Der Tod von Menschen war einkalkuliert

Rostock-Lichtenhagen 20 Jahre ist es her, dass in Deutschland eines der schlimmsten fremdenfeindlichen Pogrome der Nachkriegsgeschichte stattfand. Wer erinnert sich noch? Und wie?
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Der Tod von Menschen war einkalkuliert
Foto: Jens Kalaene (dpa)


Eigentlich müsste das Thema Hochkonjunktur haben, angesichts der NSU-Morde und der Verstrickungen des Verfassungsschutzes in die rechte Szene, der verbreiteten Akzeptanz für rassistisches Gedankengut in der so genannten „Mitte der Gesellschaft“ im Zuge der Entsolidarisierung. Aber die ARD bringt nicht etwa eine neue Reportage über 20 Jahre Rostock-Lichtenhagen und den Zusammenhang mit der NSU und dem Versagen des Verfassungsschutzes. Guckt sie vielleicht wenigstens mal, wie es vietnamesischen Vertragsarbeitern, die damals gehetzt wurden, heute geht? Fehlanzeige - sie bringt gar nichts. Immerhin hat der NDR noch einmal einen neuen Film beauftragt – der Regisseur bekam von vielen damals Verantwortlichen und Beteiligten kein Interview. Im „Freitag“ erscheint ein ärgerlicher Artikel, der sich in Verrenkungen über Weglassungen versucht, solche Ausschreitungen als Teil der menschlichen Natur zu betrachten, weder ein speziell deutsches Phänomen noch eins, in dem Interessengruppen vorher ganz gezielt die Massen auf Sündenböcke hetzen, noch eins, das konkret mit der deutschen Vereinigung zu tun hatte, jenseits der materiellen Probleme der Rostocker. Um Ausländerfeindlichkeit sei es schon gar nicht gegangen.

Dabei waren die Ereignisse aus dem Sommer 1992 ein Paradebeispiel für die gezielte staatliche Inszenierung eines Exempels, das gebraucht wurde, um ein verschärftes Asylrecht durchzusetzen. Es wurde gelogen, dass sich die Balken biegen, Absichten kaum verhohlen, Politik und Polizei haben derart versagt, dass man nur ganz gezieltes Tun oder besser Nichttun dahinter vermuten kann. Der Frust von deklassierten, um ihre Hoffnung betrogenen Ostdeutschen wurde in klassischer Manier gezielt auf die Ausländer als das „Andere“ kanalisiert, um CDU-Politik durchzusetzen. Eine Leerstelle wurde gelassen, wo offensichtlich war, dass sie von Rechtsradikalen besetzt werden würde. Der Tod von Menschen war einkalkuliert.

Das Boot ist voll“

Seit Mitte der 70ern zeichneten sich in der westlichen Welt, noch fast unmerklich, nach einer Periode des Wohlstands, die ersten Zeichen der beginnenden längerfristigen Rezession ab, die sich Anfang der 80er verfestigten. Und damit kam eine konservative Wende, symbolisiert durch die Wahl von Reagan in den USA, Thatcher in England, die die Entsolidarisierung der Gesellschaft vorantrieben, etwa in dem sie die Spitzenzinssätze für Reiche massiv senkten oder die Gewerkschaften zerschlugen. In der alten Bundesrepublik kam Helmut Kohl an die Macht. Seit den frühen 80er Jahren tobte in hier eine immer heißer werdende Debatte um die Asylgesetze, die bereits Ende der 70er begonnen hatte. Die CDU drängte auf eine Änderung, die im linken politischen Lager als eine Quasi-Abschafffung des Asylrechts betrachtet und auch von der SPD abgelehnt wurde. „Das Boot ist voll“ und „Scheinasylanten“ wurde zu rhetorischen Schlagworten in den Medien, oder auch die Rede von der „Asylanten-Springflut“, nach Karl Frommes bereits 1980 in der FAZ erschienem Aufruf, den „Asylantenstrom“ einzudämmen. Rassismusforscher Siegfried Jäger konstatierte 1993, dass es teilweise keine Unterschiede zur Sprache im Dritten Reich geben würde. Rassimus kommt immer aus der Mitte der Gesellschaft, stellt er klar: Haltungen verfestigen sich dort, und werden an den Rändern der Gesellschaft ausgeführt, zumeist von jungen Männern, die sich trauen, das zu tun, was andere nur denken. Wie sehr der Asylant als solcher schnell zum Feindbild wurde, zeigten verstärkte Angriffe auf Ausländer seit Mitte der 80er. Rechtsradikale Parteien und Gruppierungen sprangen Ende des Jahrzehnts auf den Zug auf und verschärften die Rhetorik.

