Kalt ist der Abendhauch

Corona Covid-19 ist nicht nur eine potenziell tödliche Krankheit, sondern auch ein Lackmustest für das Verhältnis zwischen Alten und Jungen.
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Was mich derzeit bekümmert und verunsichert ist, dass mit einem Mal gesellschaftliche Grundfragen zur Disposition stehen. Plötzlich gibt es Risiko- und Nichtrisikogruppen, und als Angehöriger der Risikogruppe der Alten frage ich mich, wie mir wohl geschehen wird, sollte ich mit dem Coronavirus infiziert werden. Ich fürchte, dass mich da nicht viel mehr als ein Achselzucken erwartet. Da hast du leider Pech gehabt. Tut uns leid, aber was soll’s? Schließlich müssen wir alle sterben. Nun musst du Haltung zeigen. Wo ist das Problem?

Das Problem ist, dass ich zwar auch um mein eigenes Leben fürchte, aber mehr noch um das Leben aller Menschen, d.h. um das Leben überhaupt, genauer gesagt: um den Wert des Lebens als eines Grundwertes der Verfassung, der nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts sogar ein Höchstwert ist, also ein Wert, über dem nicht viel stehen kann. Deshalb hat es mich gefröstelt, als der Tübinger Oberbürgermeister, Boris Palmer, neulich öffentlich erklärte: "Ich sag es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären." Wumm, das saß! Geahnt hatte ich ja schon, dass diese Sichtweise bei Politikern und Verfechtern der Freiheit wahrscheinlich gar nicht so selten vorkommt, aber doch nur mehr oder weniger hinter der vorgehaltenen Hand geäußert wird. Hier trat sie jetzt schreiend zutage: Wie kommen wir denn dazu, Menschen zu retten, die möglicherweise, notabene möglicherweise, in einem halben Jahr sowieso tot sind? Können wir das dafür erforderliche Geld nicht besser verwenden, um Hunderttausende von Kinder in den armen Ländern der Welt nicht sterben zu lassen, weil wir unsere Shutdown-Maßnahmen nicht richtig dosieren, wie Palmer später nachlegte und was es noch schlimmer machte. Denn er hält ja keck nach Zustimmung heischend genau das für richtig, was das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung vom 15. Februar 2006 (1 BvR 357/05) explizit ausgeschlossen hat, u.a. mit der ganz und gar unmissverständlichen Aussage: „Menschliches Leben und menschliche Würde genießen ohne Rücksicht auf die Dauer der physischen Existenz des einzelnen Menschen gleichen verfassungsrechtlichen Schutz.“ Es ist nicht zu fassen, sich so ordinär über die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts hinwegzusetzen, wie es Palmer getan hat. Leider ist er damit jedoch nicht allein. Auch der Präsident des deutschen Bundestages, Wolfgang Schäuble, denkt in seine Richtung, wenn er, lediglich diskreter im Ton, bemerkt, dass dem Schutz von Leben in der Coronakrise „nicht alles untergeordnet“ werden könne, und was ja auch nicht viel weniger heißt, als dass das Leben halt doch irgendwie zur Disposition stehe. Damit hat er zwar nicht ganz Unrecht. Denn es gibt ja Berufe, bei deren Ausübung das Leben auf dem Spiel steht: Feuerwehrleute, Polizisten, Soldaten, nicht zuletzt Ärzte, wenn sie sich in der Pandemie mit dem Virus infizieren und, wie es leider schon vorgekommen ist, selbst an Covid-19 versterben. Das ist, wenn es geschieht, schwer auszuhalten, und die Betroffenen und ihre Angehörigen verdienen jeden Dank, Mitgefühl und Respekt. Doch ist es der berufsbedingte Tod, der auf einem Risiko beruht, das man bewusst eingegangen ist und nicht der Tod, der einen in der Pandemie ereilt, der Tod, der nach uns greift, wenn wir uns lachenden Munds mitten im Leben meinen, wie es R.M. Rilke auf den Punkt brachte. Und vor allem ist es nicht der Tod, der nach alten Menschen greift, die man nicht mehr retten will, allein weil sie alt sind.

Umso erstaunlicher sind die zwischenzeitlich beschlossenen und teilweise schon umgesetzten sog. Lockerungen, weil sie darauf hinauslaufen, dass die Neuinfektionen und damit auch die Todeszahlen nicht weiter gedrückt, sondern wahrscheinlich bald steigen werden und wobei es wieder die Alten sein werden, die mehr als die Jungen sterben werden. Denn Menschen über 70 haben in der gegenwärtigen Pandemie ein etwa hundertmal höheres Sterberisiko als unter 20-Jährige. Das wird aber ignoriert, obwohl Epidemiologen und Virologen eindringlich vor den möglichen Folgen warnen. Statt auf sie zu hören, wird vorgebracht, dass man sich nicht nur nach ihnen richten könne. Die Menschen müssten die ihnen nach dem Grundgesetz zustehenden Freiheitsrechte wahrnehmen können, zumal ihre wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel stehe. Es könne nicht richtig sein, dass ihnen durch den sog. Shut-down alles genommen werde, was sie sich mühsam erarbeitet haben. Daher müsse jetzt wieder möglichst frei gewirtschaftet werden dürfen, selbstverständlich unter Benutzung von Gesichtsmasken und Einhaltung der erforderlichen Abstände, was jedoch organisiert werden könne.

Diesem Begehren kann man sich selbstverständlich nicht rundweg verschließen, wenngleich alles Wirtschaften vergeblich ist, wenn es das Leben kostet. Doch glaubt man das damit einhergehende Risiko eingehen zu können, vermutlich, weil man, wenn man unter 70 ist, eine relativ gute Chance hat, die Krise zu überleben. Da man aber, andererseits nicht als Unmensch dastehen möchte, dem die Alten egal sind, versuchen sich Politiker und Ethiker an einer komplizierten Abwägung der Freiheitsrechte gegen das Recht auf Leben, bei der, wenig verwunderlich, die Abwägung zu dem von dem jeweils Abwägenden präferierten Ergebnis führt. Für die Alten bedeutet das nichts Gutes. Denn fällt die Abwägung zu ihren Gunsten aus, sind sie daran schuld, dass die Wirtschaft darniederliegt. Und fällt sie zugunsten der Wirtschaft aus, steigen die Infektions- und die Todeszahlen und mithin auch ihr Risiko an Covid-19 zu sterben.

Ich denke jetzt manchmal an Albert Camus und den Ausspruch, dass es nichts Schändlicheres gibt als die Krankheit. Zwar meinte er damit die Pest, doch macht das keinen Unterschied. Schändlich ist an Covid-19 insbesondere, dass die Krankheit die Menschen gegeneinander ausspielt, wohingegen die Pest bei Camus immerhin auch Kräfte freisetzt, wie Mitgefühl, Solidarität und Mut. Darauf hoffe ich noch. Wenn aber nicht, wünsche ich meinen Altersgenossen und mir selbst wenigstens einen würdigen Abschied, damit wir in Frieden und versöhnt mit der Welt dorthin gehen können, woher wir kamen und unsere Liebsten auf uns warten.

balsamico

08:44 08.05.2020
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