Das Problem mit der Nummer 2

Freitag-Salon Frank Schirrmmacher, FAZ-Feuillton-Chef und Erfolgsautor, hat ein neues Buch geschrieben. Das ist immer ein Garant für Aufregung
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Das Problem mit der Nummer 2
Frank Schirrmacher im Gespräch mit Jakob Augstein

Foto: Barbara Muerdter/ popkontext

Ebenso ist klar, dass es die Bestsellerlisten anführen wird, auch wenn man inzwischen weiß, dass nicht allzu viel Substanz zu erwarten ist. Schirrmacher greift gesellschaftlich relevante Themen auf, beschäftigt sich solange damit, bis er einen Wälzer zusammengeschrieben hat, in dem er mehr oder mehr oder weniger interessante Fäden aufgreift, die er zusammenzuführen versucht. Leider meist weniger überzeugend, auch wenn der eine oder andere interessante Ansatz und Gedanke dabei ist.

Wie wenig er das Ganze allerdings zu einer überzeugenden Synthese zusammenführen kann, zeigte sich gestern Abend im Maxim-Gorki-Theater, wo er im Rahmen des Freitag-Salon im ausverkauften Großen Saal sein neues Buch Ego vorstellte. Hier greift er, aufgeschreckt durch die Finanzkrise, aber auch durch die moralische Verrohung und den Werteverfall, die sich in den britischen Jugend-Riots 2011 zeigte, den Egoismus als treibende Kraft unserer Gesellschaft an, und wünscht sich eine Rückkehr zu gemeinschaftlichen Werten und Handeln, jenseits dessen, was heute allgemein in der neoliberalen Welt als “rational” internalisiert ist – dass jeder nur an seinen eigenen Vorteil denken muss und so selber voran kommt, und die Gesellschaft ebenfalls. Er greift das Konzept des Homo oeconomicus, ein rationales, messbares Alter Ego des Menschen im kapitalistischen Markt, als Figur auf, deren Wurzeln im ökonomischen Denken des 19. Jahrhunderts liegen und der im 20. perfektioniert wurde, und nun laut Schirrmacher dabei ist, uns alle zu übernehmen.

Zentral in Schirrmachers Argumentation ist die Spieltheorie (Theory of Games). Diese wurde zunächst zur Analyse eben jenes Homo oeconomicus und zur Analyse wirtschaftlicher Fragestellungen entwickelt. Es werden Entscheidungssituationen modelliert, in denen sich mehrere Beteiligte gegenseitig beeinflussen, getrieben von blankem Egoismus (in der nicht-kooperativen Variante). Daraus soll unter anderem das rationale Entscheidungsverhalten in sozialen Konfliktsituationen abgeleitet werden. Zu großer Bedeutung kam die Spieltheorie im Kalten Krieg, als die beiden antagonistischen Blocks die Rolle der antagonistischen Spieler annahmen, die nicht miteinander kommunizieren und gegensätzliche egoistische Interessen haben, aber trotzdem in einem Gleichgewicht koexistieren müssen. Die Konstrukteure dieses fragilen, aber doch funktionierenden Gleichgewichts seien nun nach dem Zusammenbruch des Ostblocks arbeitslos geworden und hätten sich mit ihren Denkansätzen in die Finanzwelt gestürzt – mit fatalen Folgen.

Jakob Augstein, Herausgeber des Freitag und Gastgeber, stellte gleich zu Anfang die richtige Frage: Was ist denn “Nummer 2″, diese mysteriöse, quasi-personifizierte Figur, die sich durch Ego zieht und nach Schirrmachers Ansicht dabei ist, das Leben des echten Menschen zu übernehmen. Das wurde Schirrmacher sicher nicht zu ersten Mal gefragt und konnte doch keine befriedigende Antwort geben: Es sei eigentlich der “Schatten” des Menschen, das Modell, der Doppelgänger, der “gefälschte Mensch”, die Hilfskonstruktion der Ökonomen, das Verhalten der Menschen zu erklären, also der Homo oeconomicus. Dann steht in seinem Buch “Nummer 2″ auch für die Algorithmen der Spieltheorie, der Social Media und Big Data – ein widersprüchliches Konstrukt, das einer genauen Analyse kaum standhält, die “eierlegende Wollmilchsau des Bösen”, wie ein Kritiker schreibt.

Dass diese “Nummer 2″ laut Schirrmacher nun dabei ist, das Reale, das sie lediglich als Modell in einem begrenzten Marktraum abbilden sollte, zu übernehmen – verkörpert in der aktuellen Entwicklung auf dem Finanzmarkt, konkret im Hochfrequenzhandel -, hat Schirrmacher zu ein paar sehr simplen, aber durchaus wichtigen Erkenntnissen gebracht, die andere schon länger hatten, z.B. dass der Kapitalismus vielleicht doch nicht so gut für den Menschen ist.