Die Wende

Dann kam die Wende, die Übernahme der DDR durch die Bundesrepublik. Viele DDR-Bürger glaubten Kohls Versprechen, es werde den meisten von ihnen bald besser gehen, und keinem schlechter, in der Hoffnung auf politische Freiheit, aber auch geblendet vom Konsumversprechen. Den Westdeutschen hatte er im gleichen Atemzug versichert, dass sie keine Nachteile erleiden werden. Die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan konstatierte drei Jahre später angesichts der Pogrome in Lichtenhagen, dass die Ostdeutschen u.a. so viele Probleme mit der Demokratie hätte, weil sie mit falschen Versprechungen begonnen hatte und so kein Vertrauen in sie entstehen konnte.

Der Osten wurde zudem systematisch ausgeplündert und deindustrialisiert, Händler, aber auch Chefs, Politiker und Rechtsradikale aus dem Westen kamen, um dem gemeinen Ossi zu zeigen, wo es lang geht, sich selber neue Karrieren aufzubauen. Die Ostdeutschen wurden zu Menschen zweiter Klasse, als nicht besonders beliebte „Gastarbeiter“ in der alten Bundesrepublik, aber auch in der eigenen Heimat, wo sie sich den neuen Regeln zu unterwerfen hatten. Man sprach von den „Besser-Wessis“, die den Ton angaben. Viele Ostdeutsche verloren ihre Arbeit, nicht alle fanden neue. Eine der am härtesten betroffenen Regionen war Mecklenburg-Vorpommern, unter anderem die Hafenstadt Rostock.

Ausländische Vertragsarbeiter und Asylanten

Und dann waren da die Ausländer. Das war auch neu. In der DDR gab es zwar auch Ausländer, neben den russische Soldaten und Studenten aus aller Welt Vertragsarbeiter vor allem aus den „sozialistischen Bruderländern“ Vietnam, Kuba und Mosambik. Diese wurden jedoch von der deutschen Bevölkerung fern gehalten, lebten getrennt in eigenen Wohnblöcken und Kontakt zur den Deutschen wurde nur zu formalen „Freundschaftstreffen“ ermutigt. Normale Beziehungen, Freundschaften und Liebschaften, zu Ostdeutschen durften sie nicht aufbauen, nicht am Alltagsleben teilnehmen. Deutschen Arbeitskollegen, soweit es sie gab, wurde sogar untersagt, sie privat zu besuchen. Sie waren für die meisten Ostdeutschen unsichtbar, wenn man sie sah, waren es die „Fidschis“ und die „Schneeflöckchen“.

Nach der Wende, die meist die stillschweigende Abschiebung für die Vertragsarbeiter bedeutete, kamen zunächst die Osteuropäer. Die kannte man als ehemaliger DDR-Bürger vielleicht von Urlaubsreisen, vor der eigenen Haustür fand man sie allerdings eher stören. Andere Sprache, andere Sitten, und dann hatte man ja doch selbst nichts, und sie waren arm und somit Konkurrenz für die Sozialleistungen, die Almosen des neuen deutschen Staates.

