Ein Berliner gründete den Freistaat Bayern

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Dass ausgerechnet ein Mann aus dem hohen Norden einmal der Gründer des Freistaates Bayern werden sollte, war Kurt Eisner sicher nicht in die Wiege gelegt worden. Als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten wurde er am 14. Mai 1867 in Berlin geboren. Sein Vater war Inhaber einer Militär-Effekten-Fabrik mit Niederlassungen in Berlin, Unter den Linden, und in Danzig, am Kohlemarkt.

Das Unternehmen erfreute sich mehrerer Hoflieferantentitel, darunter der des Kaisers und Königs von Preußen und des Kaisers von Russland und garantierte der Familie Eisner eine wohlhabende, gutbürgerliche Existenz. Infolge des preußisch-österreichischen Krieges im Jahr 1866 scheinen die Eisners allerdings einen großen Teil ihres Vermögens verloren zu haben. Als Folge davon musste die Firma schließlich verkauft werden und sein Vater Emanuel Eisner verlor dadurch seine wirtschaftliche Selbstständigkeit. Als Kaufmann trat er schließlich in die Dienste von Eduard Sachs, der ebenfalls eine Militär-Effekten-Fabrik betrieb.

Kurt Eisners Werdegang ist ohne seine bürgerliche Herkunft nicht zu verstehen. Er verlebte eine behütete, von materiellen Sorgen weitgehend freie, unspektakuläre Kindheit. Zur Familie – auch dies ist ein Indikator für den bürgerlichen Lebenszuschnitt – gehörte auch ein Dienstmädchen, das der Frau im Haushalt und bei den Einkäufen zur Hand ging. Die jährliche Urlaubsreise an die Ostsee oder zu den Verwandten nach Böhmen war für die Eisners ebenso selbstverständlich wie die bestmögliche, das heißt die gymnasiale Ausbildung ihres Sohnes.

Eisner besuchte das Askanische Gymnasium in seiner Heimatstadt Berlin. Nach dem Abitur 1886 studierte er an der Universität zu Berlin Philosophie und Germanistik, gab das Studium aber nach Vorbereitungsarbeiten für eine Dissertation über Achim von Arnim 1889 auf. Wenn Eisner die Arbeit relativ rasch aufgab, so mag dabei auch ein schwindendes Interesse am Untersuchungsgegenstand eine Rolle gespielt haben. Der Hauptgrund war dies aber kaum. Folgt man Eisners eigener Darstellung, so waren es nicht zuletzt finanzielle Zwänge, die ihn veranlassten, das Studium abzubrechen und das Angebot einer offensichtlich gut dotierten Journalistentätigkeit anzunehmen: „Nach einigen Bedenken“, - so erinnerte er selbst sich wenige Jahre später an diesen Schritt - „hauptsächlich veranlasst durch materielle Schwierigkeiten, die ein ruhiges Studium nicht ermöglichten, und noch weniger auch für die akademische Laufbahn, für die ich am meisten Beruf fühle, tauglich machen, nahm ich den verlockenden Vorschlag an.“


Von Berlin nach München

Im Jahre 1910 ging Eisner nach München. Seine journalistische Tätigkeit für die „Münchner Post“ hat das Münchner Parteiblatt ohne Zweifel auf vielfältigste Art und Weise bereichert. Dann kam der erste Weltkrieg und dieser stellte die deutsche Sozialdemokratie, aber auch die sozialistischen Parteien der übrigen am Krieg beteiligten europäischen Länder vor eine ungeheure Herausforderung. Lange Jahre hatte die Frage von Krieg und Frieden diese Parteien bereits beschäftigt. Vor allem im Rahmen der Sozialistischen Internationale war es dabei zu heftigen Kontroversen gekommen. Noch vor der Bekanntmachung der deutsch-russischen Kriegserklärung hatte Eisner noch von einem Verteidigungskrieg gesprochen, in dem es gelte, das Vaterland gegen den Überfall des russischen Zarismus zu verteidigen. Als einer der ersten Sozialdemokraten überhaupt machte er deutlich, dass es für die Arbeiterschaft in dem bevorstehenden Konflikt daher im Grunde nur eines gebe, nämlich ihre Pflicht zutun. Auch für eine Bewilligung der Kriegskredite hat er sich bereits zu diesem Zeitpunkt mit Nachdruck eingesetzt. Später allerdings änderte er seine Meinung.

