Der Filmpreis taugt als Wahlorakel

Oscars Mit „Parasite“ hat nicht Bernie gesiegt, nicht der Sozialismus und nicht der Internationalismus, sondern: ein Film aus Südkorea
Der Filmpreis taugt als Wahlorakel
Der erste Oscar für einen nicht-englischsprachigen Film: wohl bekommt’s!

Foto: Imago Images/Xinhua

Die Keimzelle des „hot take“ ist der „bad take“: eine Beobachtung, die so oberflächlich ist, dass sie garantiert keine Wellen schlägt. Zumindest nicht über den Kreis der üblichen Follower und Friends hinaus. Ein echter „bad take“ ist es etwa, den einzelnen für den Oscar nominierten Filmen einen der Kandidaten zuzuordnen, die sich gegenwärtig in den Primaries der demokratischen Partei darum bewerben, im Herbst gegen Trump anzutreten. Es macht offensichtlich keinen Sinn, weil das eine, die Oscars, nichts mit dem anderen, der Präsidentschaftswahl, zu tun hat. In der Sinnlosigkeit liegt aber auch eine gewisse Verführung. Oder woher kommt das spontane Lachen, wenn jemand etwa Joe Biden dem Film The Irishman zuordnet: „Zuerst als Favorit gehandelt, dann aber leer ausgegangen, unter anderem, weil es nicht geklappt hat, den alten Mann jung aussehen zu lassen“. Zu Elizabeth Warren passt natürlich Little Women („Eine Frau aus Massachusetts will die Glasdecke durchbrechen“), zum Start-up-Mann Andrew Yang 1917 („Technischer Gimmick“) und zu Tulsi Gabbard Joker („Eine Kraft des Bösen, ohne es selbst zu wissen“). Man kann es aber auch wie ein Kartenspiel neu mischen, dann steht 1917 für Biden („In etwa sein Geburtsjahr“) oder auch Pete Buttigieg („Populär, aber aggressiv mittelmäßig“). Die Preisfrage aber ist: Wer vertritt bei diesem arglosen Gesellschaftsspiel den Oscar-Gewinner, Parasite? Die Antwort: Bernie Sanders natürlich. Weil: „Klassenkämpferisch, antikapitalistisch, populär“. So wird aus dem „bad take“ plötzlich der „hot take“.

Tatsächlich wurde der Sieg von Parasite bei den Oscars gefeiert wie eine politische Errungenschaft, als hätte nach Trump-Wahl, Brexit und Klimakatastrophe endlich, endlich mal wieder das Gute gesiegt. Denn mit Parasite, dem Film des Regisseurs Bong Joon-ho, gewann nicht nur der erste Film eines Südkoreaners den begehrtesten Filmpreis der Welt, den Oscar als „Bester Film“, sondern überhaupt der erste nicht englischsprachige Film. Das muss doch ein Zeichen sein! Für Weltoffenheit, gegen Fremdenhass, Nationalismus und Isolationismus! Für Gleichheit, gegen Ungleichheit! Da soll noch jemand sagen: It’s only a movie!

An dieser Stelle wird üblicherweise ein Backlash-Argument erwartet: Von wegen, Parasite sei überschätzt, weil der Film seinen Frauenfiguren zu wenig Spielraum lässt oder zu arglos kulturelle Appropriation betreibt, wenn er den koreanischen Helden an einer Stelle „Indianerschmuck“ tragen lässt. Tatsächlich aber handelt es sich einfach um einen sehr guten Film, ein Glücksfall für den Oscar, gerade weil Parasite beides ist: zugänglich und populär, aber auch klug und raffiniert gemacht. Der Film erzählt mit dem komödiantischen Drive eines Schelmenromans von sozialer Ungleichheit, voller kleiner, durchaus bösartiger Beobachtungen zu Fragen von Klasse, Familie und Trauma. Und gerade weil der Film so perfekt ist und die Freude und Erleichterung darüber so groß, dass sich eine Abstimmungsgemeinschaft von filmindustriell verbandelten Menschen darauf einigen konnte – wobei die vor wenigen Jahren eingeführte Methode der Abstimmung nach Präferenzen eine wichtige Rolle spielt –, stellt man in den Tagen nach diesem Triumph des Guten fest: Es nützt nichts. Mit Parasite hat nicht Bernie gesiegt, nicht der Sozialismus und nicht der Internationalismus, sondern ein Film aus Südkorea, dessen Symbolkraft sich in Wahrheit darauf beschränkt, ziemlich gutes Kino zu sein.

14:30 12.02.2020
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Ausgabe 14/2020

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