In Rostock-Lichtenhagen, einem einstigen Vorzeige-Arbeiterwohnviertel, in dem jetzt jeder Zweite arbeitslos war, eröffnete Mitte 1991 die zentrale – und einzige - Aufnahmestelle für das Kontingent an Asylbewerbern, das Mecklenburg-Vorpommern zugeteilt wurde, die ZAst, gleich neben dem Aufgang, in dem seit Jahren die vietnamesischen Vertragsarbeiter mit ihren Familien wohnten. Solche Orte findet man immer nur in einfachen Vierteln, nie in den besseren. Zur gleichen Zeit kursierten Handzettel in Rostock, in denen rechtsextreme Parteien für sich warben, indem sie Stimmung gegen Ausländer machten. In der etablierten Politik tobte die „Asyldebatte“ zwischen CDU und der SPD, die sich noch immer weigerte, das neue, verschärfte Gesetz zu unterschreiben. Das Thema war in den Medien präsent. Fremdenfeindliche Angriffe rechtsgerichteter Jugendlicher vermehrten sich, in Rostock, im Osten, in den alten Bundesländern. Trauriger Höhepunkt war der Überfall auf ein Asylantenheim im sächsischen Hoyerswerda im September. Wie abschreckend die Atmosphäre gewesen sein muss zeigt allein die Tatsache, dass unter den „Wessi“-Händlern, die versuchten, sich im Osten eine goldene Nase zu verdienen, kaum welche mit ausländischen Wurzeln waren.

Unhaltbare Zustände

Schon bald nach der Eröffnung waren die knapp 300 Betten der ZAst hoffnungslos überfüllt. Die Medien schienen Recht zu haben: Das Boot ist voll! Die Neuankömmlinge, nun meist rumänische Sinti und Roma, begannen seit dem Frühjahr 1992 in den Grünanlagen und und unter den Balkons zu kampieren, bis sie Einlass in der ZAst bekamen, um ihre Unterlagen zu bekommen und weiter verwiesen zu werden. Das dauerte oft Tage. Sie schliefen im Gebüsch, sie verrichteten ihre Notdurft in den Hauseingängen und an den Gehwegen. Die Stadt weigerte sich, mobile Toiletten aufzustellen, oder übergangsweise alternative Quartiere zur Verfügung zu stellen, die vorhanden gewesen wären. Man argumentierte damit, dass man ja so die Zustände legalisiere und immer mehr Ausländer kommen würden. Außerdem sei kein Geld da, und man verwies auf die Zuständigkeit der Landesregierung. Die betroffenen Menschen überließ man einander: Die Asylsuchenden ohne jeden Ort für sich, ungeachtet ihres Schicksals, und die Ostdeutschen, deren Welt auch gerade zusammengebrochen war, deren Euphorie über die Wende längst einer Hoffnungslosigkeit und einem Frust über die oft aussichtslose Zukunft gewichen war.

Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) hatten bereits kurz nach der Eröffnung die Anlage besucht und die und die Zustände als unhaltbar angemahnt, im Juni 1992, nach einer deutlichen Verschlechterung der Situation, warnten Mitarbeiter des Gesundheitsamts vor drohender Ausbreitung von Infektionen. Es wurde schließlich ein Ausweichprojekt gefunden, eine ehemalige Kaserne der NVA in einem anderen Stadtteil. Zunächst war der Umzug zum 1. Juni geplant, aber der neue Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern Lothar Kupfer (CDU), ließ trotz der katastrophalen Situation den Termin immer weiter nach hinten verschieben. Nichts wurde getan, um die Situation zu entschärfen. Bei den lokalen Anwohnern, deren Wohnqualität erheblich gemindert war, staute sich die Wut auf. Alle ihre Beschwerden an die Behörden waren verhallt, selbst Warnungen von einigen Politikern vor drohenden Gewaltakten, sogar von Parteigenossen des Innenministers, blieben ohne Folgen. Schon ein Jahr zuvor hatte der Rostocker Oberbürgermeister seine Kollegen vom Land darauf hingewiesen, dass mit „schwerste Übergriffe bis hin zu Tötungen […] nicht mehr auszuschließen“ sind. Er hatte sich irgendwann entschlossen, die Situation zu ignorieren, da sich von Seite der Landesbehörden nichts tat.

