Die Angst des Schützen vorm Eigentor

Fußball Ist diese EM eine Anomalie oder ganz schön normal? Über unglückliche Treffer und die Herrschaft der Algorithmen
Die Angst des Schützen vorm Eigentor
Eigentore tun weh. Die Fußballeuropameisterschaft bot dieses Jahr überreiche Gelegenheit, dafür Anschauungsbeispiele zu finden

Foto: Laci Perenyi/IMAGO

Viele kennen das Eigentor nur als Metapher: Anders als beim bloßen Sich-selbst-im-Weg-Stehen oder Über-die-eigenen-Füße-Stolpern hat das Eigentor die unangenehme Eigenschaft der gegnerischen Opposition direkt Punkte einzubringen. Es tut deshalb besonders weh, es beschämt. Besonders, weil es so leicht ist, den Schuldigen auszumachen.

Die Fußballeuropameisterschaft bot dieses Jahr überreiche Gelegenheit, dafür Anschauungsbeispiele zu finden. Vom unglücklichen Timing einer einzigen Körperbewegung bis zur aktiven Konfusion darüber, wohin der Ball geschossen gehört, war alles dabei. Tatsächlich fielen in dieser einen Europameisterschaft mehr Eigentore als in allen bisherigen zusammengenommen. Und kaum dass die Portugiesen beim Spiel gegen Deutschland die Marke „Zwei Eigentore in einem Spiel bei einem großen internationalen Turnier“ rissen, wurde der neue Rekord vier Tage später von den Slowaken im Spiel gegen Spanien eingestellt.

Was war da los? Wenn uns die Pandemie eines gelehrt hat, dann das, dass man Statistiken auf die tatsächliche Vergleichbarkeit ihrer Daten abklopfen muss. Nein, es ist kein neuer Ball im Spiel. Verschwörungstheorien darüber, dass ein Geheimchip ihn steuert, kamen bislang auch kaum auf, was damit zu tun haben könnte, dass amerikanische Billionäre sich in der Regel wenig für Fußball interessieren. Dann wiederum sind da die harten Zahlen: Die Menge der Beteiligten hat sich vervielfacht. Von 1960, dem ersten Mal, bis 1976 bestand der Wettkampf aus einer Endrunde unter vier Mannschaften; erst 1980 wurde auf acht Teams ausgeweitet, und erst 1996 auf 16. Dass wie in diesem Jahr 24 Nationen teilnehmen, ist zum zweiten Mal der Fall.

Hinzu kommt das dem Fußball eigene Beobachtungsparadox. Soll heißen: Moderne Aufnahmetechniken machen es zwar möglich, den Spielzug aus immer mehr verschiedenen Winkeln zu betrachten, von rechts und links, von oben und von vorne, in slow motion, in Fern- und in Nahaufnahme, und trotzdem gibt es da auf dem Platz, während des Spiels immer noch etwas, was sich der Beobachtung radikal entzieht. Denjenigen als Schützen anzugeben, der als letzter Kontakt mit dem Ball hatte, entspricht jedenfalls in feiner Analogie zur Vorherrschaft der Algorithmen einem äußerst technokratischen Blick auf das Spiel. Schaut man sich die diversen Youtube-Videos legendärer Eigentore an, kommt einem der Gedanke, dass frei nach Tolstoi die glücklichen Tore einander schon kaum gleichen, die Eigentore aber in ihrem Unglück wirklich alle sehr verschieden sind.

Was sagt die Statistik über Langzeitfolgen? Nicht mehr, als dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mannschaft trotz Eigentor gewinnt, etwas geringer ist. Eine andere Statistik will wissen, dass sich der Eigentorschütze nach seinem Fehler oft besonders einsetzt und weitere, glückliche Tore erzielt. Ein besonders kurioses Beispiel dafür bietet das Spiel Aston Villa gegen Leicester City von 1976, das 2:2 endete, wobei alle vier Tore den gleichen Schützen haben: Chris Nicholl. In echter Alleinunterhaltermanier verteilte der Mittelfeldspieler seine Tore sowohl über die Zeit als auch über den Platz: Das erste Eigentor nach 15 Minuten glich er kurz vor der Halbzeit aus; in der 53. brachte er dann die gegnerische Mannschaft erneut in Führung , um dann in der 86. das Remis abzusichern. Das politische Gegenstück, für das Nicholls Tat als Metapher herhalten könnte, muss erst noch gefunden werden.

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06:00 10.07.2021
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Ausgabe 30/2021

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