Zum Tode von Gil Scott-Heron (1949-2011)

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wieder ist einer der ganz Großen von uns gegangen, einer der wichtigsten Vertreter der afroamerikanischen Musikkultur und Dichtkunst auch jenseíts der Popmusik. Der Autor, Spoken Word-Artist und Musiker Gil Scott-Heron war ein zentrales Bindeglied zwischen der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er und der Rapmusik der späten 70er und 80er Jahre, der bis in die Jetztzeit hinein wirkte, Zeitgenossen wie Curtis Mayfiled und George Clinton ebenbürtig. Über jazz- und soulgetränkte Musik sprach er in seiner warmen, rauen Stimme vom Alltag der afroamerikanischen Community, von Alkoholismus und Diskriminierung, Jazzmusik und Sehnsucht, solidarisiert sich mit den von Apartheid unterdrückten Brüdern und Schwestern in Südafrika oder richtet sich gegen Atomkraftwerke, deren tödliche Bedrohlichkeit keine Hautfarbe kennt.

http://www.popkontext.de/wp-content/uploads/2011/05/gil-scott-heron.jpg

Seine Hits aus den 70ern, wie The Revolution Will Not Be Televised und The Bottle sind zu kulturellem Allgemeingut geworden. Selten hat er in Stadien gespielt, sondern meist nur größere Clubs gefüllt. 13 Jahre war er ganz von der Bildfläche verschwunden, bis er im letzten Jahr mit I'm New Here noch ein furioses Come Back feiern konnte. Da war er schon ein gebrochener Mann, mit mehreren Jahren Gefängnis auf dem Buckel und einer langjährigen Drogenabhängigkeit samt HIV-Infektion. Mit gerade mal 60 wirkte er schon wie ein Greis, ein Weiser, der noch spirituelle Kraft hatte, aber die Unterstützung der neuen Generation brauchte, um diese an die Öffentlichkeit zu bringen. Die Beats, mit denen Richard Russell die neuen Aufnahmen kongenial unterlegte, wirken wie Krücken, die noch einmal ein würdevolles Aufbäumen des Altmeisters erlaubten.

Songs wie Coming From A Broken Home klangen schon wie eine Abrechnung mit dem Diesseits, ein Vermächtnis, was diese Platte nun auch werden sollte. I'm New Here konnte aber auch auf einen späten Neubeginn hindeuten, in dem er die schwierige Kindheit in zerissenen Familienverhältnissen, den Rassismus in den USA der 50er und 60er, eine wechselhafte Karriere und das eigene Nicht-in-sich-ruhen eines zu klugen, zu aufrechten und zu gütigen Geistes in einer rauen Welt, die keinen Halt gibt, wie eine alte Haut abstreifen würde, und im Alter zur Ruhe findet. Doch wenn man genau hinschaute, sah man bereits, dass diesem ausgemergelten Körper, der brüchigen Stimme und dem leicht weggetreten scheinenden Geist die irdische Kraft abhanden gekommen war.

Gil Scott Heron verstarb am Freitag Nachmittag Ortszeit im New Yorker St. Luke's Hospital aus bisher ungeklärter Ursache, nachdem er von einem Europaaufenthalt zurückgekehrt war. Thank you for the music and the spirit.

Originaltext

15:05 28.05.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Popkontext

Journalistin, Bloggerin, DJ, Fotografin - Kultur, Medien, Politik, Sprache // Websites: popkontext.de / wortbetrieb.de
Popkontext

Kommentare 40

Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community