Die rechte „Bürgerwehr“ übernimmt

In diese Lücke sprangen die rechten Parteien, NDP und DVU. Sie verteilten ausländerfeindliche Flugblätter in Lichtenhagen, und gründeten eine „Bürgerwehr“, die aufräumen sollte. Diese kündigte sogar der lokalen Presse an, dass es an diesem letzten Wochenende im August endgültig „knallen“ würde. Es ging um die ZAst, die „Zigeuner“-Lager davor. Ausdrücklich ausgenommen waren die „Fidschis“, die vietnamesischen Vertragsarbeiter, mit denen man sich offenbar arrangiert hatte. Allerdings hatte ausgerechnet Polzeidirektor Kordus bereits im Frühjahr auch vor der Gefahr von fremdenfeindlichen Übergriffen gegen die Vietnamesen gewarnt. Einer der rechten Täter sagte später aus, dass die Polizei sehr wohl gewusst hätte, von wem die Ankündigung kam, und dass sie absolut ernst zu nehmen war – trotzdem blieb jede Vorbereitung seitens der Polizei aus. Eine vorsorgliche Räumung der ZAst wurde in Betracht gezogen, aber nicht durchgeführt. Die fast vollständig aus dem Westen stammenden leitenden Polizeibeamten fuhren sogar zum Wochenende nach Hause – und überließen Lichtenhagen Stellvertretern, wobei sich der Einsatzleiter noch in Ausbildung befand.

Zunächst waren gar keine Polizisten da, dann kamen gerade mal 30 Beamte, als sich am Samstag Abend bereits 2000 Leute, davon 200 gewaltbereiten Rechtsradikale und Hooligans, versammelt hatten. Die auf den Wiesen campierenden Flüchtlinge hatte man in letzter Minute abtransportiert. Die Polizisten, in normaler Ausrüstung, wurden schnell zusammengeschlagen und weitere anrückende Beamte vertrieben. Das „Volksfest“ konnte so mehr oder weniger ungestört von staatlicher Seite seinen Lauf nehmen: Steine zertrümmerten die Fenster der ZAst und des Vietnamesen-Wohnheims gleich mit, ein erster Molotov-Cocktail setzte ein Zimmer in Brand, der grölende Mob spendete Beifall, die Stimmung stieg. Erst um zwei Uhr kamen zwei Wasserwerfer, die kurz zuvor ganz zufällig aus Rostock abgezogen waren, aus Schwerin angefahren, die aber auch wirkungslos blieben. Obwohl die Rostocker Bereitschaftspolizei über 1 100 Mann verfügt hätte, waren am ganzen Abend nicht mehr als 160 Polizisten im Einsatz, von denen einer schwer verletzt wurde, andere leichter. Nur neun Gewalttäter wurden festgenommen, und am nächsten Tag wieder entlassen.

Auch an den nächsten Tagen gab es kaum ernsthafte Festnahmen, und die Polizei wurde lediglich auf zwei zusätzliche Hundertschaften aus Hamburg verstärkt, die der Situation absolut nicht gewachsen waren, und sogar verfrüht wieder abgezogen wurden. Dafür bekamen die Neonazis Verstärkung von bekannten Szenegrößen aus dem Westen und deren Freunden. Schon vor Eintreffen der BGS-Einheiten am frühen Montag und der nächtlichen Rückkehr des Polizeichefs aus dem Wochenende hatten die inzwischen knapp tausend Gewalttäter das Haus in die Zange genommen, und waren bereits bis in den 6. Stock vorgedrungen. Überall schallten Rufe: „Deutschland den Deutschen!“, „Wir kriegen euch alle!“ Der Mob applaudierte. Es flogen Steinen, Molotow-Cocktails, Leuchtraketen und Leuchtspurmunition gegen das Haus, und gegen die Polizei. Von den 130 Festgenommenen waren 60 Linke, die versucht hatten, das Haus zu schützen und die Nazis abzudrängen.

Ihr werdet alle geröstet“

Im Gegensatz zur Polizei waren Medienvertreter schnell und in hoher Anzahl vom ersten Moment an präsent, von der lokalen Presse bis bald auch zur nationalen. So sind die Ereignisse gut dokumentiert, und gingen zeitnah um die Welt. Am Montag versammelten sich bereits am Vormittag die Massen vor dem Haus, in Siegesstimmung. Schon lange waren Bierstände aufgebaut worden. Der Polizeidirektor empfand die Lage als ruhig, lehnte sogar angebotene zusätzliche Hundertschaften des BGS ab, auch wenn andere die wachsende Aggressivität durchaus bemerkten. Vorsichtshalber evakuierte man aber nun doch die ZAst – die Vietnamesen blieben, über hundert Menschen, darunter schwangere Frauen und Kinder. Der Polizeidirektor sah aber keinen Grund mehr, die Kräfte vor Ort zu lassen, obwohl die Vietnamesen schon in den Tagen davor ebenfalls Zielscheibe der Angriffe gewesen waren. Die Polizei zog sich komplett zurück und das Haus und die Menschen waren völlig ungeschützt.

