Der Witz ist das Ziel

Medientagebuch Gott sei Dank streiken die Drehbuchautoren nicht mehr: Die Show zur 80. Oscar-Verleihung

Die Meldungen darüber, dass der Streik der Autoren in Hollywood die Oscar-Show bedroht hat, mag hierzulande für einige Verwirrung gesorgt haben. Was daran liegt, dass die "Show" oft gar nicht als "Show" wahrgenommen wird, sondern als reine Preisverleihung, bei der nur das Ergebnis interessiert. Braucht man wirklich Autoren, um die Oscar-Kandidaten vorzustellen? Filme wie das blutige Drama um einen Ölbaron There Will Be Blood, den nicht weniger blutigen Thriller No Country For Old Men, das Horrormusical um einen köpferasierenden Barbier Sweeny Todd oder Juno, die nette kleine Komödie über eine schwangere 16-Jährige? Nun, Autoren braucht es, um daraus folgenden Monolog zu machen, mit dem der Komiker Jon Stewart den Abend eröffnete, nachdem er vom Streik der Autoren als den dunklen Zeiten gesprochen hatte: "Lassen Sie uns den Blick nun den heiteren Dingen zuwenden: Hollywoods diesjährigem Ausstoß an psychopathischen Killerstreifen. No Country For Old Men, Sweeney Todd, There Will Be Blood. Ich sage nur: Gott sei Dank, gibt es Teenagerschwangerschaften."

Wo das deutsche Feuilleton sich damit beschäftigt, ob nun No Country For Old Men die vielen Oscars tatsächlich verdient hat oder ob There Will Be Blood nicht mehr bekommen hätte müssen, steht in den USA die Oscar-Show als Gesamtkunstwerk zur Diskussion. Einst, im Titanic-Jahr hatte sie glorreiche 55 Millionen Zuschauer, in der letzten Zeit fiel die Zahl bis auf 33 Millionen, trotzdem sind die Oscars ein nationales Fernsehereignis, das nur von der Superbowl geschlagen wird. Dementsprechend sorgfältig ist der Event durchgeplant. Ganze Teams sind etwa damit beschäftigt, die Reihenfolge der Vergabe dramaturgisch aufregend zu ordnen. Und eine weitere Legion an Autoren sorgt für das, was der deutsche Zuschauer meist ausblendet: das Schreiben der Zwischenspiele und der kleinen Ansprachen, mit denen die einzelne Kategorien angekündigt werden - und natürlich der Gags des Moderators, der hier "Host", Gastgeber, genannt wird.

Die Beilegung des Streiks nur zwei Wochen vor dem großen Abend setzte die Autoren unter ungewohnten Zeitdruck, brachte aber auch eine eigene Spannung mit sich. Wird die Show vielleicht etwas improvisierter, spontaner? Oder im Gegenteil, wird sich die inhärente Ödnis endgültig entblößen? Überraschenderweise geschah gewissermaßen beides: Die Witze, mit denen Jon Stewart das Publikum auflockerte, wirkten tatsächlich angenehm frisch und unerprobt, dafür gingen manche aber auch gründlich daneben. Für ersteres etwa steht seine Einführung zum Alzheimer-Drama An ihrer Seite: "Der Film zeigt, wie eine Frau ihren Ehemann vergisst, Hillary Clinton bezeichnete ihn als das Feelgood-Movie des Jahres." Im Publikum fiel ein lachender George Clooney fast vom Stuhl.

Während die Bemerkung zu den demokratischen Präsidentschaftskandidaten noch gut ankam ("Wenn der Präsident ein Schwarzer oder eine Frau ist, schlägt üblicherweise in der nächsten Szene ein Asteroid bei der Freiheitsstaue ein"), ging der nächste Gag über den politischen Horizont der Zuschauer. Stewart wies auf die Kuriosität hin, dass Barack Obamas Mittelname Hussein sei und sein Nachname sich überdies mit dem des noch lebenden Hauptfeinds der USA reime. Einen solchen kuriosen Fall habe es seit der Kandidatur eines gewissen Gadolf Titler 1944 nicht mehr gegeben. Titler habe so tolle Ideen gehabt, aber vergeblich um die Gunst der Wähler geworben. Lag es am Namen? Oder dem Schnurrbart?

Man könnte dieses Medientagebuch nun mit weiteren Stewart-Gags füllen - der Leser wäre nicht schlecht unterhalten und den Autoren Respekt erwiesen. Stewart selbst führte an einer Stelle vor, wie der Oscar-Abend ohne Autoren wohl ausgesehen hätte: statt seiner Gags eine Archivmaterialmontage nach der anderen. Sein parodistisches Beispiel, Eine Hommage an Fernrohre und Teleskope, gehörte dabei noch zu den amüsanteren. "Wir sind froh, dass wir Ihnen das nicht zeigen mussten", schloss Stewart, was sich als bösartige Finte auslegen ließ, denn in der Tat kam noch zu viel dessen zur Aufführung, was für den Ausfall der Autoren, vorbereitet worden war. In zahlreichen Einspielfilmchen mit diversen Potpourris aus großen Momenten wurde auf 80 Jahre Oscars zurückgeblickt.

Der Plan war offenbar gewesen, die Zeit zwischen den einzelnen Kategorien damit zu füllen, frühere Oscar-Gewinner von ihrem "ersten Mal" erzählen zu lassen. Gott sei Dank kamen von diesen vorbereiteten Aufnahmen nicht viele zum Einsatz. Wenn Michael Douglas mit Catherine Zeta-Jones sich bei ihren Erinnerungen gegenseitig pseudospontan ins Wort fielen, wähnte man sich nicht mehr bei der glamourösen Oscar-Show, sondern in einer der allabendlichen Panel-Shows des Privatfernsehens. Auf unangenehme Weise wurde einem da bewusst, dass das deutsche Fernsehen schon lange ohne Autoren auszukommen glaubt.

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