So klagte er noch am 16. August 1914 in einem über das „Arbeiter-Feuilleton“ verbreiteten Artikel die westeuropäischen Staaten an, „ dass sie mit dem Zarismus gemeinsam die Vergewaltigung Deutschlands erstrebten. Erst das Bekanntwerden des im Weißbuch unterschlagenen Zarentelegramms vom 29. Juli 1914, in dem Nikolaus II eine Behandlung des österreichisch-serbischen Konflikts vor der Haager Konferenz anregte, brachte Eisner nach eigener Darstellung Klarheit. Unter Anlegung des von Jaurès auf dem Amsterdamer Kongress definierten Kriteriums, Urheber eines Krieges sei derjenige Staat, der sich einer schiedsgerichtlichen Lösung des Konflikts verweigere, konnte Eisner jetzt nur noch zu dem Ergebnis kommen, dass nicht Russland, sondern das Deutsche Reich den Krieg begonnen hatte. Doch selbst innerhalb der Sozialdemokratie fand Eisner für seine Kritik an Hurrapatriotismus und unmenschlicher Kriegsführung wenig Zustimmung. Gerade bei jenen Parteigenossen, mit denen er vor Kriegsbeginn besonders eng kooperiert hatte, stieß er mit seiner Oppositionshaltung auf Ablehnung oder sogar offenen Widerstand.


Die Organisation des Widerstandes

Das linksoppositionelle Spektrum Münchens in der Zeit des Ersten Weltkrieges fand in zwei unterschiedlich gearteten Einrichtungen statt:zum einen in den sogenannte Diskussionsabenden, die im Dezember 1916 gegründet worden waren und allwöchentlich in der Gastwirtschaft „Zum goldenen Anker“ in der Schillerstraße stattfanden, zum anderen im Münchner Ortsverein der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), der im Mai 1917 ins Vereinsregister eingetragen wurde.

Die Vielfalt der bei den Treffen vertretenen Anschauungen und Positionen macht auch ein Blick macht auch ein Blick auf den Teilnehmerkreis deutlich. Zweifellos am plastischsten hat dabei Oskar Maria Graf die Umgebung Kurt Eisners geschildert: „Vier oder fünf ganz getreue, rundherum etliche oppositionelle SPD-Proleten, USPDler, Intellektuelle und vor allem kriegsmüde Proletarierinnen, Frauen mit ausgelaugten Gesichtern, zerarbeiteten Händen und entschlossenen Augen“. Dazu kamen: „Syndikalisten und Anarchisten, merkwürdige Menschen mit anthroposophischen Ideen und pazifistische Dichter“.


Streik und Verhaftung

Eisner ging im Jahre 1918 mit hochgesteckten Erwartungen an die Vorbereitungen des Januarstreiks. Die entscheidende Versammlung fand am 28. Januar statt. Veranstaltungsort war die Schwabinger Brauerei in München. Die Teilnehmerzahl betrug nach Schätzungen von Augenzeugen 800 bis 900 Personen.

Eisner sprach zu dem Thema „Die politische Lage“. Folgt man Eisners eigener Darstellung, so war es für ihn ein Leichtes, die Kruppbelegschaft auf seine Seite zu ziehen und sie für den Streik einzunehmen: So oft ich vom Streik sprach, jubelte alles; die Versammlung war von Anfang an so gestimmt, dass sie mehr mich als ich sie aufreizte; ich lieh ihren dunklen Fühlen nur das Wort“. Doch wegen Nichteinhaltung der Polizeistunde wurde die Versammlung aufgelöst, noch bevor über die Teilnahme am Ausstand abgestimmt werden konnte. Doch ließ sich durch diese Maßnahme der Eintritt der Krupparbeiter in den Streik nur noch ein letztes Mal aufschieben.

Am Nachmittag des folgenden Tages fassten die Betriebsvertrauensleute der Kruppwerke in Gegenwart Eisners den Beschluss, am Donnerstag, den 31. Januar, die Arbeit niederzulegen. Wie die nächsten beiden Tage deutlich machten, wirkte der Eintritt der Kruppwerke in den Ausstand für die anderen Münchner Rüstungsunternehmen wie eine Initialzündung. Das Erscheinen der streikenden Kruppbelegschaft vor den Werkstoren weckte selbst bei solchen Betrieben die Bereitschaft zur Arbeitsniederlegung, die bis dahin von der Streikpropaganda noch nicht berührt worden waren.

