Der böse Clown

Literatur Woody Allen hat seine Autobiografie geschrieben. Man liest sie mit gemischten Gefühlen
Der böse Clown
Würden Sie neben so einem im Verlagsprogramm stehen wollen?

Foto: Everett Collection/Imago Images

Lange Zeit war das Erste, was mir zu Woody Allen einfiel, der Witz mit den zwei Frauen in einem Hotel in den Catskill-Bergen: Die eine beklagt sich, dass das Essen nicht schmeckt, die andere pflichtet ihr bei, dass dazu noch die Portionen so klein seien. Und dann die Pointe: „Genauso geht es mir mit dem Leben! Es ist voller Misere, Einsamkeit, Leiden – und dann ist es viel zu schnell vorbei.“ Das ist das Intro vom Stadtneurotiker, Woody Allens wohl berühmtestem Film, der, heute quasi unvorstellbar, bei der Oscarverleihung 1978 tatsächlich Star Wars als „Bester Film“ den Rang ablief. „Sie nennen mich einen Atheisten – für Gott bin ich die loyale Opposition“ war ein weiterer Spruch, der mich, lange nachdem ich den Kontext vergessen hatte, zum Lachen brachte, genauso wie: „Ich hasse die Realität, aber sie ist immer noch der beste Ort, um ein gutes Steak zu bekommen.“

In der nun erschienenen Autobiografie Ganz nebenbei taucht der Satz über die Realität wieder auf, nur dass aus dem Steak inzwischen Chicken Wings geworden sind. Nicht dass dagegen was zu sagen wäre. Ein guter Komiker entwickelt sein Material ständig weiter, das gehört zum Geschäft. In Ganz nebenbei geht es viel ums Komiker-Geschäft, um dessen unergründliche Geheimnisse und die Frage, warum ein und derselbe Witz in Philadelphia durchfällt, aber in New York gut ankommt. Und ich wünschte, ich könnte die Rezension einfach so fortsetzen, mit weiteren Zitaten aus Allens Lebenswerk und einer angemessen kritischen Einschätzung dessen, was es in diesen Memoiren eigentlich Neues zu lesen gibt. Aber es hilft alles nichts, zumal man sich bei einer Autobiografie ja noch nicht mal auf eine Trennung von Autor und Werk zurückziehen kann. Woody Allen ist inzwischen eben nicht mehr nur Woody Allen, sondern eine jener „problematischen Figuren“, deren Nennung eine Art Haftungsausschlusserklärung erfordert: dass man sich, wenn man sein Buch liest, keineswegs gemeinmacht mit Sexisten und Kinderschändern oder denen, die glauben, dass #MeToo zu weit ging. Vielen reicht so ein quasi individueller Haftungsausschluss auch nicht, sie drängen auf kollektiven Druck und geschlossene Reihen: In den USA protestierten die Mitarbeiter des Hachette-Verlags, der die Originalfassung von Ganz nebenbei veröffentlichen wollte, so heftig, dass Allen schließlich den Verlag wechseln musste. In Deutschland versuchte eine Reihe von Rowohlt-Autoren Ähnliches: Sie wollten ihre Namen nicht neben Allens im Verlagsprogramm sehen. Rowohlts Antwort darauf bestand nun darin, das Buch schnell herauszugeben.

Geschworene wider Willen

Die Lektüre rund um den Verlagsstreit in den letzten Wochen brachte außerdem zutage, dass es viele schreibende Menschen gibt, die sich im Fall von Woody Allen wahnsinnig gut auskennen. Auch mich könnte man geradezu zur Gutachterin berufen: Wann, wo, was – ich kann es herbeten. Der Vorwurf von Adoptivtochter Dylan, Allen habe sie missbraucht, als sie sieben war; Allens Bestehen darauf, dass es sich bei diesem Vorwurf um die Erfindung einer rachsüchtigen Mia Farrow handelt, die auf seinem Kaminsims Nacktfotos ihrer damals 22-jährigen Adoptivtochter Soon-Yi fand; die eingestellte Untersuchung; der skandalträchtige Prozess ums Sorgerecht; das zerstörte Verhältnis zu Sohn Ronan Farrow und, und, und. Wobei mir zugleich einleuchtet, dass sich niemand wirklich für meine Schlussfolgerungen interessiert, schließlich stammt mein ganzes Wissen aus zweiter Hand, dem Internet. Gleichzeitig scheint ein Ausweichen immer unmöglicher: Statt sich der Frage zu widmen, ob Woody Allen noch witzig ist oder noch gute Filme macht, sitzt man wie gefangen in virtueller Geschworenen-Klausur, ständig aufgefordert, über Allens Schuld oder Unschuld zu urteilen.

Aus dieser Rolle holt einen nun leider auch Woody Allen selbst nicht mehr raus. Zwar geht es erst nach rund der Hälfte von Ganz nebenbei darum, dann aber erzählt Allen umso ausführlicher von seiner Sicht der Dinge, von der Beziehung zu Mia Farrow, ihrem skandalträchtigen Ende und dem langen, langen Schatten, den das Ganze auf sein Leben warf. Die Zusammensetzung sorgt für ein mehr als eigenartiges Lektüre-Erlebnis: Da sind einerseits die Kindheitserinnerungen und das gut gelaunte Revuepassierenlassen eines langen Berufslebens mit vielen interessanten Begegnungen, beides mit vertrautem, sympathisch-selbstironischem Humor wiedergegeben, und andererseits dann die lange und fast zu ausführliche Schilderung all dessen, was sich mit dem Missbrauchsvorwurf in Allens Leben ergeben hat. Da fehlen dann verständlicherweise die launigen Wendungen und geistreichen Schlüsse. Der Modus der Rechtfertigung schließt derlei Ambivalenzen aus. Weil aber die Distanzierung durch den Humor fehlt, stellt sich beim Lesenden gleichzeitig das Gefühl ein, zu nah dran zu sein. Wer wann wo übernachtet oder mit Mariel Hemingways Vater das Bad geteilt hat – so ausführlich will man vieles gar nicht wissen.

Wer Ganz nebenbei nicht lesen will, weil ihm Allen zu problematisch geworden ist, verpasst dennoch so einiges: stimmungsvolle Schilderungen aus dem New York des 20. Jahrhunderts, hübsche Miniaturen über verehrte Kollegen und das herrlich pessimistische Weltbild eines Mannes, der die volle Ironie darin erkennt, dass er heutzutage statt als Komiker oder Filmemacher in Europa als Jazzmusiker die Säle füllt, eine Kunstsparte, für die ihm nicht nur nach eigener Einschätzung jedes Talent fehlt. Für einen, dessen Comedian-Karriere damit begann, dass er als Zauberer auf der Bühne durch Sprücheklopfen von seinen misslingenden Tricks ablenken musste, ist es in jedem Fall keine schlechte Pointe.

Info

Ganz nebenbei Woody Allen Rowohlt 2020, 448 S., 25 €

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06:00 06.04.2020
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Ausgabe 23/2021

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