Darf Sterbehilfe wirklich nichts kosten?

Keine Frage! Das Sterben muss frei von wirtschaftlichen Einflüssen bleiben, sagen die meisten. Daher kommt "geschäftsmäßige" Hilfe beim Suizid nicht infrage. Ist das überzeugend?
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http://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/2534825567/1.1895809/article_multimedia_overview/wenig-geld-wenig-jahre-die.jpg

Bei der Anfang Juli anstehenden ersten Lesung zur Sterbehilfe im Bundestag werden voraussichtlich vier verschiedene Gesetzentwürfe miteinander konkurrieren.

http://www.rp-online.de/politik/deutschland/sterbehilfe-soll-kein-geschaeft-sein-aid-1.5152765

Einig sind sich alle darin, dass es keine „geschäftsmäßige" Beihilfe zur Selbsttötung geben soll. Die mögliche Beihilfe zum Suizid solle nicht zum "Dienstleistungsangebot" werden. Vereine oder auch einzelne Ärzte sollen belangt werden können, wenn sie „systematisch“ Beihilfe zum Suizid anbieten. Wer im Einzelfall nur Hilfe "beim Sterben" leistet, bleibt hingegen von einer Strafe verschont.

"Wir müssen die Menschlichkeit auch in schweren Zeiten schützen", sagt der CDU-Abgeordnete Brand. Die Neuregelung soll mit Verbesserungen bei der Palliativ- und Hospizversorgung einhergehen. CDU-Gesundheitsminister Gröhe legte dazu bereits einen Gesetzentwurf vor, der gleichzeitig mit der Neuregelung bei der Sterbehilfe im Bundestag diskutiert werden soll.

Ärztepräsident Frank-Ulrich Montgomery lehnt Sterbehilfe ab und meint, Ärzte müssten "Hilfe zum Leben geben, nicht Hilfe zum Sterben". Tatsächlich ist die Ärzteschaft gespalten. Ein nicht von allen Landesärztekammern anerkannter Beschluss des Ärztetags sieht vor, dass ÄrztInnen die Approbation aberkannt werden kann, wenn sie aktiv Sterbehilfe leisten.

So weit, so gut.

Soweit sich offenbar alle darin einig sind, dass die "systematische", insbesondere die "geschäftsmäßige" bzw. "gewerbsmäßige" Beihilfe zur Selbsttötung verboten werden müsse, hat man es – wie so oft – mit dem Ausschütten des Kindes mit dem Bade zu tun. Gewerbsmäßigkeit ist ja nicht als solche schon schlecht; im Gegenteil: Dass Leistungen ihren Preis haben, ist allgemein akzeptiert. Und die Regel ist immer noch, dass professionelles Handeln, für das ein angemessenes Entgelt gezahlt wird, normalerweise besser ist als laienhaftes Hantieren. Selbstverständlich müsste man regeln und kontrollieren, wer zur Sterbehilfe zugelassen wird und ob dabei verantwortungs- und würdevoll vorgegangen wird. Dabei spielt es aber m.E. weder eine Rolle, ob dies entgeltlich oder unentgeltlich geschieht, noch ob dabei Hilfe zum Sterben oder Hilfe beim Sterben geleistet wird, zumal auch keine Kriterien genannt werden, nach denen diese Unterscheidung erfolgen soll.

Wichtig ist vor allem, dass Sterbehilfe von empathiefähigen Menschen geleistet wird, die sich in die Situation eines schwerstkranken Menschen hineindenken, seinen Todeswunsch richtig beurteilen und ihn gegebenenfalls auch erfüllen können. Das können, aber müssen keine ÄrztInnen sein. ÄrztInnen werden im Zusammenhang mit Sterbehilfe nur deshalb zuerst genannt, weil sie todkranke Menschen behandeln und weil sie die Herren über die Medikamente sind. Über ihre mentalen Fähigkeiten, in der konkreten Situation Hilfe zu leisten, sagt das nichts aus. Und wenn sie nicht helfen sollen, wie Montgomery meint, geht es durchaus auch ohne sie. Man muss es lediglich ermöglichen, dass SterbehelferInnen die benötigten Mittel auch ohne ÄrztInnen erhalten können. Dessen ungeachtet ist natürlich klar: Sollte sich die Ärzteschaft vielleicht doch noch zu der Auffassung durchringen, dass ihre PatientInnen ihre Hilfe auch und gerade beim und/oder zum Sterben benötigen, dann doch wohl gegen ein ordentliches Honorar, denn schließlich ist man ja Arzt und kein ordinärer Gewerbetreibender, der am Tod verdient.