Ein ZDF-Fernsehteam interviewte die betroffenen Vertragsarbeiter, und machte Bilder von den Schäden im Haus, auch der Rostocker Ausländerbeauftragte und eine Mitarbeiterin sprach mit den Vietnamesen, als der Mob am Abend wieder angriff. Die Gewalttäter waren jetzt völlig ungehemmt: Sie setzten systematisch das Haus - nicht die leergeräumte ZAst, sondern das Vietnamesen-Wohnheim - mit Molotov-Cocktails in Brand, erstürmten mit Baseballschlägern den Eingangsbereich und stiegen über die Balkone ein. Die Eingeschlossenen flohen immer höher in die oberen Stockwerke, vor dem Brand und dem Rauch, und vor den Gewalttätern, die jetzt ihre Absicht zu töten unverhohlen kundtaten: „Ihr werdet alle geröstet.“ In Todesangst brachen die Fliehenden verschlossene Türen auf, um aufs Dach zu gelangen, nachdem sie einige der Wachleute und Hausbewohner bereits auf dem Weg dorthin verloren hatten. „Wir hatten sie abgeschrieben,“ konstatierte später ein geschockter Teilnehmer. Auch oben bestand die Gefahr, das man sie einfach runter wirft. Irgendwann konnten sie in eins der Nachbarhäuser gelangen. Sie mussten bis in die unteren Stockwerke gehen, ehe ihnen die Tür aufgemacht wurde, um die Rauchvergiftungen, die einige erlitten hatten, notdürftig behandelt werden konnten. Als eine Frau sie hereinließ, kamen auch andere zu Hilfe.

Erst 1 1/2 Stunden nach dem ersten Anruf einer Anwohnerin konnte die von der Polizei nicht über den Brand informierte Feuerwehr zum Haus vordringen, weil sie zuvor keinen bzw. nur geringen Polizeischutz bekam. Dabei wusste die Polizei schon länger, was passiert: Der im Haus eingeschlossene Ausländerbeauftragte der Stadt hatte sie noch über das Feuer und die Angriffe informiert, kurz bevor die ersten Nazis mit Baseballschlägern ins Haus eindrangen. Danach hatte er kein erreichbares Telefon mehr. Das ebenfalls eingeschlossene ZDF-Team drehte die Stunden der Angst im Haus mit. „Die Polizeinspektion hat nicht begriffen, was hier vorgeht,“ ruft der völlig verzweifelte Ausländerbeauftragte in die Kamera. Nach über zwei Stunden Flucht vor Menschen, die keine Hemmungen gehabt hätten, sie umzubringen, konnten sie in einem Polizeispalier durch die Menge zu zwei Bussen gebracht werden, die sie abholten. Er habe kein Mitleid in den Augen der Menschen gesehen, nach allem was sie durchgemacht hätten, sagte einer der Vertragsarbeiter – er hätte vom Herzen etwas anderes erwartet. Selbst die Busse wurden auf der Fahrt noch von Rechtsradikalen verfolgt.

Unverhohlene Instrumentalisierung, kein Scham, kein Mitleid

Die Vietnamesen wurden in einer Turnhalle regelrecht ausgesetzt, ohne Verpflegung. Der Rostocker Bürgermeister besuchte sie dort, um ihnen mitzuteilen, dass sie nach einer weiteren Verlegung in das verbrannte „Sonnenblumenhaus“ zurückkehren sollen, indem sie Tage zuvor dem Tod entronnen waren. Außer einer kühlen, formalen Entschuldigung erhielten die Menschen, die nicht nur gerade traumatische Erlebnisse ausgestanden und durch den Brand teilweise ihr gesamtes Hab und Gut verloren hatten, inklusive persönlicher Erinnerungen, sondern auch zehn Jahre in Rostock gelebt und gearbeitet hatten, keinerlei Entschädigung. Sie erhielten im Gegensatz zu ihren deutschen Nachbarn nicht einmal Mieterlass als Ausgleich für die „Randale.“ Um die Perversion zu vollenden, drohte ihnen dagegen die Ausweisung.

