Hanau – Trauern über Grenzen hinaus

Weltgesellschaft Das Trauern nach dem Anschlag in Hanau lässt wichtige Fragen über die Auffassung von Solidarität im heutigen globalen Zeitalter zur Sprache bringen.
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Trauern führt in die Tiefe der eigenen Existenz. Es kratzt an der Seele, rüttelt an unserem Selbst-Bild, fordert die Beantwortung der großen Fragen unseres Lebens aufs Neue.

Trauern geht auch in die Breite. Als kollektiver Prozess lässt es gesellschaftliche Wahrnehmungen über Solidarität überprüfen sowie historische Zustände überdenken. Entsprechend kann eine Trauerarbeit nach dem Anschlag in Hanau am 19. 02. 2020 zu einer Auseinandersetzung mit laufenden Auffassungen von Gemeinschaft im heutigen globalen Zeitalter verhelfen. Was für ein kulturelles Instrumentarium braucht eine Gesellschaft, um sich selbst und die Welt als Ganzes gegenwärtig zu definieren?

Solche Probleme können an dieser Stelle nicht in ihrer Gesamtheit erörtert werden. Noch dürfen sie als die einzige Erklärung für den Fall Hanau betrachtet werden. Eher möchte ich auf sie, aufgrund einiger online Darstellungen der Verstorbenen, aufmerksam machen.

So haben sich unter dem Hashtag #SayTheirNames Menschen zusammengetan, die den Ermordeten mit ihren Namen und ihren Gesichtern gedenken. An sie wird als „Nachbarn, Freunde, Verwandten“, als „Hanauer“ erinnert. Fatih Saraçoğlu, Ferhat Ünvar, Gabriele Rathjen, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Mercedes Kierpacz, Said Nessar El Hashemi, Sedat Gürbüz und Vili Viorel Păun gehören in diesen Twitter-Threads unmittelbar zu der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Hanau. Sie sind jemand, die den alltäglichen Puls der Stadt mitgestaltet haben.

Eine Namensliste wurde auch von der Amadeu Antonio Stiftung erstellt. Unter den Namen finden wir Ausschnitte von den diversen Lebenswegen, die die Opfer oder ihre Familien nach Hanau geführt haben. Um Einiges zu nennen, Ferhats Eltern waren wegen Verfolgung aus der Türkei nach Deutschland geflohen. Hamza wurde in einer Familie geboren, die aus einer Stadt im heutigen Bosnien und Herzegowina gekommen war. Mercedes wuchs in einer deutsch-polnischen Roma-Familie auf. Vili hat ursprünglich seine Mutter bei einer medizinischen Behandlung in Deutschland begleitet. Alles vielschichtige, transterritoriale, nicht unter einem bestimmten Pass einzuordnende, aber auch nicht zu zerstückelnde, Biographien. Die Namensliste enthält noch persönliche Aussagen über die Charakterzüge der Getöteten.

Das Hashtag #SayTheirNames und die Amadeu-Antonio-Stiftung-Namensliste sind als Teilbeispiele eines sich formierenden kollektiven Gedächtnisses über die Morde in Hanau zu verstehen. Als solche können sie als trans- oder übernationale Formen von gesellschaftlicher Solidarität interpretiert werden. So eine Solidarität springt aus den komplexen Verflechtungen in einer Gesellschaft heraus. Sie baut weiterhin auf die grenzüberschreitende Verbundenheit der Gesellschaft mit ihrer sozial-ökologischen Umgebung auf. Damit ist diese Art von Solidarität ganz konkret – sie richtet sich nach Menschen, mit denen man den Alltag und die Welt als Ganzes teilt oder geteilt hat.

Laut Forscher wie Ulrich Beck haben uns ähnliche Verflechtungen seit langem in den Zustand einer Weltgesellschaft gebracht. Dabei geht es nicht nur um einen quantitativen Zuwachs der Wechselwirkungen zwischen und im Rahmen einzelner Gesellschaften und Regionen, sondern auch um deren qualitative Umwandlung. So kommen grenzüberschreitende Formen von Kultur, Wirtschaft, Familienbeziehungen, politischen Mobilisierungen usw. immer häufiger in den einzelnen Gesellschaften und Menschenleben zum Vorschein. Gleichzeitig weist Beck darauf hin, dass das Aufkommen der Weltgesellschaft eine „Ubiquität kultureller, religiöser, politischer und ökonomischer Unterschiede und Weltprobleme“ mit sich bringt. In vielen Situationen nehmen diese Unterschiede und Weltprobleme die Form einer gravierenden Ausgrenzung von Menschen und Natur an.

Der Rassismus in einer Weltgesellschaft, basiert auf viel mehr als bloßes Unwissen oder Unfähigkeit, mit grenzüberschreitenden Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Problemen umzugehen. Er fußt auf Herrschaftsansprüchen. Die Trauerarbeit nach Hanau soll also in einem nächsten Schritt diejenigen Diskriminierungsmechanismen ans Tageslicht bringen – offen oder subtil, die jemanden in seiner übergeordneten Auffassung gegenüber Menschen mit transterritorialen Biografien bestätigen. Dies bedeutet auch die Rolle von Geschlecht, Rasse, Klasse, Zugang zu Macht und Wissen, Umgang mit Geschichte und der postkolonialen Vergangenheit, Elitenstruktur, Staatsangehörigkeit usw. in der Funktion dieser Mechanismen in Erwägung zu ziehen. Wie wären dann die Lebenswege der Verstorbenen, die sich in den gleichen kleinen Lokalen in Hanau kreuzen, zu lesen?

Solidarität in der Weltgesellschaft wird immer mehr Komplexität in unserem Denken und unseren alltäglichen Taten verlangen. Sie drückt sich in dem Engagement gegenüber dem/der, „von Weitem gekommenen“, direkten Nachbarn/in aus. Sie soll aber gleichzeitig die Verstorbenen im Mittelmeer, die ausgebeuteten Kinder in Sweatshops, die von Hungersnot bedrohten Familien in den Dürre- und Überschwemmungsregionen in Afrika usw. miteinbeziehen. Dann lässt sich die Frage stellen: Inwieweit tragen die Trauermobilisierungen mit Hilfe des Hashtags #SayTheirNames und der Amadeu Antonio Stiftung in sich das Potential, solidarische Impulse über Grenzen hinaus in ihrer Ganzheit auszustrahlen?

Darstellungen im Netz, die die Opfer und ihre Biografien automatisch unter einer festen „Nationalität“, „Staatszugehörigkeit“ oder einer „Nationalflagge“ subsumiert haben, wären dagegen zu hinterfragen.

21:47 28.02.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Boryana Aleksandrova

Interessiert sich für das heutige globale Zeitalter
Boryana Aleksandrova

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