Doch auch die Staatsanwaltschaft war damit auf den Plan gerufen. Eisner wurde in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar wegen Landesverrats zusammen mit fünf anderen USPD- Mitgliedern, die sich ebenfalls führend an der Streikagitation beteiligt hatten, verhaftet. Insgesamt achteinhalb Monate verbrachte Eisner in Untersuchungshaft, zunächst im Gerichtsgefängnis am Neudeck, dann in der Haftanstalt Stadelheim. Dass er zu einer schweren Strafe verurteilt werden würde, darüber gab es nach Ende des Januarstreiks weder bei ihm selbst noch bei Außenstehenden ernsthafte Zweifel. Seine Aburteilung rückte aufgrund des andauernden Krieges in immer weitere Ferne. Doch dann geschah es, dass sich Georg von Vollmar gezwungen sah, aus gesundheitlichen Gründen sein Reichstag- und Landtagsmandat niederzulegen.

Vollmars Mandatsverzicht gab der Münchner USPD Gelegenheit, in einer Geheimverhandlung am 14. September 1918 Kurt Eisner als Kandidat für die dadurch notwendig gewordene, auf den 17. November 1918 terminierte Reichstagswahl zu benennen. Unter Hinweis auf die so geschaffene neue Situation beantragte Eisners Rechtsanwalt Dr. B. Bernheim, am 7. Oktober erneut Eisners Haftentlassung. Obwohl der Oberreichsanwalt diesem Begehren widersprach, entschied der 1. Strafsenat des Reichsgerichts nun, Eisner auf freien Fuß zu setzen. Begründet wurde der Beschluss damit, dass nach den derzeitigen Verhältnissen eine Fluchtgefahr als ausgeschlossen zu erachten sei und auch Verdunklungsgefahr nicht bestehe. Am 14. Oktober konnte Eisner das Gefängnis Stadelheim wieder verlassen.


Es lebe die Revolution!

Wie nicht anders zu erwarten, stürzte sich Eisner sofort wieder in eine rastlose Wahlkampftätigkeit. Dabei kam ihm entgegen, dass in München und darüber hinaus - bedingt durch die unsichere äußere Lage - ein hochsensibles politisches Klima herrschte. Dies zeigte sich nicht zuletzt daran, dass schon seine erste öffentliche Kundgebung nach der Haftentlassung einen Massenbesuch aufwies. Laut einem von der Münchner Polizeidirektion entsandtem Beobachter waren bei diesem Auftritt bereits 2000 Teilnehmer zugegen.

Es folgten weitere Volksversammlungen und Großkundgebungen. Und wieder war es ein kleines Häuflein tatkräftiger Eisneranhänger, das die Entscheidung herbeizuführen trachtete. Wie schon in den Tagen des Januarstreiks kamen auch im November 1918 entscheidende Impulse aus den Massenversammlungen. Besonders deutlich wurde dies bei der alles entscheidenden Kundgebung am 3. November auf der Theresienwiese. Wie Karl Alexander von Müller berichtet, hatten die Anführer der USDP ihre Kundgebung sogar schon begonnen, als die ersten Züge der Mehrheitssozialisten auf der Theresienwiese eintrafen.

Kurt Eisners Standort lag dabei ganz am Ende des Geschehens, weit entfernt von der Hauptkundgebung, die Erich Auer der Führer der Mehrheitssozialisten auf den Stufen der Bavaria abhielt. Wie viele Zeitzeugen berichten, waren es vor allem Soldaten, die sich in großer Zahl um Eisner scharten. Müller fielen „neben vielen Soldaten“ auch „ die ungewohnten Uniformen von Matrosen“ auf und Fechenbach berichtet, dass sich die Militärangehörigen ganz gezielt bei Eisner gesammelt hätten. Sprecher in diesem Abschnitt der Kundgebung seien Eisner, Ludwig Gandorfer und er, Fechenbach selbst gewesen. Im Anschluss an seine Vorredner habe er das Wort ergriffen und die Zuhörer zum Sturm auf die Kasernen aufgerufen: „Soldaten! Auf in die Kasernen! Befreien wir unsere Kameraden! Es lebe die Revolution!“ Dies erklärt auch, weshalb die Münchner Garnisionen ohne großes Zögern überliefen, sobald diese vor den Toren der Kasernen erschienen.

Auf einen Nenner gebracht, heißt das, dass am 7. November die Soldaten der Münchner Garnisionen der ausschlaggebende Faktor waren. Möglicherweise rissen sie einen Teil der umstehenden Arbeiter mit sich, doch stand und fiel das ganze Vorhaben mit ihrer Bereitschaft, sich der Revolution anzuschließen.

