Der Benimm ist politisch

Dokufiktion Die neue Staffel von „The Crown“ folgt der Beziehung von Prince Charles und Lady Di durch die Thatcher-Jahre

Immer öfter folgt die Welt dem Rhythmus eines Monty-Python-Sketches: „And now for something completely different“ (Kommen wir jetzt zu etwas völlig anderem) – zwei Frauen in der Menopause! Die eine ist Königin, die andere Premierministerin, beide tragen sie Handtaschen ... Gibt es eine bessere Überleitung von der aktuellen Lage zur aktuellen Staffel von The Crown? Dort schreibt man jetzt das Jahr 1979; die Queen ist gerade 53 geworden, als mit Margaret Thatcher, ebenfalls 53, zum ersten Mal eine Frau zur britischen Premierministerin gewählt wird. In der erzählerischen Fantasie des Serienschöpfers Peter Morgan sieht das zunächst so aus: Im plüschigen Wohnzimmer der Royals folgt die Queen (Olivia Colman) sichtlich gebannt den Fernsehnachrichten, die vom Wahlsieg der Tories und der Aussicht auf eine allererste „Woman Prime Minister“ berichten. Im Hintergrund kippt sich Prince Philip (Tobias Menzies) einen hinter die Binde und seufzt: „Das ist wohl das letzte, was das Land jetzt braucht: Zwei Frauen, die den Laden schmeißen.“ Mit wohlerzogenem Gekränktsein widerspricht Elizabeth – und preist die Meriten Thatchers als taffer Aufsteigerin aus einfachen Verhältnissen. Sie freue sich auf die wöchentlichen Audienzen mit ihr.

Aber so tief der Knicks von Margaret Thatcher (Gillian Anderson) beim ersten Zusammentreffen dann auch ist, es ist doch alles andere als eine wunderbare Freundschaft, die hier beginnt. Obwohl zunächst auch Thatcher der „Zusammenarbeit“ optimistisch entgegensieht. Am Ende der Sequenz sieht man das kleinbürgerlich eingerichtete Esszimmer der Thatchers, wo die frischernannte Premierministerin beim Bügeln der Hemden ihres Mannes von der sie überraschenden Intelligenz und dem Fleiß der Königin erzählt. Gatte Denis (Stephen Boxer), der rauchend am Tisch sitzt, erweist sich als überraschend gleichgesinnt mit Prinz Philip: „Zwei Frauen in den Wechseljahren – das wird was werden!“

Die Begegnung zwischen der Queen und der eisernen Lady ist nicht das einzige „meet-cute“ im Staffelauftakt von The Crown, das zwar die elf Thatcher-Regierungsjahre als zeitlichen Rahmen nimmt, dessen roter Faden aber jene scheiternde Beziehungsgeschichte bildet, die die zentrale Obsession der entpolitisierten 1980er war: Charles und Diana. Auch diesen beiden erscheint die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft zuerst geradezu verheißungsvoll – eine 14-jährige Diana (Emma Corrin) nähert sich jungmädchenhaft-schwärmerisch dem Prinzen (Josh O’Connor), als der noch mit ihrer älteren Schwester ausgeht; ein von der Verwandtschaft zum Heiraten gedrängter Prinz entdeckt in der schließlich 18-Jährigen eine gerade wegen ihrer Unerfahrenheit ideale Kandidatin – nun, so nahm das Unglück seinen Lauf.

Wie soll man das beschreiben, was Peter Morgan in The Crown macht? Als der britische Autor mit seinem Drehbuch zu Stephen Frears’ Fernsehfilm The Deal 2003 bekannt wurde, nannte man es noch oft Doku-Fiktion. Denn The Deal stellte das „Abkommen“ zwischen Tony Blair und Gordon Brown nicht einfach mit begabten Schauspielern nach, sondern die geschliffenen Dialoge Morgans ermöglichten es den Schauspielern David Morrissey (Brown) und Michael Sheen (Blair) sowohl deren Charaktere als auch zentrale Dinge der Labour-Politik sichtbar zu machen. Das Spiel mit historischen Figuren, Konstellationen und Dialogen hat Morgan seither zu seiner Handschrift gemacht, in Filmen wie The Queen und Frost/Nixon, die ebenso von „wahrer“ Geschichte handelten wie von der Macht der Symbole und der Politik des Benimms. Der sich prinzipiell daneben benehmende Trump hat die Wichtigkeit dieser Perspektive schließlich in negativer Weise nur unterstrichen.

