„Erzähl mir wir haben noch Zeit“

Erinnerung In der vergangenen Woche starb der Hamburger Musiker und Maler Nils Koppruch unerwartet im Alter von nur 46 Jahren. Ein Abschied.
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Kid Kopphausen, sein aktuelles Projekt mit dem Singer-Songwriter Gisbert zu Knyphausen und drei Begleitmusikern, hatte in den letzten Monaten viel Aufmerksamkeit erregt. Niemand ahnte, dass es das Vermächtnis des 46jährigen werden sollte. Für Oktober / November war eine große Konzerttour angekündigt, die einem der besten Songwriter in deutscher Sprache, zusammen mit seinem ebenbürtigen Kollegen aus einer nachfolgenden Generation, die gebührende Aufmerksamkeit versprach. Der Schock unter Fans und Kolleg/innen, der sich im Netz manifestierte, zeugte nicht nur von großer Wertschätzung für sein musikalisches und auch sein malerisches Werk, sondern auch für einen Menschen, den sowohl Freunde als auch flüchtige Bekannte schmerzlich vermissten, nicht nur wegen seiner poetischen Worte und Musik, die so viel Halt gaben, sondern auch in der persönlichen Begegnung liebenswürdig, freundlich und hilfsbereit, immer für einen guten Schnack zu haben.

Als ich die Nachricht von seinem Tod hörte und erst nicht fassen konnte, sah ich den jungen feschen Mann vor mir, mit dem ich vor acht Jahren vor der Tür der Radiostation, für den ich ihn gerade interviewt hatte, eine Zigarette rauchte. Die Sonne schien auf sein Gesicht, das weinrote Hemd hing lässig halb aus der Hose. Er strahlte eine Mischung aus Hamburger Distanziertheit und freundlicher Offenheit aus. Unter der glatten, schnieken Oberfläche wirkte er wie einer, der noch mit sich ringt, nicht wirklich angekommen ist – wie einer, der vielleicht nie ankommt, sich auf dem Weg einrichtet. Zuvor hatte er erzählt, wie er durch Johnny Cash auf den Country gekommen war - eine Musikrichtung, die ihm zuvor suspekt war, und von der ihn bis heute nur die "Randzonen" interessierten. Beim Kauf seiner ersten Cash-Platte habe er sich zunächst schamhaft im Laden umgeschaut, ob ihn auch niemand, den er kennt, erwischt. Das war vor dem Cash-Boom aufgrund seiner American Recordings-Aufnahmen - Koppruch war durch Alternative Country-Bands wie Uncle Tupelo angeregt worden, sich mehr mit der US-amerikanischen Roots-Musik zu befassen.

Cash haute ihn um, wie er sagte, und aus seiner Begeisterung heraus gründete er Mitte der 90er die Band Fink, eine der wenigen deutschen, vor allem deutschsprachigen Bands, die an die US-amerikanische Alternative Country-Welle dieser Zeit anknüpfte. Mit Fink veröffentlichte er zwischen 1996 und 2005 sechs Alben, eigenwillig, besonders, großartig – aber zu sperrig, um die Massen zu erreichen. Einer kleinen Fangemeinde, die auch vor dem verpönten Wort “Country” nicht zurückschreckte, sondern wußte, was damit gemeint war, sprach er direkt aus der Seele.


Ende der 90er begann ich für einen kleinen Radiosender zu arbeiten, einer der wenigen, die die Songs von Fink auch im Tagesprogramm spielten, Songs wie "Ich kümmere mich darum" und "Wenn du mich suchst". Erst spät hatten wir dann mit Nils Koppruch auch persönlich zu tun, für eine Sendung namens "Crossroads", die sich mit Alternative Country beschäftigte. Eigentlich hatten wir auch vor, eine ganze Sendung mit Fink zu machen, hatten das lose verabredet. Aber dann wurde nichts weiter daraus als ein Interview zu nächtlicher Stunde, übermüdet, in unserem damaligen Stammclub. Man verlor sich aus den Augen, stellte nochmal die Soloplatten von Koppruch vor, nachdem sich Fink aufgelöst hatten. Die waren toll, aber es gab so viele andere ebenso tolle Dinge. Erst durch Kid Kopphausen bin ich wieder auf Nils Koppruch gekommen - ich fand das Album großartig, wollte zur Liveshow. Die war aber schon ausverkauft, und ich machte mir keinen Stress - die kommen ja wieder, dachte ich, wie alle.


