In Sachen Sterbehilfe

Gegen ein Verbot Gesundheitsminister Gröhe fordert ein umfassendes Verbot der sog. organisierten Beihilfe zum Suizid, wie er das nennt.
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http://media0.faz.net/ppmedia/aktuell/politik/2518668732/1.2759498/article_multimedia_overview/der-arzt-hat-die-aufgabe-leben-zu-schuetzen-hermann-groehe.jpg

Gröhe spricht sich für ein gesetzliches Verbot jeder Form der organisierten Selbsttötungshilfe aus. Nicht nur die erwerbsmäßige, sondern auch die die nicht auf Gewinnerzielung gerichtete organisierte Sterbehilfe müsse verboten werden. Auch einen ärztlich assistierten Suizid lehnt Gröhe ab.

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gesundheitsminister-groehe-jede-form-der-organisierten-selbsttoetungshilfe-muss-verboten-werden-12759394.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/sterbehilfe-groehe-fuer-verbot-organisierter-selbsttoetungshilfe-12759082.html

Dazu erhält Gröhe Zustimmung u.a. von dem Ärztefunktionär Prof. Dr. Montgomery, der darauf pocht, dass Ärzte durch ihr Berufsethos verpflichtet seien, Hilfe zum Leben zu leisten, nicht dagegen Hilfe zum Sterben.

http://www.tagesspiegel.de/politik/frank-ulrich-montgomery-ueber-sterbehilfe-aerztlich-assistierter-suizid-engt-das-leben-ein/10663564.html

Demgegenüber haben sich mehrere Verbände gegen eine Verschärfung der bestehenden Gesetz- und Rechtslage positioniert:

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/sterbehilfe-verbaende-stellen-sich-gegen-groehes-plaene-a-957770.html

Die Rechtslage wird maßgeblich durch das Grundsatzurteil des BGH vom 25. Juni 2010 bestimmt (Az. 2 Str 454/09). Darin stärken die Richter das Selbstbestimmungsrecht von Patienten, indem sie, sofern der Patient eingewilligt hat, das Unterlassen weiterer lebenserhaltender Maßnahmen, und darüber hinaus auch die aktive Beendigung oder Verhinderung einer von dem Patienten nicht oder nicht mehr gewollten Behandlung von der Strafbarkeit ausnehmen. Dabei kann die Einwilligung bei einem nicht mehr einwilligungsfähigen Patienten auch schon zuvor in einer Patientenverfügung oder sogar in einer mündlichen Äußerung gegeben worden sein.

Während also die Rechtsprechung, insbesondere der BGH, versucht, von der Strafbarkeit bei aktiver Beendigung oder Verhinderung einer vom Patienten nicht mehr gewollten Behandlung wenigstens in gewissem Umfang wegzukommen, versucht der Protestant Gröhe das Gegenteil im Gesetz zu verankern und zwar unterschiedslos, also egal ob bei schlimmer, aussichtsloser Krankheit oder bei sonst auswegloser oder dem Betroffenen ausweglos erscheinender Lebenslage. Schon die hierbei gebotene Differenzierung wird bei Gröhe auf Suggestivfragen beschränkt, etwa wenn er meint, es komme darauf an, ob wir wollten, „dass eine Vereinigung die Tötungshilfe als Serviceangebot unentgeltlich oder entgeltlich anbieten dürfe“ oder auf apodiktische Feststellungen, wie dass es nicht angehe, „in unserer Gesellschaft den Gedanken zu fördern, menschliches Leben falle anderen zur Last“ (FAZ, a.a.O). Denn in der Lebenswirklichkeit geht es weit mehr darum, dass Menschen ihr Leben aus wohlerwogenen und daher anerkennenswerten Gründen beenden wollen und dazu nicht mehr in der Lage sind oder darüber verzweifeln, dass sie in gänzlich unwürdiger Weise aus dem Leben scheiden müssten, etwa indem sie sich aus einem Hochhaus stürzen oder vor einen Zug werfen - und was gewiss auch nicht gesellschaftlich gewollt sein kann. Aber auch die Nöte allein gelassener Angehöriger sind zu berücksichtigen, die es nicht mehr ertragen können, wie ein geliebter Mensch nur noch dahin vegetiert, weil ihm die Hilfe zum Sterben verweigert wird, obwohl das Leben für ihn nichts mehr sonst bereit hält, als den Tod.

Demgegenüber ist zu Gröhes Argumenten lediglich anzumerken: Nein, wir wollen nicht, dass eine x-beliebige Vereinigung die Tötungshilfe als Serviceangebot unentgeltlich oder entgeltlich anbieten darf. Vielmehr sollte durch eigens dafür zu berufende Sachverständige wie z.B. Mediziner, Juristen, Philosophen, Psychologen etc gewissenhaft geprüft werden, ob eine Lebensverlängerung nach den Umständen des Einzelfalles sinnlos oder angezeigt ist. Inwiefern solches Umgehen mit dem Thema dazu geeignet sein soll, „in unserer Gesellschaft den Gedanken zu fördern, menschliches Leben falle anderen zur Last“ ist nicht nachvollziehbar. Vielmehr empfiehlt sich ein Blick über die Grenzen, z.B. in die Schweiz, wo Sterbehilfe möglich ist, ohne dass die von Gröhe befürchteten Missstände zu besorgen wären.

