Barfuß im Wald

Streaming Die Serie „Yellowjackets“ ist sehr viel mehr als ein „Herr der Fliegen“ mit Frauen

Das Thema „Survival“ nimmt im Fernsehen einen besonderen Platz ein. Geht dieser Tage doch die bereits 15. Staffel des Dschungelcamps auf Sendung, nur einer der Quotenhits eines Genres, in dem die Künstlichkeit der Anordnung im harten Kontrast steht zu dem, was getestet werden soll. In den Dokusoaps kulminiert die Begegnung mit der Wildnis meist darin, dass Promi-Körper mit „ekligen“ Dingen wie Würmern oder Maden konfrontiert werden.

Die Fiktion verfügt da über ganz andere Möglichkeiten: In Zombie-Serien wie Walking Dead werden die bedrohlichen Gruppendynamiken abgebildet, zu denen es kommt, wenn Menschen sich ihre Nahrungsmittel nicht mehr im Supermarkt kaufen können. Die Serie Lost, die mit einem Flugzeugabsturz auf einer scheinbar verlassenen Insel begann, setzte einst neue Maßstäbe, was zu lösende Rätsel für die Überlebenden anbelangte.

Starke und ungewöhnliche Frauenfiguren hat es dabei schon häufig gegeben. Aber das, was die Serie Yellowjackets mit ihrem Frauenensemble macht, erscheint geradezu irritierend neu. Auf der einen Zeitebene, man schreibt das Jahr 1996, stürzt die Frauenfußballmannschaft einer Highschool irgendwo in der kanadischen Wildnis ab. Der Überlebenskampf stellt das ohnehin prekäre Beziehungsgeflecht der pubertierenden Mädchen auf harte Bewährungsproben. In der anderen Zeitebene, der vermeintlichen Gegenwart des Jahres 2021 (minus Covid), haben die nun „mittelalten“ Frauen noch immer mit den Folgen dessen zu kämpfen, was passiert ist.

Wobei gleich die erste Szene mit Schock darauf einstellt, was das Überleben alles bedingt haben könnte: Da hetzt ein Mädchen barfuß durch einen winterlichen Wald, sichtlich verängstigt und wie auf der Flucht. Dann bricht unter ihr der Boden ein – und sie findet auf den Pfählen einer Grube, die wie eine präparierte Falle aussieht, ihr Ende. Später legt die Schnittfolge nahe, dass der Verzehr von Menschenfleisch zum „Survival“ der Mädchen dazugehört haben könnte. Der Verdacht jedenfalls hängt den Frauen 25 Jahre später noch an. Und es gibt Hinweise drauf, dass in der Wildnis damals noch einiges anderes geschehen ist, von dem sie nie wieder sprechen wollten.

Blutig ist auch die Gegenwart

Das Neue an der Serie sind nicht etwa die Genre-Versatzstücke, die Eingang gefunden haben. Die Grundidee stammt von einer 1972 in den Anden abgestürzten Rugbymannschaft, von der nur 16 der einst 45 Passagiere nach 72 Tagen gerettet werden konnten. Die Erzählstruktur mit den zwei Zeitebenen bindet nicht nur geschickt ein Teenie-Drama um launenhafte 17-Jährige mit einer Midlife-Crisis-Erzählung zusammen, sondern fesselt die Aufmerksamkeit mit Querverweisen, die jedes Detail von damals und heute bedeutsam machen. Ganz ähnlich wie bei Lost gibt es geheimnisvolle Andeutungen auf Kräfte, die über die Naturgewalt hinausgehen und das Schicksal der Mädchen bestimmen. Binnen Kurzem wird die Frage, wer außer den vier Hauptfiguren, die als Erwachsene von Christina Ricci, Juliette Lewis, Melanie Lynskey und Tawny Cypress gespielt werden, überlebt hat, zum Antrieb, die gesamte Serie möglichst in einem Stück zu schauen. Schließlich gibt es in der Wildnis nach dem Absturz mindestens vier weitere Mädchen – und drei Jungs –, die für den Fortgang der Handlung entscheidend sein könnten. Dazu passieren in der Gegenwart Dinge, die nicht weniger blutig und mysteriös sind als das, was 1996 geschah.

Was sich neu anfühlt an dieser Mystery-Serie, ist die Kombination von Blut- und Gewaltszenen mit einer Handlung, die die Frauenfiguren realistisch-widersprüchlich zeichnet. Durchgängig sympathisch erscheint dabei keine von ihnen, weder die ehrgeizige Politikerin Taissa (Tawny Cypress), die damals schon oft das Wort führte, noch die von Süchten geplagte ehemalige Rebellin Natalie (Juliette Lewis) noch die im Hausfrauenunglück erstarrte Shauna (Melanie Lynskey) und am wenigsten die gefühlskalte Altenpflegerin Misty (Christina Ricci), von deren obsessivem Interesse für True Crime die anderen profitieren – solange sie ihr nicht zum Opfer fallen.

Aber die mangelnde Sympathie, die man für die vier empfindet, wird ausgeglichen durch die komplexe Entwicklung, die ihren Persönlichkeiten von damals bis in die Gegenwart zugestanden wird. Taissa ist nicht nur ehrgeizig, sondern sieht sich von Dingen getrieben, die ihr selbst unheimlich sind. Aus der entschlossen-nüchternen jungen Frau von einst ist eine Berufspolitikerin geworden, die die Fassade eines bürgerlichen Lebens – verheiratet mit Kind – nur noch mit übermenschlichen Kräften aufrechterhalten kann. Die einst so trotzig-mutige Natalie ist heute ein fragiles psychisches Wrack, das ihrer Jugendliebe nachtrauert. Und die pragmatisch-zupackende Shauna hat ihre Lebensrolle als brave, vernünftige Ehefrau und Mutter gründlich satt. Nur Misty ist sich auf eine Weise treu geblieben, die mehr als unheimlich ist.

Dass das Erzählen auf zwei Zeitebenen so gut funktioniert, liegt nicht zuletzt an der Besetzung, die den älteren Stars jüngere Alter Egos an die Seite gestellt hat, die nicht nur äußerlich auf ähnlich getrimmt sind, sondern tatsächliche Entsprechungen darstellen, was Ausstrahlung und Energie anbelangt. Zusammen belegen sie so viel mehr als nur die Banalität, dass Frauen auch Böses tun können, sie zeigen, dass sie Motive haben könnten, die über Klischees wie Eifersucht weit hinausgehen.

Info

Yellowjackets Ashley Lyle, Bart Nickerson USA 2021, 10 Folgen, Sky

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