RE: Sei kein Mann! Sei ein Weiteres! | 18.07.2018 | 17:17

"Geschlecht" als Kategorie unserer menschlichen Sprache bezeichnet die Beobachtung des Zusammenfallens von mehrheitlich als weiblich oder männlich kategorisierten Merkmalen (bei Neugeborenen meistens biologischen Merkmalen). Die Inter-Kategorie ist da für Menschen, bei denen eine Koinzidenz von sowohl männlichen als auch weiblichen Merkmalen in derart großer Zahl vorhanden ist, dass es nicht zu rechtfertigen wäre, sie als männlich oder weiblich zu bezeichnen.

Sprache mag auch Mittel zur Selbstidentifikation sein, in erster Linie dient es aber der sozialen Kommunikation und ist damit einer gesellschaftlichen Definition unterworfen, und keiner Definition durch jeden Einzelnen, denn dann würde sie ihre informationstransportierenden Wert verlieren, worin auch der Nutzen von Sprache überhaupt liegt.

RE: Gorillataktik | 17.07.2018 | 17:51

"-> Vielleicht sollten Sie sich nicht so sehr auf Ihr Mustererkennungssystem verlassen - offensichtlich erzeugt es zumindest in diesem Fall völlig falsche Schlüsse."

Da mögen Sie recht haben, Mustererkennung bleibt eben kontextbezogen.

"-> Danke für die Aufklärung. Klingt nach einem ziemlich groben Sandförmchen, das die Komplexität partnerschaftlicher Beziehungen massiv unterschätzt (und Menschen in der Konsequenz ggf. zu dämlichen Aktionen veranlassen kann).

Umso mehr brauchen Leute, die sich hiervon angesprochen fühlen, echte Inspiration jenseits solcher kompromisslos anachronistischen Rollenbilder. Diese wird aber wohl kaum von Menschen kommen, welchen der empathische Zugang zu der hier zugrundeliegenden - oft wohl verzweifelten - Orientierungslosigkeit abgeht. Möchten Sie von jemandem lernen, der Ihre Gefühle und Werte verachtet?"

Das ist nicht unrichtig, aber in diesem Falle zu einfach gedacht, weil es sich bei "The Red Pill" um eine abgeschottete, sektenhafte Bewegung handelt. Bereits der Name entspringt wie erwähnt dem Denken, die "Matrix" der sozialen Programmierung durchblickt zu haben und dieser entfliehen zu müssen. Es wird zum Beispiel empfohlen, das Fünf-Trauerphasen-Modell zu nutzen, um zu akzeptieren, dass die "Red Pill"die einzig korrekte Weltanschauung ist. Männer und Frauen werden in einem Schwarz-Weiß-Schema auf vermeintliche, biologisch determinierte Eigenschaften reduziert, die es Spielregeln gleich zu akzeptieren und so weit wie möglich zum eigenen Vorteil zu nutzen gelte. Dazu wie gesagt die aggressive Ablehnung der bestehenden Gesellschaftsordnung, udm.

Es geht nicht (nur) darum, einzelnen Leuten in ihrer Maskulinität zu helfen, sondern auch darum, den bestehenden gesellschaftlichen Normen ein monolithisches, gegenkulturelles Männlichkeitsideal entgegenzustellen, das keinen postmodernen Pluralismus an Geschlechterrollen auch nur im Ansatz duldet. Das wird damit begründet, dass von diesem Männlichkeitsbild abweichende Rollen keinem rationalen, auf vermeintlichen biologischen Grundlagen von Mann und Frau aufbauenden Konzept entspringen, sondern konspirativ von "dem Feminismus" erschaffen wurden, um Männer und Männlichkeit(en) gefügig zu machen und zu unterjochen.

Ergo: wenn es, wie in diesem Artikel, um "The Red Pill" als Ideologie geht, und weniger um die bemitleidenswerten Würstchen, die dahinter stehen, ist die grundsätzliche Ablehnung dieses verschwörungstheoretischen, sektiererischen und im Kern intoleranten Konstrukts begründet.

"Ersteres scheint allerdings heutzutage eine Leerstelle zu füllen, an die sich gleichermaßen rechtslastige Konservative anlehnen, wie Progressive sich gern mit besagtem Holzhammer darauf stürzen. Das liegt wohl in der Natur des Zeitgeistes. Muss man aber deshalb nicht mitmachen."

Dazu kurz: es wäre in meinen Augen eine andere Diskussion als diese hier, allerdings nicht minder interessant, inwieweit in unseren modernen Gesellschaften verschiedene Geschlechterbilder konkurrieren, koexistieren oder dominieren. Dass, wenn ich Sie da richtig verstanden habe, nur jeder einzelne bestimmen kann, welche Geschlechterrollen er leben möchte, ist nichts, bei dem Sie und ich unterschiedliche Meinungen haben.