Soweit die Abgeordneten einem aus ihrer Sicht gefährlichen gesellschaftlichen Trend entgegenwirken wollen, wonach eine "regelmäßige" Vermittlung todbringender Medikamente einen gesellschaftlichen "Gewöhnungseffekt" erzeugen könne, täten sie besser daran, sich Gedanken darüber zu machen, worauf dieser angeblich gefährliche Trend beruht, als diejenigen zu diskreditieren, die todkranken Menschen helfen wollen, ihrem Leiden ein Ende zu setzen. Wenn es zutrifft, dass sich z.B. in Belgien die Zahl der Todesfälle durch Sterbehilfe seit der Freigabe im Jahr 2002 versechsfacht hat, lässt dies m.E. weniger auf einen gefährlichen gesellschaftlichen Trend schließen, als darauf, dass es viele ungelöste gesellschaftliche Probleme gibt, um die sich Abgeordnete kümmern sollten, wie z.B. um eine sehr verbesserungswürdige Altenpflege.

Soweit die geplante Neuregelung mit Verbesserungen bei der Palliativ- und Hospizversorgung einhergehen soll, ist dagegen nichts einzuwenden; im Gegenteil. Solche Verbesserungen lösen aber das Problem nicht. Denn wer todkrank ist und schwer leidet, ist zwar dankbar dafür, dass seine Schmerzen ein Stück weit gelindert werden. Auch wird er seine letzte Lebensphase lieber in einem gut geführten Hospiz verbringen als es unter schlechten äußeren Umständen der Fall wäre. Aber der Wunsch, zu sterben, ist etwas anderes als der regelmäßig auch nur gegen Bezahlung erfüllbare Wunsch, von seinen Schmerzen befreit zu werden und in einem ebenfalls nicht ganz billigen Hospiz umsorgt zu werden und ein schönes Zimmer zu bekommen. Alles andere ist die Augenwischerei derjenigen, die nicht willens und/oder nicht in der Lage sind, einen Todeswunsch zu respektieren, sondern ihn für etwas Halbgares halten, dem man mit einer etwas weniger schlechten Betreuung schwerstkranker und dem Tod geweihter Menschen abhelfen könne.

Wenn die Abgeordneten fürsorglich meinen, sie müssten die Menschlichkeit auch in schweren Zeiten schützen, überzeugt auch dies nicht. Menschlich ist man oder man ist es nicht. Warum sollten SterbehelferInnen, auch gewerbsmäßige, nicht menschlich sein können? Abgeordnete, die sich in sehr private Dinge einmischen, sind es freilich eher nicht. Das Sterben ist die wohl privateste Lebensphase überhaupt, aus der sich der Staat heraushalten sollte. Er kann und sollte lediglich die Voraussetzungen dafür schaffen, dass der Mensch am Ende seines Lebens nicht unnötig und lange leiden muss. Alles andere geht ihn schlicht nichts an. Aber deutsche Abgeordnete wären keine deutschen Abgeordneten, wenn sie sich nicht auch ins Sterben der BürgerInnen besserwisserisch und bevormundend einmischten.

Immerhin soll es wohl eine Ausnahmeregelung für Angehörige geben: Wer einen sterbenswilligen Verwandten in ein Nachbarland bringt, in dem Sterbehilfe-Vereine erlaubt sind, soll nicht belangt werden - auch wenn er damit Beihilfe zur in Deutschland verbotenen Sterbehilfe leistet. Diese Ausnahme leuchtet ein. Denn schließlich kann man Prominente, wie z.B. den früheren EKD -Vorsitzenden Nikolaus Schneider, nicht belangen, wenn sie öffentlich erklären, sie wollten krebskranken Angehörigen bei einer - nicht ganz billigen - Selbsttötung im Ausland beistehen. Allerdings dürfte es nicht wenig Schwerstkranke geben, die schlicht nicht mehr reisefähig sind. Für diese bleibt nur der Graubereich, in dem aus Beweisgründen straflos bleibt, wer todkranken Menschen hohe Dosen an lebensverkürzenden Schmerzmedikamenten verabreicht. Herauskommen darf das freilich das nicht. Denn scheinheilig waren wir ja schon immer. Und dabei soll es, bitte schön, auch bleiben, Menschlichkeit hin oder her.

14:40 10.06.2015
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