Slut Walk: Für sexuelle Selbstbestimmung und gegen sexuelle Gewalt

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Am 24. Januar fand in der York Universität im kanadischen Toronto eine Veranstaltung zu Sicherheit und Gewaltprävention für Studierende statt. Einer der Sprecher, der Polizeibeamte Michael Sanguinetti, sagte hier unter anderem, dass „Frauen vermeiden sollten, sich wie Schlampen anzuziehen, um nicht zu Opfern zu werden.“

Diese aus Sicht des Polizisten wahrscheinlich gut gemeinte Aussage löste unter den Teilnehmenden die erwartete Empörung aus – denn hier wurde den Opfern einer schweren Straftat, Vergewaltigung, die Schuld zugeschoben. Zwei junge Kanadierinnen, Sonya Barnett und Heather Jarvis, wollten diese Wut in Handeln umsetzen: Sie riefen den Slut Walk ins Leben, einen Schlampenspaziergang bzw. Schlampenmarsch, wie die deutsche Version etwas energischer heißt. Und zwar sollte es nicht eine einmalige Demo in Toronto sein, wo der erste Slut Walk im April stattfand, sondern eine weltweite Bewegung werden. Die beiden setzten eine Facebook-Seite auf. Das Feedback war nach Aussage der Initiatorinnen überwältigend: Schnell waren über mehrere Duzend Slut Walks in verschiedenen westlichen Großstädten in Planung.

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Slut Walk in Chicago / Foto: Wikipedia

Offenbar wurde hier der Nerv einer jungen Frauengeneration getroffen, die sich noch immer dem Diktat männlicher Sexualität unterworfen sieht, das bedeutet, sich in Sack und Asche kleiden zu müssen, wenn man vermeiden will, ungebetenen Annäherungsversuchen zu entgehen. Die Aussage Sanguinettis, dessen Sicht von nicht wenigen geteilt wird, impliziert nichts anderes, als dass Frauen Übergriffe quasi herausfordern, wenn sie sich zu leicht oder freizügig anziehen. Es wäre also fast „normal“, wenn sich ein Mann dann eingeladen fühle, sich die von ihm begehrte Frau im Zweifel auch mit Gewalt zu nehmen.

Diese Auffassung entspricht einem Pragmatismus, mit dem jede Frau aufwächst. Ohne darüber nachzudenken, ist sie in jeder Lebenssituation, in der sie nicht selbst Interesse an einer sexuellen Begegnung hat, instinktiv auf der Hut, dass nichts „Mißverständliches“ passiert, Männer keine Möglichkeiten zu Übergriffen haben – in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf der Straße, in der Firma, bei Partys. Nicht selten sogar im Umgang mit „Kumpels“ oder männlichen Verwandten. Oder sogar in einer einvernehmlichen sexuellen Situation, bei der der Mann die Grenzen nicht respektiert, die sie setzt. Die meisten Männer dagegen müssen sich vor ungewollten sexuellen Avancen oder gar sexueller Gewalt deutlich seltener und nur im konkreten Fall schützen.

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Die Gesellschaft lehrt: Lass dich nicht vergewaltigen, anstatt: Vergewaltige nicht.

Der Gedanke hinter dem Slut-Walk steht in langer feministischer Tradition: Schon seit den späten 70ern gibt es vor allem im englischsprachigen Raum die so genannte Reclaim the Night oder auch Take Back the Night-Bewegung, die sich gegen Vergewaltigungen wenden und für uneingeschränkte Bewegungsfreiheit und körperliche Selbstbestimmung für Frauen auch nachts eintritt, in der Öffentlichkeit und im Privaten. Alle Männer sollten lernen, dass Sexualität nicht Machtausübung über einen anderen Menschen bedeutet, sondern einvernehmlich sein soll. Nein heißt Nein – wie vergleichbare Kampagnen im deutschsprachigen Raum hießen.

