Heimat, altes Lied!

Heidelberger Abend Kolumne

Es war einmal, da wurde in kleinen Flimmerkisten den Kriegsversehrten die Heimat neu erfunden. Herz verzuckernde Geschichten vom "Schwarzwaldmädel" und der "Fischerin vom Bodensee" spendeten den Übriggebliebenen Trost und Träume und zeichneten die Seelentrümmer schwarzweiß und weich zugleich. Was der Mensch aus Schutt und Asche neu erbaute, war so hässlich. Aber der Himmel stand noch blau über den Bergen. Die ewigen Wälder rauschten. Durch sanft gehügelte Wiesen und Auen schlängelten sich silbern die Flüsse. Hoch droben grüßte wie schon immer stolz die Burgruine.

Oh du wundervolles Heidelbörg! Hier hatte selbst der Feind sein Herz verloren, in einer lauen Sommernacht. Nein, er konnte und wollte die Bombe über den verwinkelten Gässchen nicht abwerfen. Ganz egal, wie verderbt auch die Menschen in den rosenumrankten Giebelhäuschen gewesen sein mochten. Er wollte wieder mit ihnen im Eichendorffstübchen sitzen, wenigstens einen Abend lang, und die bierselige Burschenherrlichkeit genießen. "Was ist aus dir geworden, seitdem ich dich verließ, / Alt-Heidelberg, du feine, du deutsches Paradies."

An barocken Patrizierhäusern entlang schleppen wir unser Gepäck. Gegenüber rauschen die Platanen an der Neckarpromenade. Vorbei am Gasthaus Goldener Hecht, wo Goethe fast einmal übernachtet hätte. Da steigen wir doch im "Schnookeloch" ab, einem alten Wirtshaus in einem alten Gässchen, das verschiedenste Bedürfnisse zu befriedigen in der Lage ist. Ein Sex-Shop, ein Antiquariat, und das Café Knösel bieten ihre vielfältigen Dienste unter hutzligen Schindeldächern auf kleinstem Raum.

Dann gingen wir sofort den steilen Weg nach oben. "Und da ich auf zum Himmel schaut, sah ich ein Gottes Werk gebaut", blies ergriffen Clemens Brentano vor Zeiten in sein Wunderhorn, und wir wussten wieder, was uns in Berlin so fehlt: "Eine gut erhaltene Schlossruine an der sich vortrefflich Betrachtungen anstellen ließen, über vergangene Herrlichkeit und den Sieg der Natur über tüchtiges Menschenwerk." Vor lauter Amerikanern und Japanern, die sich an den romantischen, löchrigen Zinnen delektierten, konnten wir auch nicht wirklich etwas sehen. Durchschritten also die Parkanlage, ramponiert, bemoost und bröckelig. Die Brunnen sind versiegt, das große Fass ganz ausgeleert, doch der Dichter dort unter dem Gingko behauptete: "Kein Wesen kann zu nichts zerfallen."

Beim Abwandern des Philosophenweges - ausgiebige Rundblicke verbrämen keuchendes Atemschöpfen - klettert uns ein Damentrio in gepflegter Freizeitkleidung entgegen, deren munterste über das große Thema "Fettabsaugung in dieser unserer Zeit" referiert. "Sich dat Fett vonner Hüfte absaugen lassen, dat is doch letztendlich auch bloß Kopfsache" resümiert die Blondierte und stolpert dabei über eine lose Platte. Zwischen Hölderlin- und Eichendorff-Anlage stöckelt eine Braut vorbei, den weißen Satinrock wie eine Wolke um sich raffend, der ich geziemlich meine Glückwünsche entrichte. Worüber mein Begleiter sich erzürnt und mich zurechtweist. Ich habe so ironisch geklungen. Aber nein, und mein wohlwollender Blick ruht auf dem in feines Tuch gekleideten Bräutigam, dekorativ an den Rollsroyce gelehnt.

Der Universitätsplatz, auf dem einst die Bücher brannten, liegt schön da im Abendsonnenlicht. Es wird die Bühne gerüstet für den Besuch des Kanzlers aller Deutschen. An den Biertischen vor der Mensa nicken sich zwei koreanische Studenten zu, neigen die Köpfe über ihren Pommes und falten still die Hände. Wir spazieren die romantischen Gässchen hinauf und hinunter. Werfen einen Blick hinter die vergilbten Gardinen der Altdeutschen Weinstube, wo ein sehr altes deutsches Fräulein zitternd goldenen Wein kredenzt. Auch durstig kehren wir zurück ins Quartier, begrüßt von lustig im Winde wehenden Fahnen. Ducken unsere Köpfe und treten ein durch die niedrige Tür. Butzenscheiben. Buntbemalte Fenster. Tische, über und über mit Initialen bekritzelt und zerkratzt. Die rauchgeschwärzten Wände vollgehängt mit gerahmten Fotografien. Korpsstudenten mit Degen, ohne Degen. Mit Schmiss, ohne Schmiss. Eine lustige Runde am Nebentisch hebt animiert die Humpen und kippt. Und hebt und kippt. Die jungen Männer haben farbige Bänder umgehängt und rote Mützen auf dem Kopf. Vom Band erklingt deutsches Liedgut. Ein Sehnen zieht durchs Gemüt. Gaudeamus igitur, hier springt die Runde auf, zieht den Deckel vom Kopf ans Herz. Sie singen! Manch einer mit leicht stierem Blick. Schon schwankt ein Fuchs die Treppe hinab. "Reisleben, anschwirren zum Kotzen!" bellte früher der Fuchsmajor. Erheitert verfolgen wir von unsrer Ofenbank die komödiantisch gefärbte Traditionspflege. "Die Dame lacht," sagt einer der jungen Herren, steht halb auf, presst die Mütze an die Brust und verbeugt sich.


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