Die Normalität der Karikatur

Kino Roehler gegen seine Kritiker verteidigt: "Jud Süß - Film ohne Gewissen" über die Entstehung von Veit Harlans Machwerk, ist wie alle Roehler-Filme – unausgeglichen

Die herablassende Kritik, die sich Oskar Roehlers Film Jud Süß – Film ohne Gewissen auf der Berlinale gefallen lassen musste, fordert jeden sensi­blen Geist reflexhaft dazu heraus, den Film dagegen zu verteidigen. Bei genauerer Betrachtung merkt man: Er braucht das gar nicht. Darin gleicht Jud Süß – Film ohne Gewissen den anderen Roehler-Filmen, die sich – mit Ausnahme von Die Unberührbare – stets durch extreme Unausgeglichenheit ausgezeichnet haben. Und wie misslungen auch immer man sie finden konnte, sie besaßen dadurch doch jene wertvolle und im deutschen Förderfilmschaffen so rare Qualität: Abgründigkeit.

Für nicht wenige klang es deshalb wie ein Versprechen, dass Roehler sich dem heiklen Stoff der Entstehung von Veit Harlans Jud Süß annehmen wollte. Der furchtlose Roehler würde die eklige Schmierigkeit des „Originals“ durch eigene Geschmacklosigkeiten überbieten und damit uns alle, ähnlich vielleicht wie Tarantino und seine Inglourious Basterds, irgendwie erlösen. Wovon? Von diesem beschämenden Ungetüm großdeutscher Schauspielkunst, von diesem unseligem Konglomerat aus Ambition, Rücksichtslosigkeit, Zwang, verordnetem und unterschwelligem Ausleben von Ressentiments, das Harlans Film und seine Entstehung umgibt und bis heute zum Faszinosum macht.

Aber den Gefallen tut Roehler uns nicht. Jud Süß – Film ohne Gewissen bereitet die Geschichte um den raffiniertesten Propagandafilm des Naziregimes, bei dem Joseph Goeb­bels sozusagen die Produzentenrolle einnahm, nicht als Farce auf, um sie endlich verdaubar zu machen. Nein, der Film wird im direkten Sinne nicht mit seinem Thema fertig, hat das auch nicht vor – und darin liegt sein großer Reiz. Zwei nicht kompatible Stränge bindet Roehler gegeneinander. Einerseits die Figur des Ferdinand Marian, jenes Hauptdarstellers von Jud Süß, der seine Titelrolle des schleimigen Verführers mit so viel Sex-Appeal spielte, dass er mit Briefen von Verehrerinnen eingedeckt wurde. Um ihn herum strickt Roehler ein Melodram um Eitelkeit, Ehrgeiz und Erpressung. Dem steht, andererseits, die Figur des Goebbels gegenüber, der als Karikatur angelegt ist.

Schreihals Goebbels

Roehler hat die beiden zentralen Figuren nicht mit persönlichkeitsstarken und feingliedrig arbeitenden Schauspielern wie Bruno Ganz oder Sebastian Koch besetzt, sondern mit Publikumslieblingen wie Tobias Moretti und Moritz Bleibtreu. Und beide machen „es“ erfrischend anders. Moretti verleiht seinem Marian die charmante Zwielichtigkeit des erfolgreichen Schauspielers, der um seine Zweitklassigkeit weiß, ein Lavierer, der nie genug Charakter besitzt, sich der Verstrickung zu entziehen. Dass dieser Film-Marian anders als der echte Marian mit einer Vierteljüdin verheiratet ist und deshalb als erpressbar gezeigt wird, hat dem Film den heftigen Vorwurf der Exkulpation eingetragen. Eine Vorhaltung, die absurd wirkt, ist Morettis Marian doch trotzdem die seelenvolle Verkörperung mitläuferischer Schäbigkeit.

Bleibtreu dagegen legt seinen Goebbels als leutseligen Schreihals an, der bei seinen Auftritten Spuckpfützen hinterlässt. Die Diabolik dieser Interpretation kommt nicht aus dem Staunen über die Banalität des Bösen, sondern aus der inneren Ungläubigkeit Bleibtreus: Und so jemanden hat man ernst genommen? Vielleicht erklärt ja diese „Kinderfrage“, die den Film durchzieht, die Herablassung der Kritik: Weil man darauf noch immer keine Antwort weiß.

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