Altenpflege

Ein teures Jammertal Die stationäre Altenpflege in Deutschland ist oft unbefriedigend.
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Mama ist meine Schwiegermutter, die mir so lieb ist wie meine eigene Mutter, die längst tot ist.

Vor 4 Jahren, sie war 97, musste sie ins Altenheim, nachdem sie sich bei einem Sturz in ihrer Wohnung böse verletzt hatte. Wir hatten schlaflose Nächte. Es ging nicht mehr anders.

Wir fanden ein Heim in der Nähe unserer Wohnung. Leider mussten wir bald erkennen, dass die BewohnerInnen die weitaus meiste Zeit sich selbst überlassen waren. Es war, als würde ein Verwahrungs- und Versorgungsprogramm abgearbeitet, kleine und große Unzuträglichkeiten inbegriffen. Das Nötigste wurde gemacht, nicht mehr und nicht weniger. Kosten: EUR 3.500,00 monatlich. Mama hat 1.000,00 Euro Rente. 1.279,00 Euro zahlt die Pflegeversicherung. Der Rest ist unsere Sache, was uns nicht leicht fällt.

Nach drei Jahren, Mama hatte gerade ihren 100. Geburtstag gehabt, der sehr schön gefeiert wurde, hieß es, das Heim werde umgebaut. Mit 18 Monaten Bauzeit sei zu rechnen. Es werde laut. Die BewohnerInnen würden nach dem Gang der Bauarbeiten im Haus umquartiert, anders gehe es nicht. Auf meine besorgte Frage, wie die alten Leute mit der Bauerei klarkommen sollten, wie sie Dreck und Lärm ertragen, ihre gewohnten Wege finden sollten usw, erhielt ich vom Architekten zur Antwort, er mache so etwas nicht zum ersten Mal, worauf ich einen Tobsuchtsanfall bekam. Sehr peinlich. Das Gesetz ermöglicht es in solchem Fall nur, den Mietanteil an den Pflegekosten zu mindern oder zu kündigen. Als ob es das wäre! Ich sah vor mir, wie sie Mama, wenn es soweit ist, in ihrem Sarg durch die Baustelle schleppen, wie in einer Werkzeugkiste. Dazu darf es nicht kommen.

Wir haben Glück. In der Stadt wird gerade ein neues Altenheim eröffnet. Kurz entschlossen melden wir Mama an und ziehen um. Das neue Haus ist sehr schön und noch kaum belegt. Die PflegerInnen sind sehr freundlich; sie haben Zeit für jede Bewohnerin und für jeden Bewohner. Na also, denken wir.

Ein halbes Jahr später ist das neue Heim voll belegt. Wir stellen fest: Die BewohnerInnen sind die meiste Zeit sich selbst überlassen. Es ist, als werde ein Verwahrungs- und Versorgungsprogramm abgearbeitet, kleine und große Unzuträglichkeiten inbegriffen. Das Nötigste wird gemacht, nicht mehr und nicht weniger.

Die Pflege ist, alles in allem, gerade so gut, dass man nicht sagen kann, es wäre alles schlecht. Die PflegerInnen verrichten ihre Arbeit, die einen besser, die anderen schlechter. Was willst du, fragen sie dich mit ihren Blicken, wenn sie merken, wie unzufrieden du bist. Ist es anderswo besser als hier? Warum geht ihr nicht dorthin? Du schweigst und denkst: Für soviel Geld, da muss doch alles stimmen. Aber weit gefehlt, sehr weit...

18:54 07.02.2013
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