Das Coronavirus und die „Schwachen”

Gleichberechtigung Die Corona-Krise verlangt unsere gemeinsamen Bemühungen. Sie lässt auch soziale Ungleichheiten erkennen, die die allgemeine gesellschaftliche Immunität untergraben.
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In einem journalistischen Bericht über die Verbreitung des Coronavirus in Argentinien (1:00 Min) wird u.a. ein physischer Trainer gezeigt, der sich weigert, eine Quarantäne von 14 Tagen in Rücksicht zu nehmen. Der Mann soll gerade aus den USA zurückgekehrt sein. In seiner Ablehnung der Quarantänemaßnahmen gerät er in Streit mit dem Wächter seines Wohnblocks und fängt an, diesen wütend von allen Seiten zu schlagen. Die Journalistin beendet den Abschnitt mit den Worten: „Das Video hat einen Schock in Argentinien ausgelöst”.

Der Anblick schonungsloser Ausübung von körperlicher Gewalt würde dem Selbstverständnis jedes/jeder Einzelne(n) meistens widersprechen und ihn/sie bestürzen. Eine öffentliche Erschütterung wie diese in Argentinien kann aber viel mehr bedeuten. Sie lässt an diejenigen Verhältnisse denken, die unsere Existenz mit anderen Personen lautlos durchdringen. So wie sie z.B. Frauen in Argentinien zum Internationalen Frauentag in diesem Jahr adressiert haben. Tausende von ihnen haben am 8. März erneut für ein Leben ohne Geschlechtergewalt, neue Abtreibungsgesetze und gleiche Bezahlung für Frauen und Männer demonstriert – all dies in einer postkolonialen, postdiktatorischen und von wirtschaftlicher Diskrepanz gekennzeichneten Gesellschaft.

Das Covid-19 betrifft folglich nicht nur die eigene physische und psychische Gesundheit. Es greift tiefer in das soziale Gewebe einer Gesellschaft ein. Das erlebt man zur Zeit ebenso in Deutschland. Schnell begannen in den Medien und in offiziellen Aussagen Aufrufe zu kursieren, auf die sog. Schwachen „neben uns“ zu achten. Bewusst oder unbewusst, vermitteln also Wirtschafts-, Sport- und Politikberichte in den letzten Tagen ein Normalitätsbild orientiert nach dem „Stärkeren”. In einem Gleichberechtigungsdiskurs hätte man wahrscheinlich über Menschen in Not an dieser Stelle geredet. Kein Virus kann die „Selbstverständlichkeit der Stärke” in einer sozialen Umgebung von alleine begründen.

Letztendlich haben ähnliche Denk- oder Handlungsmodelle eine Auswirkung bei der Anwendung von sexualisierter Gewalt seitens von internationalen Friedenstruppen in humanitären Krisen. Solche Fälle wurden bekannt in Haiti, Somalia, der Zentralen Afrikanischen Republik und der Demokratischen Republik Kongo.

Die Corona-Krise ist zweifellos immens und verlangt unsere gemeinsamen Bemühungen. Gleichzeitig lassen bestimmte Reaktionen schon bestehende, chronische Erkrankungen des gemeinsamen Lebens weltweit erkennen. Bekanntlich ist die allgemeine Immunität die beste Voraussetzung für die Bekämpfung eines Virus. Je mehr „Schwache” eine Gesellschaft produzieren würde, desto schneller würde ihre Immunität abnehmen. Und desto schlimmer würde das nächste Virus ihre Solidaritäts- und Gleichberechtigungsfähigkeit treffen.

17:40 19.03.2020
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Geschrieben von

Boryana Aleksandrova

Interessiert sich für das heutige globale Zeitalter
Boryana Aleksandrova

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