Innerster Kriegsschauplatz

Verbände In Ivana Sajkos Roman "Rio Bar" schreitet eine Braut das innere Hinterland des Krieges ab

Um es gleich zu sagen: Rio Bar ist kein Roman. Mag sein, dass es sich um das Bruchstück eines Romans handelt, oder einen Roman in Bruchstücken. Er beginnt mit dem serbischen Angriff auf das unabhängige Kroatien und schließt mit dem 1o. Jahrestag der Befreiung. Die erste Granate explodiert mitten in eine Hochzeitsgesellschaft. Die Musik des ersten Walzers wird zerschrillt vom Bombenalarm. Keiner ist vorbereitet. Die Braut, eben noch am Rosmarinsträußchen des Bräutigams schnuppernd, meint, in einem Albtraum zu stecken, aus dem sie bald wieder erwachen wird. Stattdessen findet sie sich tief unter der Erde wieder, in einem Bunker, ihr Brautkleid zu Verbänden und Damenbinden verarbeitend. Die Geschichte ihres ersten Kusses wird für immer lebendig begraben sein unter der Geschichte des ersten Luftangriffs.

Wenn auf der Terrasse der kleinen Bar an der Uferpromenade die Gäste auf den Sieg anstoßen, und sich über die junge Frau wundern, die doch tatsächlich diesen großen nationalen Feiertag vergessen hat, sagt sie lakonisch: "Und was hat das mit mir zu tun?". Ivana Sajko ist 1975 in Zagreb geboren und als Dramaturgin und Regisseurin bekannt geworden. Die Sprache der Bühne scheint ihr Schreiben zu rhythmisieren. Obwohl Rio Bar im vorigen Jahr in Kroatien als bestes Prosawerk ausgezeichnet worden ist, handelt es sich doch eher um eine lose Verknüpfung von dramatischen Szenen und Monologen. Ein Anhang von sachdienlichen "Anmerkungen über den Krieg" deutet an, dass die Autorin der Kraft ihrer Worte vielleicht nicht ganz traut oder sich hinter der Camouflage eines Programmhefts versteckt.

Da sitzt also die ewige Braut Abend für Abend in der Rio Bar und schreitet nach zehn Jahren immer noch das innere Hinterland des Krieges ab. In einem vorbildlich rekonstruierten und edel restaurierten Touristenort ist sie als Flüchtling gestrandet und wie viele Flüchtlinge zum Ärger der profitorientierten Alteingesessenen hängen geblieben. Wenn sie nicht ihren Rausch ausschläft, verbringt sie endlose Stunden auf modrig staubigen Behördenfluren, um endlich Gewissheit über das Schicksal ihres Bräutigams zu erhalten. Ja, ihr Zufluchtsort ist die schönste Hafenstadt am blauesten Meer der Welt, das wiederholt sie immer wieder zwanghaft ironisch. Ihr ist ganz klar, dass es "weder gesund noch klug ist" Tote zu zählen und die Bilder von zerschmetterten Köpfen aufzufrischen. Deshalb versucht sie von Zeit zu Zeit einen Mann aufzureißen, der ihr Liebe oder Sex oder beides und den nötigen Alkohol dazu garantiert.

In Schlangenlinien, gleichsam als Schutz vor den Scharfschützen der Normalität, bewegt sich die Übriggebliebene eines Brautpaars durch das unwegsame Gelände biografischer Rückblenden. Die Fadheit und Leere ihrer Flüchtlingsexistenz, das Gefühl ständigen Schmarotzertums, korrelieren mit dem Gefühl äußerster Anspannung, wenn die Bildmaschinerie der Kriegserlebnisse im Kopf rotiert.

Die Figuren bleiben namenlos und schattenhaft. Disparat stehen die Kapitel nebeneinander, nur manche notdürftig miteinander verbunden. Es sind meist quälende Monologe, die im Leser eine fast körperliche Sehnsucht nach Geschichten hervorruft. Als ihr aktueller Lover von einem Mitmafiosi erschossen wird, würgt ein Unbekannter die mögliche Augenzeugin. Plötzlich kämpft sie, zu ihrem eigenen einfältigen Erstaunen, um das nutzlose Leben. Auf die harsche Frage "Was machst du hier?" fällt ihr plötzlich ein, was sie tun könnte statt zu sterben. Sie schreibe ein Drama für acht Schauspielerinnen in Brautkleidern. Wirklich. Sie verarsche ihn nicht.

In dem Augenblick, wo der Kopf ihrer Heldin auf die Mole knallt, verschränkt sich auf einmal das Leben oder vielmehr das Schreiben der Autorin mit dem der imaginierten Figur. Dieser Kunstgriff scheint Sajko aber so zu erschrecken, dass sie das folgende Kapitel auf einen sechszeiligen Kalauer des Kellners über ihre blaugeschlagenen Augen eindampft. Ihre blaugeschlagenen Augen? So wird eben auch der Nachkrieg in den Körper eingeschrieben. Rio Bar macht den Eindruck, als habe sich Ivana Sajko Erinnerungsfragmente von der Seele geschrieben. Es sind diese schmerzenden Abdrücke, die vom Krieg bleiben. Mehr nicht.

Ivana Sajko Rio Bar. Roman. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer. Matthes Seitz, Berlin 2008, 192 S., 19,80 EUR

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