Big Bang Praxis

Avengers Unter der glatten Oberfläche rumpelt’s ganz gut im Marvel Cinematic Universe
Big Bang Praxis
Viele werden ja sehr, sehr wütend, wenn sie an all das Merch-Gedöns denken. Müssen sie aber gar nicht

Foto: Amy Lombard/NYT/Redux/Laif

Nach elf Jahren und 22 Filmen drängt sich die Frage regelrecht auf: Was hat uns das „Marvel Cinematic Universe“ (MCU) eigentlich gebracht? Die Antwort kann angesichts der Rekordzahlen (Avengers: Endgame ist auf dem besten Weg Avatar als erfolgreichster Film aller Zeiten abzulösen) nur widersprüchlich ausfallen: Was derart populär ist, erregt immer schon Misstrauen.

Für die einen ist das Etikett Marvel zum Inbegriff eines durchkommerzialisierten Kinobetriebs geworden, in dem anspruchsvolles Filmemachen immer weiter an den Rand gedrängt wird. In dieser Perspektive ist Avengers: Endgame mehr Ware als Film und sind Kritiken nur noch als Verbrauchertests denkbar, die Endgame analog zum neuen Smartphone-Modell als gelungene Kombination aus Funktionalität und Ästhetik loben. Andere bemühen das Stichwort der „Dopamin-Kultur“, die den beliebten Sucht-Diskurs aufs Kino anwendet: Mit einer ausgeklügelten Marketingstrategie, so heißt es da, fixen Marvel und Co. die potentiellen Fans an. Durch dosierte Information über den neusten Besetzungs-Coup und ähnlichem werden sie bei der Stange gehalten, während man sie gleichzeitig mittels „Spoiler-Verbot“ aushungert, nur um ihnen schließlich mit Überraschungen wie „Captain America greift zum Hammer!“ im Film den ersehnten Schuss zu versetzen.

Man kann die Frage danach, was uns das MCU eigentlich gebracht hat, aber auch ganz anders beantworten: die 22 Filme, mit denen dieses „Universum“ gebaut wurde, sind ein absolut faszinierendes und einzigartiges Projekt der Filmkultur. Es begann 2008 mit Iron Man, der Comicbook-Verfilmung, die als „uncomic-haft“ gelobt wurde, als flotte Mischung aus Witz und Action mit erstrangiger Besetzung (Robert Downey Jr., Gwyneth Paltrow, Jeff Bridges). Die meisten der Nichteingeweihten verließen damals noch vor dem Ende des Abspanns das Kino und verpassten so die „Post-Credit-Szene“, in der Samuel L. Jackson als Nick Fury das „Avengers“-Projekt vorstellt. Man staunt heute noch, wie unverfroren sich hier die kommerzielle Produktionsplanung zur Metapher im eigenen Erzählkosmos machte.

21 Filme später ist daraus ein kulturelles Phänomen geworden, an dem jedoch nicht nur der Wirtschaftsplan beeindruckt, sondern vor allem die globale soziokulturelle Macht, die er entwickelt hat. Das beginnt bereits beim Verhaltenskodex, zu dem das MCU seine Zuschauer erzogen hat: Kritiker halten sich inzwischen geschlossen ans Gebot, „spoiler-freie“ Rezensionen zu schreiben; man nimmt hin, dass die Filme Grundkenntnisse der „Superheldengrammatik“ verlangen – und alle, alle bleiben sitzen bis zur „Post-Credit-Szene“.

Denn von wegen leicht konsumierbare Ware: Der Genuss eines MCU-Films setzt ziemlich viel Arbeit voraus. Zwar muss man nicht alle 22 Filme gesehen haben, aber man sollte doch einigermaßen Bescheid wissen darüber, wer die Kern-Avengers sind, weshalb Iron Man und Captain America streiten, was es mit Thors Hammer auf sich hat und weshalb das Publikum jubelt, sobald Black Panther auftaucht. Je mehr man weiß, desto besser begreift man, was so rührend ist, wenn auf einmal Falcons Stimme aus dem Off „Auf deiner Linken!“ murmelt. Und desto mehr Sinn ergibt sich inmitten all des Unsinns von „Infinity Stones“, Zeitreisen und Königreichen.

Was als bloße Marketingstrategie zur Bindung der Fans begann, entwickelte sich immer mehr zu einer innovativen und oft subversiven Erzählweise. Nicht mehr die eine große Intrige der ständigen Weltenrettung steht im Vordergrund, sondern das Aufeinandertreffen der Superhelden in immer neuen Konstellationen. Thanos, der große Bösewicht, muss besiegt werden, aber das wahre Highlight besteht darin, wie Black Widow mit Hulk und Hawkeye in der Küche Erdnussbutterbrote schmiert. Trotz ihrer obligatorischen, immer zu langen Kampfszenen sind die MCU-Filme eigentlich mehr Sitcom als Action, mehr Big Bang Theory als Jason Bourne.

Die Konzentration auf die Helden, ihre jeweiligen Konflikte und Herkünfte, ließ das MCU in den letzten Jahren zum Spiegel der großen Diskussion um Repräsentation werden. Das MCU reagierte langsam, aber einschlägig: mit Black Panther (2018) als erstem Film mit schwarzer Titelfigur und wachsenden Spielräumen für seine weiblichen Superhelden. Letzteren ist in Endgame ein selbstlobendes Tableau gewidmet – „und hier: unsere taffen Frauen!“ –, während Regisseur Joe Russo mit einem Cameo-Auftritt als schwuler Trauernder versucht, die LGBT-Gemeinde ins Universum zu holen. Man kann das als Anbiederung kritisieren – und sich gleichzeitig drüber freuen, dass man solche Dinge an einem Mainstream-Kulturprodukt beklagen darf.

Unsere taffen Frauen!

So findet unter der glatten Oberfläche der hochkommerziellen Endprodukte im MCU erstaunlich viel Reibung statt. Regisseur Ryan Coogler etwa holte aus Black Panther viel mehr heraus als die übliche „Origin Story“ eines Prinzen, der seinen Vater beerben muss. Die Ausstattung war eine flammende Hommage an den Afrofuturismus, das internationale Ensemble demonstrierte den Zusammenhalt einer afrikanischen Diaspora und zugleich die schmerzliche Gewissheit, dass es „Wakanda“, ein afrikanisches Land unberührt von kolonialer Unterwerfung oder Sklaverei, nur als Fiktion geben kann.

Dabei ist Black Panther nur das plakativste Beispiel für eben jene soziokulturelle Macht, die die Filme des MCU in der unermüdlichen Interpretationsarbeit ihrer Fans entfalten. Da kehrt Thor Pathos und Lächerlichkeit der nordischen Götter von innen nach außen, Iron Man hadert mit Captain America über den amerikanischen Interventionismus und die wahre Liebe von Steve Rogers ist sein bester Freund Bucky. Je mehr MCU-Filme man sieht, desto weniger erscheinen sie als Ware; sie werden stattdessen zum Spiel mit erstaunlich viel emanzipatorischem Reiz.

06:00 15.05.2019
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