Tatsächlich steht hinter den Argumenten des christlichen Demokraten Gröhe ein, wie ich finde, durchaus unchristliches Menschenbild, allenfalls abzuleiten z.B. aus der sicherlich nicht allgemein verbindlichen Ansicht Søren Kirkegaards, wonach das wahre Christentum seinen Ausdruck nur im persönlichen Leiden finden könne. Denn tatsächlich verlangt christliche Ethik ja keineswegs danach, den Menschen vorzuschreiben, wie sie nach einer eher überkommenen als der Bibel entnommenen Vorstellung zu leben haben, geschweige denn wie sie sterben sollen. Weder das Alte Testament noch das Neue Testament verbieten die Selbsttötung. Es ist vielmehr durchaus unchristlich gedacht, den an sich und der Welt leidenden Menschen so undifferenziert wie unnachsichtig in den Dienst einer Ideologie zu stellen, die ihn angeblich verpflichtet, das ihm von einem allmächtig geglaubten Schöpfergott ganz persönlich auferlegte Los durch das irdische Jammertal bis an sein mehr oder weniger bitteres Ende zu tragen. Die Ansicht, beim Sterben zu helfen, hieße, dem lieben Gott in den Arm zu fallen, weil dies dem Menschen in seiner Bedeutungslosigkeit nicht zustehe und was daher verwerflich, also zu verbieten und im Falles der Gehorsamsverweigerung zu bestrafen sei, ist naiv und antiquiert.

Wer argumentiert wie Gröhe, ignoriert oder leugnet gar vorsätzlich in höchst unchristlicher Weise, wie sich das Ableben Hunderttausender Menschen in diesem Land vollzieht: nämlich mehr schlecht als recht betreut in Heimen, in denen die Wirtschaftlichkeit weit über der Menschlichkeit steht, auch wenn die Häuser christliche Namen tragen, mit einem Pflegealltag, in dem die Nächstenliebe keinen Platz hat und wo sich Pflegefehler an Pflegefehler reiht. Das Internet ist voll von z.T. entsetzlichen Berichten, wie z.B. diesem hier:

http://www.welt.de/wirtschaft/article120098457/Lassen-Sie-ihn-der-liegt-doch-schon-im-Sterben.html

Daraus folgt selbstverständlich nicht, dass schlechter Pflege mittels Sterbehilfe begegnet werden könne, natürlich nicht. Aber wenn die bestehenden Zustände anhaltend nicht verbessert sondern einfach bagatellisiert und weggelogen werden, wie es landauf landab die Regel ist, ist es nur noch scheinheilig, den betroffenen Menschen auch noch das Recht auf einen würdevollen Tod abzusprechen.

... und bitte die be­han­delnden Ärzte und Ärztinnen, mir im Rahmen des gesetzlich Zu­lässigen da­bei zu helfen...

Der Verfasser hatte in seinem langen Berufsleben das Privileg, seinen Mandanten u.a. Patientenverfügungen vorzuschlagen. Diese enthielten u.a. die Formulierung:

Zitat

Bei schwerster Krankheit, die

  • nach Prüfung des Gesundheitszustandes durch zwei Ärzte und/oder Ärztinnen und
  • nach ihrem fachlich übereinstimmenden Urteil und
  • Heilung oder durchgreifende Besserung in ab­seh­barer Zeit nicht erwar­ten lässt, son­dern mit
  • voraussichtlich andauernder Bewusstlosigkeit und/oder andau­erndem Siechtum verbunden ist, wie z.B. bei schwerer Demenz und die
  • nach den Erkenntnissen der ärztlichen Kunst irreversibel zum Tod füh­ren wird,

wünsche ich lediglich Grundpflege und eine um­fas­sende Schmerz­therapie, und zwar auch dann, wenn die Medikation meinen Allge­meinzustand un­günstig beein­flussen sollte (z.B. bei Ver­abreichung von Morphium oder der­glei­chen).

Ich wünsche mir ein menschenwürdiges Ster­ben und bitte meine Be­vollmächtigten und die be­han­delnden Ärzte und Ärztinnen, mir im Rahmen des gesetzlich Zu­lässigen da­bei zu helfen.

Zitatende

Dem steht m.E. nicht entgegen, dass Ärzte, wie Herr Prof. Dr. Montgomery zu Recht betont, verpflichtet sind, Hilfe zum Leben zu leisten und nicht Hilfe zum Sterben. Denn so wahr es ist, dass das Sterben und der Tod zum Leben gehören, so wahr ist es auch, dass die Hilfe des Arztes darin besteht, diesen letzten schweren Lebensabschnitt medizinisch und, wenn er sich dazu berufen fühlt, als Mitmensch zu begleiten.

Sisyphos’ Ende

Freilich spricht ein Mann wie Gröhe seine tieferen Motive, sofern er sie hat, nicht offen aus, denn Theologie und Philosophie sind nicht sein Terrain, obwohl gerade hier der Schlüssel zum Verständnis des Problems liegt. Für Albert Camus z.B. kulminiert das philosophische Fragen vornehmlich in der Frage nach dem Selbstmord. Der Selbstmord ist für ihn Lösung, bzw. Loslösung von einer sinnlosen Welt: Warum leben, wenn doch alles sinnlos ist? Die Frage ist indessen so nicht richtig gestellt, denn es ist ja keineswegs alles sinnlos, auch für Camus nicht, dessen Protagonisten dem Leben durchaus zugewandt sind. Camus ist alles andere als ein Weltuntergangsphilosoph. Er ist nur nicht konsequent, wenn er den Selbstmord ablehnt mit der Begründung, sich umbringen hieße, dem Absurden zu erliegen. Denn gerade Sisyphos hat, wenn die Zeit gekommen ist, das Recht zu sagen: Es ist genug. Und das ist - vielleicht – das Einzige, was ihn bis dahin durchhalten ließ.

Es ist wahrlich nicht die Sache von Politikern wie Gröhe oder von Ärztevertretern wie Prof. Montgomery, Sisyphos Vorschriften zu machen, wie er mit seinem schweren Schicksal umzugehen hat.

18:49 22.09.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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