Augen zu und rein

Podcasts Sie sind das Medienphänomen der Stunde – dank Serien wie „Slow Burn“

Wie manchmal alles zusammenkommt: 1998 zum Beispiel, das war das Jahr des Clinton-Lewinsky-Skandals, das Jahr, in dem Google erfunden wurde, und in Deutschland die Ära Kohl zu Ende ging. Im Grunde hat man damit schon eine Art Podcast-Idee zusammen – man suche sich eine Runde „Experten“, setze sich gemeinsam vor ein Mikrofon und rede los.

Dieser Tage über Podcasts als neues großes Medien-Ding zu schreiben, ist ein bisschen so, wie es war, sich 1998 über „das Internet“ auszulassen: Man ist verdammt dazu, Unsinn zu behaupten. Denn ähnlich wie das Netz in den 90ern haben Podcasts heute jenes Stadium erreicht, das sich im digitalen Zeitalter ständig wiederholt: Einerseits ist das Phänomen nicht mehr neu, andererseits ist es so vieldeutig und vielgestaltig, dass jede Behauptung eines Überblicks zur bloßen Pose wird. Und drittens geht die Erfindung, die das Ganze noch mal entscheidend verändert (siehe Google) womöglich gerade erst an den Start.

Erst alle so: Was soll das?

Schon wie der Begriff geprägt wurde, klingt heute wie eine urbane Legende aus jener grauen Vorzeit, in der Steve Jobs’ Apple noch als der coole Underdog gegenüber Bill Gates’ Microsoft galt. Das Frankenstein-Wort Podcast wurde 2001 mit dem allerersten iPod aus der Taufe gehoben und sollte die herunterladbaren „broadcasts“, Sendungen, bezeichnen, die sich mit dem Apple-MP3-Player und seinem iTunes-Medienzugriff abspielen ließen. Lange Jahre wusste kaum jemand so richtig, was damit anzufangen war. Für die Einzelprogramme der Radio-sender, die nach und nach als Podcasts verfügbar gemacht wurden, hätte es jedenfalls keiner eigenen Wortschöpfung bedurft. Aber seit zwei, drei Jahren sind Podcasts plötzlich doch in aller Munde. Das Angebot vervielfältigt sich gefühlt im Minutentakt, auf iTunes und bei anderen Anbietern wie Soundcloud und Spotify.

Auch wenn es unmöglich ist, einen echten Überblick über die Vielfalt an Formen und Formaten zu erstellen, lassen sich doch zwei Pole ausmachen. Am einen Ende ist das reiche Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender, die immer besser lernen, die einzelnen Radiobeiträge in abonnierbarem Dateiformat anzubieten: eine Überfülle an bestens produzierten, stets den Standard des Professionellen wahrenden Interviews, Features, Hörspielen, Essays und Dokumentationen.

Das andere Ende ist da, wo das Podcasting gewissermaßen das Bloggen abgelöst hat: ein Wildwuchs von oft selbst fabriziertem Drauflosgequatsche zu allem und jedem, vom Aktieninvestieren bis zu Psychotipps, von akribischen Besprechungen jeder Game-of-Thrones-Folge bis hin zur Alltags-Improvisations-Comedy von My Dad Wrote A Porno (Letzteres übrigens nach eine wahren Geschichte!) – manchmal aufwendig, manchmal betont dilettantisch produziert. An diesem Ende sind Podcasts gleichzeitig die neue Hoffnung, nachdem Bloggen kaum einen reich gemacht hat: die Hoffnung darauf, mit wenig mehr als einem Mikrofon doch noch den eigenen Content monetarisieren zu können.

Wie einst bei den noch selbst gestylten Websites und Blogs in den 90ern zeigt sich wieder, dass der digitale Wildwuchs erstaunlich viele Dinge mit großem Charme hervorbringt. Besonders reich ist das Angebot an Interviews, die angenehm unspektakulär bislang übliche Formen aufbrechen, etwa was Länge und Ort anbelangt: Im Durch-die-Gegend-Podcast spaziert Journalist Christian Möller mit seinen Gästen durch Wald und Wiese, Verschnaufpausen und zufällige Passanten-Einwürfe mit eingeschlossen. Im „unendlichen“ Zeit-Podcast Alles gesagt wird so lange geredet, bis es nichts mehr zu sagen gibt. Dieses Bemühen, Formen zu sprengen, ist allenthalben zu spüren, in forciert frechen Tönen und oft betont abseitigen thematischen Zugriffen. Aber dann gibt es auch Podcasts, die gerade in ihrer Seriosität jenseits der öffentlich-rechtlichen Medien bestechen wie Lage der Nation von Philip Banse und Ulf Buermeyer, in dem die Ereignisse der Woche besprochen werden: vorbildlich vorbereitet, eigenwillig durchdacht und dabei doch zwanglos, aber mit Mut zum nerdigen Detail vorgetragen. Ein wöchentliches Highlight für alle, die auf dem Laufenden bleiben wollen.