Als im Verlauf des 7. November ständig neue Hiobsbotschaften bei den Behörden eintrafen, wurde die verheerende Stimmung in den Kasernen unübersehbar. Im Munitionsdepot der Minenwerferabteilung war eingebrochen und eine große Zahl von Handgranaten gestohlen worden. Ein Polizeispitzel meldete, dass die Soldaten unter keinen Umständen bereit seien, auf Zivilisten zu schießen. Der Zug der Revolutionäre stieß somit nirgends auf Widerstand. Aus den Kasernen und auf den Straßen erhielt er ständig neuen Zulauf. Und da zur Verteidigung der Monarchie ausreichende Kräfte nicht herbeigeholt werden konnte, woher auch, waren in kürzester Zeit vollendete Tatsachen geschaffen. Die Revolution verlief unblutig.


Eisner als Ministerpräsident

Das Überraschungsmoment war zweifellos einer der Erfolgsgründe für das erfolgreiche Unternehmen vom 7. November 1918 gewesen. Die Tatsache, dass kaum jemand ernsthaft mit einem Umsturz gerechnet hatte, war mit entscheidend dafür gewesen, dass Eisner, der anfangs nur von einer kleinen Schar von Mitstreitern und Sympathisanten gestützt wurde, bei seiner Aktion auf keinen nennenswerten Widerstand gestoßen war. In der Nacht zum 8. November 1918 rief Eisner in der ersten Sitzung der Arbeiter- und Soldatenräte im Mathäserbräu die Republik Bayern als Freistaat aus (sinngemäß „frei von Monarchie“) und erklärte das herrschende Königshaus der Wittelsbacher für abgesetzt: „Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt! Bayern ist fortan ein Freistaat!“

"Es war“ – so Eisner am 8. November 1918 in seiner Eröffnungsrede in der ersten öffentlichen Sitzung des provisorischen Nationalrates des Volksstaates Bayern – „ein Stück Überraschungsstrategie, mit der wir das alte Bayern aus den Angeln gehoben haben. Niemand hat vor zwei Tagen noch dergleichen für möglich gehalten undniemand hielte es heute für möglich, dass Einrichtungen jenes uns jetzt als graueste Vergangenheit erscheinenden Gestern wieder auferstehen können.“

Dass Eisners Aktion selbst den Angehörigen des Goßbürgertums und der Intelligenz Respekt abnötigte, wird nirgends deutlicher als in den Tagebüchern des aller revolutionären Neigungen unverdächtigen Schriftstellers Thomas Mann. Er, der die Revolutionäre am 7. November noch als „albernes Pack“ beschimpft hatte, notierte am 9. November: „Überhaupt sehe ich den Ereignissen mit ziemlicher Heiterkeit und Sympathie zu. Die Bereinigung und Erfrischung der politischen Atmosphäre ist schließlich gut und wohltätig.“

In den ersten Wochen nach dem Sturz der Monarchie erfreute sich Eisner eines ungewöhnlichen Ansehens. Auch die Legitimation der revolutionären Regierung wurde von kaum einer Seite ernsthaft in Frage gestellt. Schon der erste von ihm im Namen des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrats unterzeichnete, in der Nacht vom 7. auf den 8. November entworfene Aufruf machte dies deutlich. Er wandte sich an die gesamte Münchner Bevölkerung, an Arbeiter und Bürger, und rief diese zur tätigen Mithilfe auf. Ausnahmslos jeder “Arbeiter an der neuen Freiheit“ wurde willkommen geheißen: „Arbeiter, Bürger Münchens! Vertraut dem Großen und Gewaltigen, das in diesen schicksalsschweren Tagen sich vorbereitet! Helft alle mit, dass sich die unvermeidliche Umwandlung rasch, leicht und friedlich vollzieht.“ Der Bruderkrieg der Sozialisten MSPD vs USPD wurde somit in Bayern für beendet erklärt. Die Arbeiter sollten auf revolutionärer Grundlage zur Einheit zurückgeführt werden. Außerdem wurde angekündigt, dass alle Beamten in ihren Stellungen verbleiben sollten. Damit hatte Eisner den Methoden der brutalen russischen Bolschewisten eine klare Absage erteilt, sich vielmehr klar und eindeutig gegen eine Minderheitenherrschaft auf der Grundlage der Diktatur des Proletariats und des politischen Terrors ausgesprochen. Zur Milderung der mit der Revolution einhergehenden Verwerfungen wurde zugleich die Initiierung einer weitgehenden sozialen Fürsorge angekündigt. Unübersehbar war die neue Regierung bemüht, dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung entgegenzukommen und den unleugbar vorhandenen Ängsten vor drohendem Chaos und Anarchie zu begegnen.Und der Erfolg gab der Regierung recht.

Gestützt auf die vorhandenen Polizeikräfte, auf die Soldatenräte und die von diesen repräsentierten Truppenteile, auf eine am Tag nach der Revolution zusammengestellte 140 Mann starke Militärpolizei und die seit dem 22. November von Alfred Seyffertiz aufgebaute „Republikanische Schutztruppe“, gelang es Unruhen und Plünderungen nahezu gänzlich zu verhindern.