Thatcher am Herd

Wie sich Menschen benehmen und welchen unsichtbaren Normen sie dabei folgen, ist auch in der vierten Staffel von The Crown ein in vielen Facetten wiederkehrendes Thema. Wobei Morgan nicht frei erfindet, sondern erneut sorgfältig recherchiert hat. Ja, Thatcher hat tatsächlich auch als Premierministerin noch selbst gekocht, immer wieder auch für die Herren des eigenen Kabinetts; sie hat vor dem Spiegel das Sprechen geübt, ihren Sohn der Tochter vorgezogen und vor der Queen einen immer etwas zu tief erscheinenden Knicks gemacht. Wie die beiden Frauen aber zueinander tatsächlich standen, weiß man nicht. Thatcher schweigt sich in ihren Memoiren aus, die Queen selbst schreibt keine. Es gibt konkurrierende Beschreibungen aus zweiter Hand – auch die, dass die beiden Frauen bewusst vermieden hätten, gemeinsam aufzutreten, um der reflexhaften Abwehr auf eine weibliche Doppelspitze – wie sie Morgan in der eingangs geschilderten Sequenz ja so gut wiedergibt – entgegenzuwirken. Dass Elizabeth II. 2013 die Beerdigung Thatchers besuchte, was sie im Fall „ihrer“ Premierminister zuletzt nur bei Churchill getan hatte, spricht da eine eigene Sprache.

Peter Morgan hält sich im Verlauf der Staffel jedoch an die „populistischere“ Version, die die beiden Frauen als unverträglichen Gegensatz begreifen will: die Queen als „heimliche Linke“, die über die Erbarmungslosigkeit der neoliberalen „Milchdiebin“ innerlich empört ist und sie hinter den Kulissen zu Zugeständnissen, etwa was die Sanktionen gegen das Apartheidregime in Südafrika betrifft, drängt. Es ist eine Darstellung, die sich logisch aus den ersten Staffeln der Serie ergibt, wo Claire Foy als junge Königin mit dem Herz auf dem rechten Fleck auftrat, die gegen die steifen Formalien des Hofs rebellierte. In der dritten Staffel schob die Darstellung der 46-jährigen Colman dieser zunehmenden Verkitschung dann einen Riegel vor: Colman verkörperte eine oft verstimmte, kleinmütige Frau mittleren Alters, die sich nach und nach dem Frust des Nichtstuns hingab, während um sie herum die wilden 60er in die bleiernen 70er wechselten. Für alle, die die Queen gerne als die diskrete Rebellin des Guten sehen wollen, war die Staffel eine herbe Enttäuschung.

Mit der Fortsetzung zeigt Peter Morgan nun, wie viel sein Projekt im Grunde mit Hilary Mantels Büchern über Thomas Cromwell und Heinrich VIII. gemeinsam hat: Wie Cromwell bei Mantel dient ihm die prominente Figur der Queen als eine Art Maske, als Perspektive, aus der heraus man die Geschichte Revue passieren lassen und dann neu begreifen lernen kann. Wobei weniger die Motive dieser Perspektivfigur als das, was ihr widerfährt, im Vordergrund steht.

Dem Vorwurf, er vermenschliche die Royals zu sehr, begegnet Morgan erneut mit viel Mut zur Ambivalenz: Im Handlungsstrang um Charles und Diana sind es in seiner Darstellung klar die Kälte und das generelle Unverständnis der Windsors, die die junge Frau ins Unglück treiben, ihre Essstörung mit eingeschlossen. Wobei an der Charles-und-Diana-Geschichte weniger das Wie enttäuscht als der große Raum, den sie einnimmt – und damit das eigentlich auf viel interessantere Weise schwierige Verhältnis zwischen Thatcher und der Queen in den Hintergrund drängt.

So gewinnt Morgan nach dem großartigen Auftakt erstaunlich wenig Spannung aus der Beziehung von Monarchin und Premierministerin. Was mit der Problematik der historischen Person Thatchers zu tun haben mag, die bis heute eine so polarisierende, um nicht zu sagen verhasste Figur in Großbritannien ist, dass Gillian Anderson sich in den produktionsbegleitenden Interviews fast dafür entschuldigen musste, sie zu spielen. Die Anstrengung, die die Rolle sie kostet, kommt der Interpretation aber unmittelbar zugute: Man kann darüber staunen, dass die 52-jährige Anderson in der Rolle der 53-jährigen Thatcher für unsere heutigen Augen wie eine Greisin auftritt. Es liegt eine eigene Wahrheit darin: Für die unbestritten kluge Frau war die fast übertriebene Formalität und Steifheit ganz offensichtlich ein Verfahren, um Autorität auszustrahlen. Es ist ein Weg, der heutigen Frauen in der Politik verschlossen ist; sie müssen, und damit sind wir wieder in der Gegenwart, neue finden.

Info

The Crown Peter Morgan Großbritannien/USA 2016 – 2020; Netflix

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06:00 15.11.2020
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