Das Opfer hat die Gastrolle

Polizeiserien Die Proteste von Black Lives Matter verändern die Perspektive auf das beliebteste Genre des Fernsehens

In der weiten Landschaft des Fernsehens bilden sie so etwas wie die „silent majority“, erdrückend in ihrer Anzahl, aber gleichzeitig völlig unauffällig: die Polizei- und Krimiserien. Nach gefühlter Statistik kann man zu jeder Tages- und Nachtzeit das Gerät einschalten, und schon ist man dabei auf Verbrecherjagd, sei es mit den hoch spezialisierten Teams von CSI und NCIS, den kernigen Cops von Blue Bloods oder den strengen Profiler-Profis von Law & Order und all ihren unzähligen Sondereinheiten und Spin-offs. Aus aktuellem Anlass soll von den deutschen Formaten einmal abgesehen werden, denn es geht ums Prinzip. Wie tief die Erschütterung reicht, die die „Black Lives Matter“-Proteste in der US-amerikanischen Gesellschaft auslösen, lässt sich ziemlich gut daran ablesen, dass die Debatte tatsächlich diese Bastion der Gewöhnlichkeit, die Cop-Shows, erreicht hat.

Da gab zum einen der Kabelsender Paramount Network bekannt, dass er die Reality-TV-Show Cops, die vorgeblich echten Polizisten bei ihrer vorgeblich echten Arbeit folgt, absetzt.

Blaues Blut

Nach 33 Staffeln und einer verbliebenen Zuschauerschaft knapp unter der Million ist dieser Akt der Compliance mit dem Zeitgeist leicht zu überschätzen. Sicher, das Reality-Format (das es in ähnlicher Weise fast überall auf der Welt gibt) mag beigetragen haben zu einem unrealistischen Bild von Polizeiarbeit, das die Hüter von Recht und Ordnung immer als eben die Hüter zeigt und die anderen als zu überführende Täter. Was sich der Durchschnittsbürger so unter Polizeiarbeit vorstellt, dürfte jedoch in weit größerem Maß durch die gescripteten Formate, also die fiktiven, durcherzählten Polizeiserien, geprägt sein.

Weshalb viel mehr als diese Absetzung die Meldung bewegt, dass ein in Vergessenheit geratener Polizistendarsteller der erwähnten Serie Blue Bloods 11.000 Dollar spendet und dabei dazu aufruft, dass alle, die jemals Cops gespielt haben im amerikanischen Fernsehen, es ihm gleichtun. Das Hashtag #BlueActorsActBlue war geboren und neben Kolleginnen wie Stephanie Beatriz, einer Darstellerin der unter Polizisten spielenden Sitcom Brooklyn Nine-Nine, beteiligten sich viele namhafte, aber auch unbekannte Schauspieler. Die Symbolik reicht über den Akt des Spendens hinaus. Was beeindruckt, ist das Eingeständnis einer Art Verantwortlichkeit, das Herstellen einer direkten Linie zwischen Fiktion und Realität. Es geht dabei nicht unbedingt um Realismus. Zu verlangen, dass Krimiserien realistisch abbilden, ist ein bisschen so, wie zu fordern, dass Ketchup mehr nach frischen Tomaten schmecken soll. Vielmehr geht es um systemische Fragen des Erzählens. Darum, welche Perspektiven ein- und ernst genommen werden, welche Narrative und Mythen man pflegt und ausschmückt.

Am weitesten weg von der Wirklichkeit sind sicher die Komödien, die die amerikanische Polizei gerne als liebenswerte Idioten zeigen. Wobei die Sitcom Brooklyn Nine-Nine hier besonders weit geht, indem sie den titelgebenden Bezirk als Utopie an Diversität abbildet, mit schwulem Macho-Boss, multiplen Ethnizitäten und stolzen, taffen Frauen, in aller Drolligkeit und allem Scharfsinn so weit weg von der Wirklichkeit, dass keine Rückwirkung mehr befürchtet werden muss – weder zum Guten noch zum Schlechten.

Das Charisma der Bad Boys

Wo die großen Publikumssender noch das gute alte Bild von hart arbeitenden und/oder extrem talentierten Verbrechensjägern privilegieren, ist der böse, darin aber mindestens so kompetente Cop gleichsam zum Aushängeschild des Prestige-Fernsehens geworden. Aber auch wenn hier Korruption, Rassismus und Gewalttätigkeit immerhin auftauchen und als Problem verhandelt werden, steht das Charisma der Bad Boys jedoch in großem Missverhältnis etwa zu jenem realen Polizisten, der achteinhalb Minuten lang sein Knie in den Nacken von George Floyd drückte, so starr und ausdruckslos dabei, wie es kein Drehbuchautor schreiben würde.

Wie sich überhaupt herausstellt, dass der Krimiserie ein struktureller Nachteil eignet: Die Polizeimenschen bilden das feste Ensemble, ihre Gegenüber, die Opfer, Täter und Verdächtigen, haben immer nur Gastrollen. The Wire ist bis heute eine Sternstunde der Seriengeschichte, weil David Simon und seine Autoren dieses feste Format immer wieder aufbrachen, indem neben den verschiedenen Polizei-„Helden“ auch die Blickwinkel und Motive sowohl der Drogendealer als auch der Stadtpolitiker und sogar der Schul- und Straßenkinder beleuchtet wurden.

Die Linie der Verantwortung zwischen Fiktion und Realität, die nun am Beispiel der Polizeiserien diskutiert wird, verweist weniger auf eine Schuld an den Zuständen als auf eine Schuld für einen Mangel an Aufklärung. Sowohl über die Gegenwart als auch die Wurzeln jener mit Rassismus unterfütterten und zutiefst systemischen Polizeigewalt, die zum Tod von George Floyd führte, lässt sich aus den herkömmlichen Krimiserien so gut wie nichts lernen. Und wenn es einem einmal aufgefallen ist, kann man es nicht mehr übersehen.

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06:00 21.06.2020
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Ausgabe 38/2020

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