Was wird man sich über die Geschichte der Podcasts wohl in 20 Jahren erzählen? Wird es noch als Meilenstein des Genres gelten, dass 2015 Präsident Barack Obama zu Marc Maron in dessen Garage kam, wo der stachlige Comedian seinen WTF-Podcast aufnimmt, für den er Prominenz mit stilbildender Unverblümtheit befragt? Oder wird man das Genre ganz aus der Popularität von „True Crime“ herleiten, wie die Podcast-Serie Serial mit ihren rekordbrechenden Downloads weltweit nahelegt?

True Crime ist beliebt

Hinter dem starken Interesse an True Crime verbirgt sich im Podcast-Fall mehr als die gute alte Krimi-Leidenschaft. True Crime als Podcast – das ist als Ideal das Erzählen von Vorfällen, Taten, Ereignissen, über die sich der Erzählende im Prozess des Podcastings neue Gedanken macht, sei es in Interviews mit Zeugen und Zeitgenossen oder der Recherche in Archivmaterial. In diesem Sinne, als Erzählung von Dingen, die im Prozess des Erzählens hinterfragt werden, ist auch Slow Burn, der wahrscheinlich einflussreichste Podcast des letzten Jahres, ein True-Crime-Format. Und das obwohl es darin um zeitgeschichtliche Themen wie Watergate und die Monica-Lewinsky-Affäre geht. Slow Burn mag nicht die Downloadzahlen von Serial haben, wäre aber, gäbe es eine Art Oscars im Genre, der klare Favorit. Wie kaum ein Podcast zuvor hat die vom Journalisten Leon Neyfakh produzierte Dokumentationsserie die Diskussion über das Erbe der Clintons nachhaltig und damit über die heutige politisch-kulturelle Lage verändert.

Slow Burn gehört zum Angebot des Online-Magazins Slate, das mit einem stark ausdifferenzierten Angebot seit 2005 Pionier des Podcast-Genres ist. Der Titel Slow Burn bezeichnet ein Schwelen, ein Vor-sich-hin-Köcheln. In der ersten Staffel, die Ende November 2017 die Ausstrahlung begann, ging es um Watergate und die Folgen. Ein Jahr nach der Wahl von Donald Trump schien es nahezuliegen, die Ereignisse von damals in der Perspektive der Vergleichbarkeit von damals und heute aufzuarbeiten. Aber so einfach machte es sich Neyfakh nicht. Mit einer Mischung aus Archivaufnahmen und aktuellen Interviews arbeitete er heraus, wie wenig vorhersehbar sich der Watergate-Skandal tatsächlich entwickelte und von wie vielen Zufällen es abhing, dass Nixon schließlich abdankte.

In der zweiten Staffel wendete sich Neyfakh der nächsten Impeachment-Affäre zu: der von Bill Clinton. Mehr noch als das Watergate-Thema erweist sich der Lewinsky-Skandal als True-Crime-Genre: Je detaillierter man die damaligen Ereignissen rekonstruiert, desto klarer wird, wie anders man die Dinge heute sieht.

Beispielhaft führt Neyfakh in Slow Burn vor, was sich mit dem Podcast-Format alles machen lässt: Da ist der persönliche Zungenschlag, den der Autor seiner Recherche geben kann, die Neyfakh hier zum Beispiel dazu nutzt, das Gespräch auch mit den „Feinden“ von damals zu suchen. Und da ist die Dehnbarkeit des Formats, in dem er in „Bonusepisoden“ das eigene Vorgehen reflektiert, Auslassungen benennt oder mit Zusatzmaterial ergänzt.

Das Ergebnis ist eine True-Crime-Story, in der tatsächlich Schuldfragen neu gestellt werden, wenn auch anders als im herkömmlichen Kriminalfall. Ja, damals waren die Feministen auf der Seite Bill Clintons und Lewinsky ein belächeltes dummes Ding – nicht nur im Lichte von #MeToo würden viele heute anders urteilen. Neyfakh legt es nicht nur darauf an, diesen Unterschied auszudeuten oder die Menschen von damals in heute falschen Haltungen zu erwischen. In den Gesprächen mit Zeitzeugen, die willig das Damals von heute aus neu betrachten, bricht der Podcast ein festgefügtes Geschichtsbild auf. Wie ein Goldgräber beim Schürfen legt Neyfakh die Narrative frei, die bis heute unterschwellig den Diskurs bestimmen: Sei es die Misogynie, die sich früh auf Hillary Clinton konzentriert, das Ressentiment, das Bill Clintons „Lockerheit“ bei einer bestimmten Generation auslöste oder der große „Kulturkrieg“ um Sex und Identitätspolitik.

06:00 04.01.2019
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