder im Geiste der Französischen Revolution. Heine schreibt:

„Und viele Bücher trag ich im Kopf!
Ich darf es euch versichern,
Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest
Von konfiszierlichen Büchern.”
(Deutschland. Ein Wintermärchen: Kap. 2)

und

„Aber wir verstehn uns baß,

Wir Germanen, auf den Haß.

Aus Gemütes Tiefen quillt er,

Deutscher Haß! Doch riesig schwillt er,

Und mit seinem Gifte füllt er

Schier das Heidelberger Faß.” (Diesseits und jenseits des Rheins)

Nun bietet Berlin mit der Ausschilderung historischer Kontexte die Chance, aus dem schnell wechselnden Tempo der Corona-Tage rauszukommen und dafür die Verbreitung des Virus und die Reaktionen darauf geschichtlich zu denken. Jede(r) von uns ist viel mehr als ein Beitragender oder Empfänger von individuellen und branchenbezogenen Rettungsmaßnahmen. Wir sind Geschichtsschreiber und damit gesellschaftliche Akteure. Dies zählt, meiner Ansicht nach, zu den wichtigsten kulturellen Botschaften von Friedrich Hölderlin und Heinrich Heine. Geschichte ist nicht nur zu leben, aber auch von jedem/jeder zu hinterfragen und zu gestalten.

Hölderlin und Heine sind in einer bestimmten Zeit aufgewachsen. Es wäre die Aufgabe der jetzigen Generationen, ihr eigenes Zeitgeschehen zu definieren und mitzutragen. So könnte man anfangen: Covid-19 zeigt uns wiederholt, wie verflochten die planetarische Existenz, wie ausgebeutet die Natur und die Tierareale, wie ausgrenzend die globale Gesellschaft und ihre Gesundheitssysteme, wie präsent pro-autoritäre Tendenzen in der Medien- und Politikwelt von Washington bis Manila, wie kurzsichtig die Politik des Gleichgewichts der Großmächte (Balance of Power) usw. sind. Der diesjährigen Coronapandemie würde nach verschiedenen Prognosen der Ausbruch eines weiteren Virus in den kommenden Jahren folgen. Wann und wie dies geschieht, wird zu einem beträchtlichen Maße von der heutigen Geschichtsschreibung abhängen.

10:35 21.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Boryana Aleksandrova

Interessiert sich für das heutige globale Zeitalter
Boryana Aleksandrova

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