Habermas und die Heuschrecken oder: Macht Masse Medien

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Bereits am 16. Mai 2007 fand sich im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung ein ausführlicher Essay von Jürgen Habermas, mit dem der Verfechter der bürgerlichen Öffentlichkeit und eines diskursiv ausgetragenen Meinungsstreits eine kontroverse Diskussion über die „besondere Natur der Waren Bildung und Information“ anstieß und der angesichts der aktuellen Entwicklungen von sterbenden Zeitungen kaum an Aktualität eingebüßt haben dürfte. Vor dem Hintergrund des (mittlerweile vollzogenen) Verkaufs der SZ ging es dem streitbaren Soziologen und philosophischen Denker um die Perspektiven einer seriösen Presse angesichts eines voranschreitenden Strukturwandels im gesamten Mediensystem.

Weniger die digitale Revolution als vielmehr die Deregulierung und Liberalisierung von Gesetzen habe, so Habermas, ein ungekanntes Fusionsfieber in der Verlagslandschaft ausgelöst, in dessen Foge es sukzessive zu einer fragwürdigen Konzentration im Wirtschaftszweig Medien komme. Angesichts dieses Trends verteidigt er die seriösen Erzeugnisse der Printmedien als „Rückgrat der politischen Öffentlichkeit“. Auf dem Spiel steht allerhand. Denn vom Mythos der Vierten Gewalt scheint nur wenig zu bleiben, wenn zunehmend auch im Zeitungsmarkt der Mammon die Moral verdrängt. Im Zuge der Medienkonzentration läuft laut Habermas die politische Öffentlichkeit Gefahr, im buchstäblichen Sinne unter den Hammer zu geraten. Ostentativ verweist er darauf, dass sich die Demokratie ein Marktversagen auf diesem Sektor nicht leisten könne. Mittels staatlicher Subventionierung der Presse möchte Habermas daher sicherstellen, dass die „Grundversorgung der Demokratie“ mit ihrer Form öffentlicher Debatten weiterhin gewährleistet bleibt. Dieser Vorschlag erntete jedoch nicht nur wohlmeinende Zustimmung, sondern auch heftigen Widerspruch. Über die Auswirkungen der Medienkonzentration auf Meinungsvielfalt, Pressefreiheit und die demokratische Verfassung der Gesellschaft debattieren derweil Politiker, Journalisten und unabhängige Experten.
Im Redemanuskript der von Habermas auf der Jahrestagung der International Communication Association (ICA) vorgetragenen Keynote Speech findet sich eine bemerkenswerte Fußnote:
„The Internet [...] counterbalances the seeming deficits that stem from the impersonal and asymmetrical character of broadcasting by reintroducing deliberative elements in electronic communication. The Internet has certainly reactivated the grass-roots of an egalitarian public of writers and readers.“
Doch die Online-Kommunikation könne, so Habermas, nur dann einen relevanten Beitrag zum politischen Diskurs leisten, wenn sie sich mit der Berichterstattung der etablierten Medien auseinandersetze. Als positives Beispiel hebt er in diesem Kontext explizit ein bekanntes deutsches Weblog hervor. Der Theoretiker des kommunikativen Handelns hatte offensichtlich seine helle Freude an einem ironischen Spaß der BILDblogger. Jene hatten der Online-Ausgabe der auflagenstärksten Zeitung Europas eine Honorarforderung in Höhe von 2088 Euro ausgestellt, da diese das „BILDblog als eine Art externe Schlussredaktion oder Korrektorat“ nutzte und fehlerhafte Artikel nach der Kritik im BILBblog kurzerhand korrigierte. Als exemplarischer Vertreter des klassischen Medienmarktes erkennt auch Hubert Burda die mit der Marktkonzentration der Medienlandschaft verbundenen Gefahren und hofft auf die emanzipatorischen Potentiale der Weblog-Kommunikation. So brächten „Tausende oftmals hervorragende Blogger [...] völlig neue Sichtweisen auf die Themen“. Insbesondere mit Blick auf die politische Öffentlichkeit unterstellt er den reichweitestarken Internetautoren einen wachsenden Einfluss.