Daraus gleich zu schließen, dass Schirrmacher jetzt ein Linker geworden sei, wie es Jakob Augstein getan hat, der das Buch nach eigenem Bekunden mochte, ist dabei zu weit gegriffen, und auch Schirrmacher weist das von sich. Er wünsche sich im Prinzip eine Revitalisierung der sozialen Marktwirtschaft, fasst Augstein Schirrmachers Aussage im Gespräch zusammen. Was ich aus den zwar verbal souverän als zusammenhängend präsentierten Schnipseln entnehme, die jedoch bei genauem Hinhören genauso wenig wirklich verbunden, oft gar widersprüchlich sind, wie die “Nummer 2″-Chimäre, geht es Schirrmacher um einen menschlicheren Kapitalismus, in dem reale Menschen Verantwortung für ihr Handeln und die Gesellschaft übernehmen, weil er sieht, dass die aktuelle Fahrtrichtung gegen die Wand geht. Deshalb plädiert er für eine Wende, die für ihn bedeutet, das Konzept des Homo oeconomicus in Frage zu stellen, dass seit den 80er Jahren – also, auch wieder unlogisch in seiner Argumentation, aber faktisch richtig, vor Ende des Kalten Kriegs -, omnipräsent werde und in einem “ökonomischen Imperialismus” die Sozialwissenschaften vereinnahme, die dem Menschen in seiner Vielschichtigkeit bis dato gerechter geworden wären.

Um eine Veränderung zu schaffen und die Fahrt in den Abgrund zu stoppen müsse man das von Kapitalismusgläubigen internalisierte, gesellschaftlich kaum noch hinterfragte Paradigma, dass egoistisches Verhalten das vernünftige sei, in Frage stellen. Es geht ihm, soweit ich das verstanden habe, jedoch nicht um eine Infragestellung von Rationalität an sich, sondern er geht mit Bezug auf Foucault richtiger Weise davon aus, dass unsere “Rationalität”, dass das, was wir unhinterfragt für “vernünftig” halten ein gesellschaftliches Konstrukt ist, dass wir so internalisiert haben, dass wir das nicht mehr bemerken.

So meint Schirrmacher, dass es nicht überraschen sollte, dass die Banker nach der Finanzkrise kein schlechtes Gewissen haben – für Leute wie Alan Greenspan sei wirklich eine Welt zusammengebrochen, an deren Richtigkeit er geglaubt habe. Bei Schirrmacher selber sehe ich ein ähnliches Phänomen, da ich als Linke völlig anders denke als er: Manchmal scheint er mir kindlich naiv unschuldig und wirklich ernsthaft interessiert, die Welt aus seiner Perspektive, die eben nicht meine ist, zu verbessern, und sicher ergeben sich dabei ganz viele Anknüpfungspunkte auch für Linke. So benennt er als dringendste Sache, die getan werden muss – Augstein sieht ihn schon auf den Barrikaden stehen – dass, die Politik, die es ironischerweise (allerdings auch verdient) sei, die einen enormen Autoritätsverlust gegenüber der Wirtschaft hätte hinnehmen müssen, den Hochfrequenzhandel dringend einschränken müsse. Aber selbst eine Einschränkung der schwindenden Sekundenzahl, in der dieser Handel, jenseits von jedem menschlichen Erfassungsvermögen inzwischen ablaufe, sei derzeit politisch kaum machbar.

Schirrmachers gesamte Argumentation, die nur hin und wieder Witz hatte, und noch weniger Selbstironie trotz aller Kritik, erinnerte dabei häufig an gut gemachte Verschwörungstheorien: Er nimmt ganz viele Versatzstücke aus verschiedenen Kontexten und stellt es so dar, als ob der Zusammenhang ganz offensichtlich wäre. Jedoch sind die Zusammenhänge keineswegs offensichtlich – manchmal nicht weit genug gedacht und formuliert, um sie klar zu machen, oftmals aber auch gar nicht vorhanden. Wobei ich keineswegs sagen will, dass Schirrmachers Grundgedanken generell Verschwörungstheorien seien – ich befürchte eher, es ist eine Menge nicht zuende Gedachtes und Unverstandenes und auch das schnell einen neuen Bestseller schreiben wollen. Ich stimme auch mit ihm in vielen seiner Schlussfolgerungen völlig überein: Dass der Hochfrequenzhandel stark reguliert, aus meiner Sicht sogar ganz abgeschafft werden muss, dass Menschen wieder Verantwortung für ihr Handeln übernehmen müssen, im Zweifel per Gesetz und sich die gewählten Regierungen gegenüber der Macht der Wirtschaft emanzipieren müssen.

Der von Schirrmacher – und auch mir – dringend geforderte Paradigmenwechsel hat in der Bevölkerung schon lange begonnen, nur ist er in der immer stärker mit der Wirtschaft verquickten Politik noch nicht angekommen, weshalb die Entfremdung zu den “einfachen Menschen” und deren hochgefährliche Desillusionierung mit der Demokratie inzwischen so weit vorangeschritten ist. Dass unsere Gesellschaft wieder mehr Gemeinschaftssinn und Verantwortung braucht haben auch schon andere erkannt – Augstein verwies z.B. auf Richard Sennetts im vergangenen Jahr erschienenes Together (deutsch: Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält) -, aber Schirrmacher hat keine überzeugende Analyse und auch keine wirklichen Lösungsvorschläge zu bieten, nur ein paar interessante Ansatzpunkte. Diese sind es vielleicht aber aufgrund des Rauschens im Blätterwalt und der hohen Verkaufszahlen, die den einen oder die andere zum Nachdenken anregen können, die das bisher noch nicht getan haben, gerade im konservativen Lager. Zum Nachdenken hat auch der Abend im Maxim-Gorki-Theater angeregt – weiterlesen werde ich aber nicht in Schirrmachers Buch, sondern woanders, an den liegen gelassenen Fadenenden.

Zuerst erschienen auf Popkontext.de

13:48 14.03.2013
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Popkontext

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