Ebensowenig finde ich, dass negative soziale Sanktionierung von den Jungs und Männern, die hinter solchen Ideologien stehen, förderlich ist, verglichen mit therapeutischen Ansätzen. Kernpuntke, warum sie bestehenden Geschlechterrollen und der Gesellschaft als Ganzem so abweisend gegenüber stehen sind u.a. erwähnter Sexualneid auf erfolgreichere Männer und, gar manchmal promiskuitive, Frauen, gemischt mit Verachtung. Dazu ein Mangel an Fähigkeiten zur sozialen Interaktion (ein Klassiker ist Verbitterung, die daraus resultiert, dass man zwischengeschlechtliche Kommunikation als einen von Konventionen regulierten Transaktionsprozess interpretiert, d.h. man nur lange genug nett und höflich zu Frauen sein muss, damit einem als Gegenleistung irgendwann sexuelle Gefälligkeiten zustehen, was sich dann nicht einstellt).

Diese ganzen Aspekte erfordern meines Erachtens nach gesellschaftliche Hinwendung, und da ist es auch gerade förderlich, wenn es jungen Männern offen steht, welche Männlichkeitsrollen sie leben wollen. Ich hoffe jedoch, klar gemacht zu haben, wo der Unterschied besteht zu so etwas wie "The Red Pill".

RE: Sei kein Mann! Sei ein Weiteres! | 17.07.2018 | 12:05

Das mag wahrscheinlich bei Menschen mit dem begrenzten Intellekt wie den Herren an der Spitze des Innenministeriums der Fall sein, allerdings müsste man ihnen nur einmal erklären, dass sich die Geschlechtsbestimmung weiterhin anhand der Prävalenz von herkömmlich als männlich und weiblich zugeordneten Geschlechtsmerkmalen ergibt und die Kategorie "inter" lediglich solche bezeichnet, bei denen das Verhältnis männlicher zu weiblicher Geschlechtsmerkmale es nicht rechtfertigt, die Person in die Kategorien "männlich" oder "weiblich" einzuordnen.

RE: Gorillataktik | 17.07.2018 | 11:58

Die Bezeichnung "cuckold" ist in besagter "Red Pill"-Community ein Ausdruck für Männer mit einem Mangel an Maskulinität und demnach Dominanz über die Frau, die sich in diesem Zustand eingerichtet haben. Ich habe den Ausdruck verwendet, weil Ihre Argumentation bis dato exakt dem gleichen Muster einer "Panik" [!] vor Maskulinität folgte, die in jenen Kreisen mit einem Mangel an eigener Maskulinität begründet wird.

Sie scheinen mir jedoch generell einen starken Hang zu besitzen, pathologisieren zu wollen. Ich bin weder verwirrt, noch missverstehe ich Peterson, sondern habe darauf hingewiesen, dass es unabdinglich ist, ihn im Kontext dieses Beitrags zu nennen, weil er enormen Einfluss auf und Ansehen in dieser Community besitzt. Die Darstellung hier mag einseitig sein, weil sie suggeriert, der Schwerpunkt der Arbeit Petersons sei antifeministische Agitation, was nicht der Wahrheit entspricht, da sich sein Einfluss aus einer aktiven Aneignung seiner Botschaften durch Antifeministen und seiner öffentlichen Ablehnung der politischen Linken und linker (allerdings auch nur linker) Identitätspolitik, ausdrücklich inklusive Feminismus, ergibt. Ihn als komplett apolitischen Psychotherapeuten darzustellen, der mit dem Thema radikalisierter Antifeministen nichts zu tun hat, ist eine Verzerrung der Sachlage.

RE: Gorillataktik | 16.07.2018 | 13:44

Jordan Peterson sollte als eine der ganz großen Heilsfiguren dieser Szene definitiv nicht außen vor gelassen werden, auch wenn man über die möglicherweise einseitige Darstellung in diesem Text hier streiten kann. Peterson widmet sich überwiegend einem jungen, männlichen Publikum und propagiert ein rigides Männlichkeitsbild des "Erwachsenswerdens", der Disziplin und Selbstverantwortung und mischt dies aber auch mit einer politischen Botschaft, die aus der Ablehnung amerikanischer "liberaler" Ansichten, die ausdrücklich auch Feminimus beinhaltet.

Erst die, pardon, "cuckold"-Keule zu schwingen und dem Autor des Textes einen Mangel an Maskulinität vorzuwerfen als Grund für seine Ablehnung veralteter, patriarchalischer Rollenbilder und im selben Atemzug eine differenziertere Auseinandersetzung zu fordern ist darüber hinaus lachhaft.