Das Attentat

Als Kurt Eisner sicham 21. Februar 1919 mit Felix Fechenbach und Benno Merkle sowie seiner persönlichen Leibwache auf den Weg zum neu konstituierten Bayerischen Landtag machte, trug er sich mit der Absicht - aufgrund der katastrophalen Wahlniederlage der USPD in Bayern - seinen Rücktritt bekanntzugeben. Der Mörder kam von hinten. Es war der antisemitische, rechtsextremistische Student Graf von Arco auf Valley, der Eisner mit zwei Genickschüssen vom Leben zum Tode beförderte. Wohl ein Fehler der Leibwächter, die nach Augenzeugenberichten neben Eisner gingen, anstatt vor und hinter ihm. Sie konnten somit den Mordanschlag nicht mehr rechtzeitig abwehren. Nach dem Mord reagierten sie und der Attentäter selbst wurde dabei durch mehrere Schüsse von den Leibwächtern Eisners lebensgefährlich verletzt und festgenommen.

Die Bilanz nach hundert Tagen im Amt des Ministerpräsidenten fällt natürlich naturgemäß eher bescheiden aus. Dennoch gelang es seinem Kabinett über die Bewältigung der drängensten Probleme hinaus einige der langjährigen Forderungen der Sozialdemokratie Wirklichkeit werden zu lassen. Dazu zählten vor allem die Einführung des Acht-Stundentages, das Wahlrecht für Frauen, die Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht und des Zwangs zur Teilnahme am Religionsunterricht sowie die Beseitigung aller Beschränkungen der politischen Freiheiten für Schüler über 18 Jahre und für die Studenten. Ein vorläufiges Staatsgrundgesetz war am 4. Januar verkündet worden Der Entwurf einer neuen Verfassung lag, wie Eisner in seiner Rücktrittsrede ankündigte, vor und sollte der Öffentlichkeit demnächst überantwortet werden; ebenso der Entwurf für ein neues Landeswahlgesetz.

Gemessen an der zur Verfügung stehenden Zeit, konnte das Kabinett also auf eine durchaus beachtliche Tätigkeit zurückblicken. Das Scheitern seiner Außenpolitik verwundert nicht, bei der Kürze der Zeit, sowie der Engstirnigkeit und Kleingeisterei seiner zahlreichen Widersacher.

Es ist müßig darüber zu spekulieren, welchen Verlauf die bayerische Geschichte genommen hätte, wenn Kurt Eisner nicht ermordet worden wäre. Als wahrscheinlich gilt dennoch, dass die nach seinem Tod einsetzende chaotische Entwicklung so nicht stattgefunden hätte. Eisner war ein Mann des Ausgleichs, der es stets verstand - nicht zuletzt aufgrund seiner Intellektualität sowie seiner sozialen Intelligenz - die manchmal überschäumenden revolutionären Wogen zu glätten. Solange Eisner lebte war die Revolution eine friedliche. Dies war auch unbestreitbar sein Verdienst. Fest steht aber auch, dass die Ermordung Eisners die blutige Radikalisierung erst auf die Spitze getrieben hat. Durch seinen Tod entstand so etwas wie ein ungutesMachtvakuum, welches der radikalen Linken erlaubte eine Diktatur des Proletariats zu errichten.

Dass Eisners bis zuletzt großes Ansehen bei den Münchner Bürgern genossen hatte, zeigte sich auch bei seiner Beerdigung. Über Hunderttausend Bürger und Bürgerrinnen säumten am 26. Februar 1919 den Trauerzug auf seinem Weg von der Theresienwiese hin zum Münchner Ostfriedhof.

Keine der heutigen Bayerischen Parteien - auch nicht die CSU (!) haben irgendetwas mit der Gründung des Freistaates Bayern zu tun

Das schändliche „Denkmal“ in der heutigen Kardinal Faulhaberstaße zeigt deutlich, wie die Bayerische Staatsregierung ihres Gründers gedenkt. Es zeigt lediglich den Umriss des ermordeten Eisner am Tatort.Ein Denkmal, bei dem man den zu Gedenkenden buchstäblich mit Füßen tritt. Einfach erbärmlich.

de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Eisner

www.youtube.com/watch?v=z4jgG57KqAU

www.youtube.com/watch?v=qzA4v3eHoWQ



22:33 17.05.2012
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Geschrieben von

bambulie

Rettet die Welt vor den Rettern der Welt.
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