Erst nach Koppruchs Tod fiel uns, die seine Musik schätzten, auf, in wie vielen Songs er sich auf Vergänglichkeit bezog - als hätte er es geahnt. Dabei waren diese Texte nie depressiv, allenfalls melancholisch, immer voller Herzenswärme und oft sogar frohgemut. Am Abend nach unserem ersten Interview trat er mit seinen Kollegen Peter Lohmeyer und Günther Märtens als “Hotel Rex” auf. Zum Schluss sang er das eingedeutschte Cover eines Songs des Countrystars Spade Cooley, der für den Mord an seiner Frau lebenslänglich im Gefängnis saß: “Wann darf ich gehen“. “Ich bin müde, und kann nicht mehr warten, wann darf ich gehen? Gott hat einen wunderschönen Garten, wann darf ich gehen? Niemehr furchtsam, ängstlich und zaghaft, wann darf ich gehen...” Cooley wollte tatsächlich für immer von dieser Welt gehen – Koppruch und Lohmeyer wollten damals nur von der Bühne. Und auch jetzt hatte er noch so viel vor: Nach der Tour ein neues Sololbum aufnehmen, noch eins mit Kid Kopphausen. Zudem kümmerte er sich um sein zweites kreatives Standbein, über das das Geld ins Haus kam: das Malen unter dem Kürzel “SAM” und seine Galerie in Hamburg. Er war auch vor vier Jahren Vater geworden - hatte seinen Sohn laufen und sprechen und die Welt entdecken gesehen. Bei allem Schmerz, den selbst Menschen, die ihn nicht persönlich kannten, durch seinen Tod empfanden, wird er hier am meisten fehlen.

Alle großen Medien haben nach seinem plötzlichen Tod an ihn erinnert - viele Menschen werden seine Musik erst jetzt entdecken. Vielleicht erfährt er jetzt, wo er nicht mehr da ist, seine lange überfällige Anerkennung als einer der Großen.

erzähl mir wir haben noch zeit
erzähl mir der weg wird ganz leicht
und erzähl mir das du bis ich geh bei mir bleibst
erzähl wie das schiff seine küste erreicht

...

und erzähl mir die stille,
mach das ich weiß, du bist immer noch da,
auch wenn du schweigst

(Nils Koppruch - In die Stille)

Auf seiner Website wurde eine Möglichkeit geschaffen, auf der Fans und Freunde von ihm über eine Kondolenzseite Abschied nehmen können. Die verbliebenen Mitglieder der Kid Kopphausen Band haben sämtliche geplanten Konzerte abgesagt. Gleichzeitig teilten sie mit, dass alle Erlöse aus dem Album Nils Koppruchs Frau und seinem Sohn zugute kommen werden. Wer sie zusätzlich unterstützen will, kann dies über folgendes Konto: Koppruch, Betreff: Spende für Emil, Hamburger Sparkasse, BLZ 200 505 50, Kto. 1228 403 422 (via Kid Kopphausen).

Am 20.10. gibt es ab 21 Uhr bei Popkontext-Radio auf Reboot.fm eine kleine Reminiszenz an Nils Koppruch, mit raren Liveaufnahmen und einem kurzen Interviewausschnitt. Podcast hier.

Mehr Musik von Nils Koppruch und der ursprüngliche Text auf Popkontext.de.

14:52 19.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Popkontext

Journalistin, Bloggerin, DJ, Fotografin - Kultur, Medien, Politik, Sprache // Websites: popkontext.de / wortbetrieb.de
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