Augenblick

ABSEITS DES WETTBEWERBS Dokumentarfilme über Namen und Momente

Namen sind Schall und Rauch. Auf einem Filmfestival sind sie jedoch die wichtigsten Orientierungshilfen: Die große Mehrheit der Zuschauer hält zuallererst Ausschau nach vertrauten Namen, seien es die von Schauspielern oder Regisseuren. Vor ein paar Jahren gab es einen kleinen Dokumentarfilm mit dem schönen Titel Nobody's business, in dem ein Sohn seinen nicht gerade sehr auskunftsfreudigen Vater über dessen Leben befragte. Der Name des Sohnes und Regisseurs war Alan Berliner. Kurz darauf machte ein belgischer Regisseur mit einem kleinen Film Furore, der den Titel Ma vie en rose trug. Sein Name war Alain Berliner. Obwohl der eine ein amerikanischer Dokumentarfilmer und der andere belgischer Spielfilmregisseur war, kam es immer wieder zu Verwechslungen. Nun würde man denken, die beiden Herren seien sich nie begegnet, aber wie das Schicksal so spielt: Irritiert darüber, dass ihm zugetraut wurde, plötzlich französischsprachige Spielfilme zu drehen, hat der Amerikaner nun einen Film gemacht über Namensvetterschaft.

In der Welt der Dichtung sei jede Figur einmalig; es gibt nur eine Jane Eyre, nur eine Anna Karenina. Warum das im wirklichen Leben nicht so sein könne, das ist Alan Berliners Ausgangsfrage in The sweetest sound. Launig beklagt er sich über das Elend, Email-Adressen mit Nummern zu haben und macht sich auf die Suche nach den Ursprüngen seines Namens. Mutter und Schwester werden befragt; auch sein Vater kommt wieder zu Wort, der im übrigen der festen Überzeugung ist, der einzige Oscar Berliner auf dieser Welt zu sein. Illusionen wie diese lassen sich im Internetzeitalter kaum halten; der Regisseur muss entdecken, dass seine Obsession im Netz bereits eine feste Funktionstaste geworden ist - der Egosurf! Der Durchschnittsamerikaner bewältigt die demütigende Erfahrung der Namensgleichheit offenbar mit Gruppentherapie - er tritt einer name society bei. Eine beeindruckende Reihe von "Jim Smiths" lässt Berliner vor seine Kamera treten, die sich alle im Brustton vollkommener Identitätssicherheit mit dem wohl häufigsten amerikanischen Namen vorstellen - er klingt immer wieder gut.

Zwölf seiner Namensvettern lädt der Dokumentarfilmer schließlich zu sich zum Essen ein. Sie ergeben ein erstaunlich homogenes Bild; fast alle sind sie von weißer Hautfarbe und mittleren Alters, aber sonst passiert nicht viel. So jagt Berliner dem Problem der Identität hinterher und bekommt es doch nie richtig zu fassen. Sein Film verwirrt auf amüsante Weise und tröstet auch irgendwie. Schließlich hat der Gedanke, einen Namen ganz allein tragen zu müssen, auch etwas Monströses.

Zwischen all den mehr oder weniger erfundenen Geschichten der Berlinale bilden Dokumentarfilme wie der von Berliner Inseln der Erholung. Das mag daran liegen, dass ihr Erzählen ein diskretes ist. In As I was moving ahead, occasionally I saw brief glimpses of beauty von Jonas Mekas etwa liegt genau in der Diskretion die Erzählstrategie. Super-8-Filmschnipsel aus drei Jahrzehnten hat der Regisseur zu einem viereinhalbstündigen Film montiert, in dem nichts wirklich passiert, nichts Wichtiges zu sehen ist, wie die vom Alter fast brüchige Stimme des Autors auch immer wieder versichert. Wir sehen kurze Ausschnitte von Picknicks im Centralpark, krabbelnden Kindern, verschneiten oder sonnigen Straßen, Besuchen in fremden Städten, Hochzeiten und Taufen, Freunde mit wechselnden Frisuren und Söhne und Töchter, die immer größer werden. Zu Beginn, es sind Szenen aus den frühen siebziger Jahren, steht das Alter der Stimme, die wir ab und zu hören, in merkwürdigem Kontrast zu dem Anblick jenes Mannes in den besten Jahren, den wir als den Autor identifizieren. Doch vor unseren Augen hinterlässt das Alter in den Gesichtern seine Spuren, zuerst kaum merklich und dann unübersehbar.

Kein ganzes Leben wird hier dokumentiert, es sind immer nur kurze, private Augenblicke. Das eigentliche Leben scheint anderswo stattzufinden. Aus der fast nicht enden wollenden Reihung dieser kleinen und im Grunde belanglosen Momente jedoch ergibt sich ein meditativer Sog. Und auf einmal werden die Schnipsel zum Wesentlichen: Unablässig und ohne müde zu werden, hält man nach den titelgebenden brief glimpses of beauty Ausschau. Und wird fündig. Weniger darin, was man auf der Leinwand sieht als in der eigenen Vorstellung. "Wir wissen nichts von den Dingen, was wir nicht selbst in sie hinein gelegt haben." Nach Mekas Film betrachtet man die Welt und die Filme ein wenig anders.

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Geschrieben von

Barbara Schweizerhof

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Film“ (Freie Mitarbeiterin)

Barbara Schweizerhof studierte Slawistik, osteuropäische Geschichte und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeite nach dem Studium als freie Autorin zum Thema Film und Osteuropa. Von 2000-2007 war sie Kulturredakteurin des Freitag, wechselte im Anschluss zur Monatszeitschrift epd Film und verantwortet seit 2018 erneut die Film- und Streamingseiten im Freitag.

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