Der gute Vater

Medientagebuch Der Schuldenberater von RTL ist der Darling des Erziehungsfernsehens: Was macht Peter Zwegat so erfolgreich?

Der Umgang mit dem Geld ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, über die der Mensch in der kapitalistischen Gesellschaft verfügen muss. Was er aber offenbar nicht tut: Drei bis vier Millionen Haushalte in der Bundesrepublik sollen überschuldet sein, also faktisch bankrott. Die simplen Devisen, nach denen man üblicherweise Kinder im Umgang mit dem Zahlungsstoff unterweist, reichen anscheinend nicht aus. Zudem hat der Umgang mit Geld etwas Widersprüchliches: Muss man das Ausgeben lernen oder das Behalten und Vermehren? Die Erfahrung macht die Dinge noch komplizierter; im wahren Leben nämlich zeigt sich, dass oft die am besten leben, die es verstehen, auf richtige Weise Schulden zu machen. Das Geld anderer Leute ausgeben, ist das eigentliche Erfolgsrezept im Kapitalismus.

Ein ehrliches Gespräch über Geld, über die eigenen Einnahmen und Ausgaben, ist heutzutage schambesetzter als eines über Sex. Und jede nichtrepräsentative Umfrage im Bekanntenkreis fördert weitere Fakten zu Tage, die den überdehnten Spruch vom letzten Tabu für das Thema Geld doch noch zutreffend erscheinen lassen: Den einen kostet der Blick auf die eigenen Kontoauszüge größere Überwindung als der Abschluss der Doktorarbeit, die andere öffnet erst nach Tagen mit zittrigen Fingern das Schreiben vom Finanzamt, und die meisten empfinden die Sortierarbeit für die jährliche Steuererklärung als nicht nur lästig, sondern als vehemente Belastung, schlimmer als ein Marathonlauf.

Im Nachhinein verwundert es, dass das Fernsehen erst im Jahre 2007 darauf gekommen ist, dieses Tabufeld zuschauerträchtig zu beackern. Bis dahin wurde das Thema Geld im Fernsehen größtenteils nur auf zwei Weisen behandelt: Es konnte welches gewonnen werden, oder es konnte welches gespendet werden. Ab und zu gab es ein bisschen Verbraucherberatung in den Ecken der verschiedenen Magazine.

Beratung ist die Grundlage einer neuen Generation von Reality-TV, und zum Darling dieses Form des Erziehungsfernsehens ist Raus aus den Schulden avanciert. Seit April 2007 im Programm von RTL, gehört die Sendung mit regelmäßig vier bis fünf Millionen Zuschauern zu den großen Erfolgen des deutschen Fernsehens. Es ist anzunehmen, dass sich der Erfolg nicht allein den hilfesuchenden, überschuldeten Haushalten verdankt.

Auf den ersten Blick ist Raus aus den Schulden ein klassisches Voyeur-Format: Jede Woche wird ein exemplarischer Fall von Nicht-Mit-Geld-Umgehen-Können vorgeführt. Jede Woche ein Blick in unübersichtliche Verhältnisse, vor denen die Protagonisten bislang selbst die Augen verschlossen haben. Jede Woche aber auch eine Strategie in eine bessere Zukunft, die simpel beginnt: mit dem Öffnen der Rechnungen und Mahnungen und dem Blick auf die Kontoauszüge.

Das alles wäre nicht sonderlich neu und würde wohl kaum so viele Zuschauer regelmäßig binden, wenn es nicht den Mann im Mittelpunkt gäbe: Peter Zwegat. Er ist eine Idealbesetzung, wie kein Castingexperte sie hätte erfinden können, das Kuriosum eines "echten Selbstdarstellers". Der 58-jährige Berliner ist Verwaltungsbeamter und studierter Sozialpädagoge und hat zuvor auch ohne Kameras als Schuldnerberater gearbeitet - in der Stadt Deutschlands mit den meisten Überschuldeten. Zwegats Echtheit ist das eine, seine Fernsehtauglichkeit das andere. Sein Äußeres wirkt wie die Inkarnation der Amtstube, grau und trocken. Und sein Pfand ist seine Ernsthaftigkeit.

Raus aus den Schulden verspricht die Sendung zwar vollmundig im Titel, aber Zwegats Knittergesicht, seine sorgenvolle Raucherstimme, seine stets angespannt an den eigenen Körper gedrückten Arme lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass davor ein großes Stück Arbeit liegt. Das ist das Zauberwort, und es spielt eine Schlüsselrolle in der Sendung, weshalb Zwegat selbst schon mal nette Umschreibungen dafür findet: "Fängt mit A an und hört mit T auf."

Wie soll man die Attraktivität dieser Figur erklären? Zwegat ist eine Retrogestalt, so etwas wie der gute Fünfziger-Jahre-Papa, den sich alle wünschten und den keiner hatte. Einer, der hilft, wo es Not tut, wenn auch mit der gebotenen Strenge. Einer, der einem den Kopf wäscht, aber natürlich mit besten Absichten. Die gute Autorität. Und so fünfzigerjahrehaft wie er selbst, sind auch die Rezepte, die er seinen "Kunden" verordnet: Haushaltsbuch führen, Belege sammeln, mit den Menschen von der Sparkasse reden. Wäre Zwegat ein optimistischerer Mensch, einer, der diese Dinge mit der Heiterkeit der Lifestylecoachs einforderte - die Sendung wäre unerträglich. Diese Art von Beratung kann man nur schauen Dank Zwegats chronischer Miesepetrigkeit, einem ständigen Unterton: "Sie müssen aber auch selbst ihren Beitrag dazu leisten!"

Da liegt die Grenze des Erziehungsfernsehens: Man muss mitmachen, man muss es sich verdienen. Der Umgang mit Geld, so lässt sich von Peter Zwegat lernen, ist nämlich eigentlich einer mit Menschen.

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