Der Hauptverantwortliche für die Verzögerung des ZAst-Umzugs, Lothar Kupfer, log am nächsten Tag unverhohlen vor laufender Kamera auf der Pressekonferenz, dass es ein gemeinsamer Mob aus Links- und Rechtsradikalen gewesen wäre, der das Haus gestürmt hat. Er stellte das Ereignis nicht in eine Linie mit Hoyerswerda, sondern mit Brockdorf und der Hafenstraße. Die Flucht der Vietnamesen aus ihrem brennenden Haus stellte er als Hausfriedensbruch dar, da sie sich unberechtigt Zugang zur ZAst verschafft hatten. Keiner der „vietnamesischen Staatsbürger“ sei zu Schaden gekommen. Ministerpräsident Bernd Seite verurteilte die „menschenverachtende Brutalität“ der Gewalttäter – allerdings gegen die Polizei, nicht die Vertragsarbeiter und ihre Familien, die gar nicht erwähnt wurden. Als Ursache wurde nicht das Versagen der Polizeieinsatzleitung, die bei einer Demo gegen Rassismus eine Woche später spontan 3 000 Polizisten mobilisieren konnte, gesehen, sondern wieder die Rhetorik vom „unkontrollierten Strom an Asylbewerbern“ bedient.

Noch während der Ereignisse war der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters nach Rostock gekommen. Doch er fuhr nicht etwa nach Lichtenhagen, sondern auf eine Pressekonferenz. Dort beklagte er den schlimmen Schaden, den das Image Deutschlands durch die Ereignisse erleidet, weil man ja doch nicht als ausländerfeindlich dastehen wolle, um zugleich den ungehemmten Zuzug von Ausländern als Ursache für die Ereignisse auszumachen, somit die Opfer des Pogroms zu Tätern umstilisierte. Die SPD, wo es sowieso teilweise Zustimmung gab, unterschrieb den sog. „Asylkompromiss“, was sie jahrzehntelang abgelehnt hatte - am 6. Dezember wurde er im Bundestag beschlossen. Durch die Änderung des Grundgesetzes und des Asylverfahrensgesetzes wurde das individuelle Grundrecht auf Asyl abgeschafft. Die Asylrechtsreform trat im Juni 1993 in Kraft. Lothar Kupfer trat zwar - als Einziger der Verantwortlichen - aufgrund der massiven Kritik an seinem Vorgehen ein Jahr später aus dem Amt zurück, und auch später aus der CDU aus, blieb aber in der Landespolitik tätig. Es gingen ganze vier Täter ins Gefängnis, die letzten drei Urteile wurden zehn Jahre nach dem Pogrom gesprochen.

In der Wikipedia gibt es einen sehr guten, detaillierten Artikel zum Thema. Auch die beiden im Text verlinkten Dokumentarfilme sind dringend empfohlen.

Broschüre des Instituts für Politikwissenschaften der Uni Rostock zu 20 Jahre Lichtenhagen

Antifa-Blog zu Lichtenhagen

Start Next Projekt zur Aufarbeitung von Lichtenhagen

Offizielle Gedenkveranstaltungen, u.a. mit Bundespräsident Joachim Gauck und dem Liedermacher Gerd Schöne

NDR-Doku „Als Rostock-Lichtenhagen brannte" zum 20. Jahrestag

ZDF- Doku „Die Schande von Rostock" zum 20. Jahrestag

Verein Diên Hông

Update:

Sonnenblumenhaus - Hörspiel von Dan Thy Nguyen und Iraklis Panagiotopoulos (2015)

Vor 20 Jahren fanden in Rostock-Lichtenhagen die schlimmsten Pogrome der Nachkriegsgeschichte statt. Wie kam es dazu und wie wird es heute betrachtet?

00:17 14.08.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Popkontext

Journalistin, Bloggerin, DJ, Fotografin - Kultur, Medien, Politik, Sprache // Websites: popkontext.de / wortbetrieb.de
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