Existenzialistischer Soul

Brasilianische Musik Zum 70. Geburtstag von Tim Maia, der in seiner Heimat ein Superstar war, veröffentlicht David Byrnes Luaka Bop Label eine Compilation, an der zehn Jahre gebastelt wurde.
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Tim Maia war nach allen Berichten ein unausstehlicher Mensch, einer, der sich selbst und anderen das Leben zur Hölle macht, größenwahnsinnig, allseits auf Exzess gepolt, kompromisslos egozentrisch. Die einzige positive überlieferte Eigenschaft ist, dass er witzig war, freiwillig und unfreiwillig. Was er hinterlassen hat, ist wunderbare Musik. Er gab wenig auf die Texte, aber seine Stimme und die Musik machten ihn zu einem der Großen der brasilianischen Musik, die er nachhaltig veränderte.

Maia wurde 1970 schlagartig bekannt, als er die Single These Are the Songs mit Superstar Elis Regina aufnahm, der es sein Song angetan hatte. Maia war als 18. von 19 Kindern einer afrobrasilianischen Familie in Rio de Janeiro groß geworden. Er hatte Gitarre spielen gelernt und gründete 1957 mit 15 Jahren seine erste Band, The Sputniks, zu der auch der später ebenfalls bekannte Musiker Roberto Carlos gehörte. Nachdem sich die Band zwei Jahre später aufgelöst hatte, ging Maia in die USA, wo er sich unter einer Gruppe Priester einschmuggelte. Vier Jahre blieb er hier, mit dem Ziel, eine große Karriere als Soul- und Funkmusiker zu machen. Er nahm eine Single mit seiner Band The Ideals auf, und lernte Englisch. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit miesen Jobs und Kleinkriminalität. Nachdem er beim Marihuanarauchen in einem gestohlenen Auto erwischt wurde, kam er erst in den Knast und wurde dann ausgewiesen.

Zunächst schien der Traum von der großen Musikkarriere vorbei: Zu Hause hatte er Mitte der 60er den Anschluss an die Musikszene verloren. Ende der 60er entwickelte sich die Tropicália-Bewegung, die nicht nur ambitioniert aus brasilischen und afrikanischen Rhythmen und dem aus den USA herüberschwappenden Rock’n'Roll eine neue Musik schaffen wollte, sondern sich auch dezidiert gegen die herrschende Militärdiktatur wandte. Auch die Música Popular Brasileira, die nationale Popmusik, übernahm Elemente des westlichen Pop – aber eben auch vor allem des weißen.

Tim Maia interessierte Politik nicht, dafür aber die Musik von Barry White, Isaac Hayes und James Brown. Das zeigte sich auf seinem 1971 im Zuge seines Single-Erfolgs erschienen Debütalbum, das wie auch fast alle folgenden schlicht Tim Maia hieß. Neben portugiesischsprachigen hatte er auf jedem Album auch immer noch mindestens einen englischsprachigen Titel, weil er die Hoffnung auf eine US-Karriere nicht aufgeben mochte. Aber neben den afroamerikanischen US-Einflüssen brachte er auch die Musik, die er aus seiner Heimat kannte mit in die Alben ein, mehr als viele andere. Er schaffte es, zugleich kluge und populäre Musik zu machen; die Politik fand auf der Tanzfläche statt. Auch wenn der brasilianische Rassismus der “herzliche” genannt wird, und anders funktioniert als in Nordamerika, war (und ist) er doch ein Rassismus, der Schwarzen nur bestimmte Rollen zugestand. Mit seiner Radikalität sprengte Maia diese und stieß neue Türen auf.

1974, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, verfiel er plötzlich der Sekte Cultura Racional, gab seine exzessive Lebensweise auf und gab, ganz in weiße Gewänder gekleidet, fast nur noch Konzerte für andere Angehörige des Kults, die glaubten, dass die Menschen nur auf die Erde verbannte Außerirdische seien, die nach der Lektüre des Buchs Universo Em Desencanto erlöst und von UFOs heimgebracht würden. Durch die Veränderung in seinem Leben, vor allem die gesündere Lebensweise, war er künstlerisch allerdings auf seinem Höhepunkt. Da seine Plattenfirma die Sektenagitation nicht wollte, gründete er eines der ersten brasilianischen Independentlabels. Die hier veröffentlichen Platten Racional und Racional II wurden nicht nur aufgrund ihrer musikalischen Qualität zum Kult – nachdem Maia, der eigentlich als kluger Mann galt, die Scheinheiligkeit seines Gurus erkannt hatte, ließ er sie zurückziehen und verbot eine Wiederveröffentlichung zu seinen Lebzeiten.

Er kehrte als mehr oder weniger gefeierter Musiker in die weltliche brasilianische Musikszene zurück und veröffentlichte diverse Platten, wurde aber zunehmend unzuverlässiger. Bevor er 1998 mit nur 55 Jahren starb, hatte er sich noch einmal auf eine Reise in seine Herzensheimat, die US-amerikanische Ostküste, von Miami nach New York gemacht, und dabei gefilmt.

Derweil hatte ihn eine neue Generation Sample-Freunde längst wiederentdeckt und er wurde auch im Westen zum Kult. Seit zehn Jahren bemühte sich David Byrnes Luaka Bop Label, dass an Rhythmen jenseits der üblichen westlichen Charts-Hörgewohnheiten interessiert ist, und Schwerpunkte u.a. in der brasilianischen und auch kubanischen Musik hat, um die Lizenzen für eine Tim Maia-Compilation, inklusive der Songs aus der Racional-Sekten-Zeit. Jetzt, pünktlich zu Maias 70. Geburtstag am 28. September, ist diese endlich fertig und soll unter dem Titel Nobody Can Live Forever: The Existential Soul of Tim Maia als Nr. 4 der Reihe World Psychedelic Classics veröffentlicht werden, als MP3 und Doppel-Vinyl. Zudem ist für die Ungeduldigen und die Sammler/innen schon eine limitierte 12″ erschienen, mit den Songs Que Beleza, Ela Partiu, Over Again, Quer Queira, Quer Não Queira und Let’s Have a Ball Tonight, die auch auf der Compilation zu hören sein werden.

Luaka Bop / Tim Maia

Zuerst veröffentlicht auf Popkontext.de

13:33 28.09.2012
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Popkontext

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