Vor dem Hintergrund des aktuellen Strukturwandels wird der kulturellen Praxis des Bloggens auch in der Forschung zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt. Der Kommunikationssoziologe Jan Schmidt moniert dabei jedoch die zu häufige „Einengung der Perspektive der bisherigen Forschung auf Aspekte der quasi-massenmedialen Kommunikation“. Stattdessen fordert er „die Erweiterung des Horizonts auf die Nutzungen von Weblogs im Sinne eines ‚Mediums der Massen’“. Weblogs etablieren sich als ein Massenmedium in gänzlich neuer Konnotation. Indem die Massen das Medium Weblog ergreifen, entstehen massenhafte, kaum mehr überschaubare Nutzungspraktiken.
Ebenso wenig überschaubar erscheinen auch die Statements zu Sinn und Unsinn des Bloggens. Sie reichen von wohlfeilen Bemerkungen des Werbeprofis J. R. von Matt, der Weblogs als Klowände des Internets titulierte, bis hin zu der gerade von Vertretern der klassischen Medien stoisch wiederholten Auffassung, Weblogs seien zu 99 Prozent Müll und kreisten außer um Katzen-Content und Tokio Hotel in erster Linie um sich selbst. Besonders argwöhnisch argumentierte der Kulturchef des Online-Ablegers der Süddeutschen Zeitung, Bernd Graff: „Das Internet verkommt zu einem Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten.“ Weblogs als vermeintlich Vierter Digitalgewalt unterstellt Graff:
„Sie zetteln Debattenquickies an, pöbeln nach Gutsherrenart und rauschen dann zeternd weiter. Sie erschaffen wenig und machen vieles runter. Diese Diskutanten des Netzes sind der Diskurstod, getrieben von der Lust der Entrüstung.“

Die derart gescholtenen Online-Massen halten es derweil weit eher mit den Ansichten Dan Gillmors. Der Autor des vielbeachteten Buches „We the Media“, der als Vorreiter eines Partizipativen Journalismus gilt, verkündete bereits 2001 in einem Interview mit J. D. Lasica: „We’re in the midst of a change, where journalism is changing from a lecture into something that resembles something between a conversation and a seminar.“
Mit dem konstatierten Wandel verbindet sich die These vom wachsenden Druck auf die etablierten Journalisten durch die bloggenden Mikropublizisten. So glaubt Gillmor, „the public is demanding more transparency in our own field, and is doing some reporting of its own when we fail to respond in satisfying ways.”

Mathias Armborst beschreibt in einer ausführlichen Publikation des Netzwerks für Recherche Weblogs als ernst zu nehmende Konkurrenten und Kritiker der alten Medien, die sukzessive eine neue Kontrollinstanz bildeten. Dabei scheinen sie die alten Medien eher zu bereichern als zu bedrohen. Im US-amerikanischen Periodikum Foreign Affairs entwickeln die US-amerikanischen Politologen Drezner und Farrel sogar die These von Weblogs als einer sich rapide entwickelnden fünften transnationalen Macht:

„There is the ‘Bagdad Blogger’, an Iraqui blogger writing about the difficulties war imposes on him, his friends, and neighbors. And Juan Cole, a University of Michigan History professor whose ‘Informed Comments’ informed skepticism about the invasion and occupation of Iraq transformed him from obscure academic to public intellectual. Add human rights activists in Europe, political activists in Iran, and a Chinese blogger who posts satirical comments about the Communist Party, and it becomes abundantly clear that blogging become ‘the fifth estate’ all over the world.“

Auch beim Nachdenken über neue Mechanismen, mit denen sich zwischen Markt, Macht und Moral ein neuer Ausgleich schaffen ließe, spielt das Publikum eine wachsende Rolle. Ordnungspolitisch gesehen wäre dies ein Paradigmenwechsel weg von der staatlichen Medienpolitik hin zu einer zivilgesellschaftlichen Media Governance. Durch die kulturelle Praxis des Bloggens könnten die Leser, Hörer und Zuschauer als vernetzte, interaktiv agierende Online-Masse aus kritischen Rezipienten und engagierten Nutzern dazu beitragen, eine neue Verantwortungskultur zu schaffen. Der Vorreiter einer starken Demokratie und Verfechter deliberativer Willensbildungs- und Entscheidungsfindungsprozesse Benjamin Barber meint, wenn Massen beginnen, sich zu beratschlagen, werden sie zu Bürgern. Es scheint als rücke das Ziel der Teilhabe einer engagierten, medienkompetenten Bürgerschaft durch die kulturelle Praxis der Weblogs ein kleines Stück näher. Und vielleicht kann ja sogar der neue Freitag mit seiner Verzahnung von redaktionellen und nutzergenerierten Inhalten ein kleines Stück zur Realisierung dieser demokratietheoretischen Utopie beitragen.

19:18 17.03.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

bandidorosso

Studierte Politik-, Medien- und Afrikawissenschaft sowie Fotografie an der Ostkreuzschule, weil er glaubt, "Weltanschauung kommt von Welt anschauen."
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