Noch bis ins 19. Jahrhundert glaubte man im Westen, dass Frauen keine eigene Sexualität haben, bis in die 70er wurden Mädchen und Frauen, die sexuell zu aktiv und eigenständig oder sonst wie im Rahmen der patriarchalen, bürgerlichen Normen deviant waren, unter dem Vorwand der „Sexuellen Verwahrlosung“ in Erziehungsheime eingesperrt. Erst mit der zweiten Welle des Feminismus wurde sexuelle Selbstbestimmung von Frauen breiter thematisiert. Auch wenn in den letzten Jahrzehnten die physische Attraktivität des männlichen Körpers an Bedeutung gewonnen hat, ist es bis heute vor allem der männliche Blick, der in der Öffentlichkeit Frauenkörper tangiert, die ihm gefallen – unabhängig davon, ob die Frau auch mit dem zugehörigen Mann flirten will oder nicht. Und manchmal ist es eben mehr als der Blick.

Junge Frauen, die sich deshalb nicht hochgeschlossen anziehen und mit gesenktem Blick in der Öffentlichkeit bewegen, die sich gern attraktiv kleiden, um sich selbst zu gefallen, auch um offensiv zu flirten, weil sie keineswegs asexuell sind, stehen bis heute schnell als Freiwild da, „Schlampen“, die ja sowieso nur eins wollen und die sich deshalb jeder Mann nach eigenem Belieben greifen und über ihren Körper verfügen kann.

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via Slut Walk Berlin

Die Initiatorinnen des Slut Walk wollen sich das Wort „Schlampe“ nun zu eigen machen, denn dass Frauen sexuelle aktiv sind bedeute nicht, dass sie sich deshalb auch Gewalt preisgeben, wie sie auf ihrer Webseite schreiben. Ihre Kritik richtet sich hier besonders an die Polizei, die immer noch davon ausgeht, dass Frauen, wenn sie sich nicht selbst vor potentiellen Übergriffen geschützt haben, sondern durch Kleidung oder offensives Verhalten vermeintlich einladende Signale gesendet haben, selber Schuld seinen, wenn es zu Vergewaltigungen kommt. Der Slut Walk wende sich nicht nur an Frauen, sondern alle Opfer sexuellen Mißbrauchs – ausdrücklich inklusive Prostituierte – und Unterstützer/innen.

Zudem machen die Teilnehmer/innen explizit darauf aufmerksam, dass die Situation von Frauen außerhalb der westlichen Welt, wo der Feminismus eine rechtliche Gleichstellung von Frauen und auch Gesetze zum Schutz vor sexueller Gewalt erkämpft hat, oft noch viel schlimmer ist, Männer auch noch formale Macht über Frauenkörper haben und diese kaum Handhabe, sich zu wehren. Jedoch werden auch im Westen nur ein Bruchteil aller Vergewaltigungen angezeigt, aus Scham und aufgrund der erniedrigenden Prozedur, der sich das Opfer unterziehen muss, wie eine zumeist öffentliche Gerichtsverhandlung.

Während die Teilnehmer/innen der Slut Walk mit ihrem provokativen, medienwirksamen Auftreten auf diese Dinge hinweisen möchten, stellen Kritiker/innen des Slut Walks die Frage, ob durch die Repräsentation nicht nur einfach alte Bilder bestätigt werden, von der Frau als Madonna oder Hure, und durch die Darstellung als „Hure“ nicht einfach nur wieder der männliche Blick und damit die patriarchale Norm bestätigt würde. Dann ist es umso wichtiger klar zu machen: Auch wenn dir mein Körper gefällt, gehört er mir.


Termine (neu!):
Slut Walk Berlin 13. August 2011, 15 Uhr, Wittenbergplatz (Webseite)
Slut Walk Passau 27. Juli 2011
Slut Walk Hamburg 13.08.2011 um 15 Uhr am Hachmannplatz (Nähe dem Hamburger Hauptbahnhof) (mehr)
Slut Walk München 13. August
Slut Walk Ruhr 13. August?
Slut Walk Leipzig tba
Slut Walk Hannover tba
mehr aktuelle Termine hier.

Webseite Slutwalks Deutschland / Österreich (Termine)
Webseite Slutwalk Toronto
Interview mit den Initiatorinnen (Englisch)

Originaltext auf Popkontext.de

16:48 14.06.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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Popkontext

Journalistin, Bloggerin, DJ, Fotografin - Kultur, Medien, Politik, Sprache // Websites: popkontext.de / wortbetrieb.de
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