Eidinger? Bleibtreu!

Serie „Faking Hitler“ will die „Stern“-Affäre um die Tagebücher moderner erzählen – und mit einer Frau

Im Jahr 1992, als Helmut Dietls deftige Farce über die Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher Schtonk! ins Kino kam, gab es noch keine Wikipedia. Um nachzuschlagen, ob auf den Kladden, für die der Stern 1983 alles in allem 9,3 Millionen DM bezahlte, tatsächlich statt der naheliegenden Initialen „AH“ ein rätselhaftes „FH“ prangte, hätte man in eine Bibliothek gehen müssen. Ich weiß noch, dass ich das damals für einen Witz hielt, den sich die Filmemacher zur Ausschmückung ausgedacht haben. Da sitzt die oberste Chefetage von Stern und Gruner + Jahr in ihrer fiktionalisierten Form zusammen und bestaunt ehrfurchtsvoll die Tagebücher, bis einer bemerkt, dass es sich bei dem altdeutschen Buchstaben auf dem Einband um ein „F“ handelt – „aber Fritze Hitler hieß er ja wohl nicht“. Leicht verunsichert, aber immer noch im absoluten Bann des Nazi-Kitschs, kommt es zum gemeinsamen Brainstorming: „Führer Hitler“, „Fahne Hoch“ und „Führers Hund“ werden in die Runde geworfen und als „Quatsch“ abgetan, bis sich alle auf „Führers Hauptquartier“ einigen, als wäre das eine schlüssige Lösung. Es ist eine großartige Szene, in der u. a. Götz George, Harald Juhnke und Ulrich Mühe mit minutiösem Spiel das eklig-libidinöse Verhältnis gewisser BRD-Eliten zur NS-Zeit haarscharf auf den Punkt bringen. Und dazu noch hat es sich so ungefähr auch in der Realität abgespielt!

Gegen den Männerschweiß

Der dreiste Fälscher, dem der Fehler mit den Fraktur-Buchstaben unterlaufen war, hieß Konrad Kujau. Im Mehrteiler Faking Hitler, den RTL für seinen nun in RTL+ umgetauften Streamingdienst produzieren ließ, spielt ihn Moritz Bleibtreu. Ihm gelingt etwas, woran in der Dietl-Fassung Uwe Ochsenknecht auf seine trottelig-charmante Weise noch gescheitert war: Er verkörpert diesen Kujau als einen derart naturbegabten „Con Artist“, dass nachvollziehbar wird, warum er den Leuten ein F für ein A vormachen konnte. Bleibtreus Kujau – den die Serie als gern in der Badewanne verweilenden Faulpelz vorstellt – kommt erst richtig in Fahrt beim Betrügen, wenn es ein bisschen heikel wird. Dann dreht er auf und wird erfinderisch. Dass die Nazi-Tümler der alten BRD auch gerne wider besseres Wissen an die Echtheit von Hitler-Artefakten glauben wollten, nur um „seine“ Nähe zu spüren, damit hatte er schon Erfahrung gesammelt, bevor der Stern-Reporter Gerd Heidemann in sein Leben trat. Bleibtreu, als Schauspieler in gewisser Weise stets ähnlich unterschätzt wie seine Figur hier, betont die diebische Freude, die seinen „Conny“ zwischendurch erfasst, aber auch die durchaus sympathische Trägheit, mit der er sich dem als dröge empfundenen Job des Hitler-Nachahmens widmet.

Kujau ist die unterhaltsamste Figur in der ganzen Affäre, aber längst nicht die interessanteste. Leider haben die Macher der Serie dafür kaum einen Sinn. Reporter Gerd Heidemann, der doch vielleicht auch tragische Schlüsselheld, wird von Lars Eidinger so ähnlich wie fast alle seine Rollen angelegt: als leere Projektionsfigur, die dem Zuschauer so feindosiert auf die Nerven geht, dass man es mit Charaktertiefe verwechseln könnte. Begreifbar wird in Eidingers Interpretation eigentlich gar nichts, außer der Tatsache, dass man das Ganze heute erst recht nicht mehr begreift. Oder doch gerade heute? Von wegen Fake News und so, ist das nicht vielleicht das Gleiche? Und wenn ja, wie geil ist das denn? So ungefähr muss man sich wohl den „Writers’ Room“ von Faking Hitler vorstellen.

Um das Ganze zu modernisieren – und ja, Schtonk! ist heute im Grunde besser in seinen Einzelszenen zu ertragen als in seiner zähen, männerschwitzigen Gesamtheit –, haben die Autoren eine „starke Frauenrolle“ hinzuerfunden, wie man das jetzt so macht. Das Ergebnis ist wenig überzeugend: Sinje Irslinger spielt eine junge Journalistin, die in der Stern-Redaktion mit trotzigem Gesicht dem grassierenden Sexismus ins Auge schaut, alsbald aber in eine Handlung verwickelt wird, die – inklusive der zwei Männer, zwischen die sie gestellt wird – so sehr deutscher TV-Stuss ist, dass einem die Freude an Moritz Bleibtreus badischem Akzent noch völlig vergeht.

Faking Hitler Tommy Wosch Deutschland 2021, 6 Folgen, RTL+

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 02.12.2021
Geschrieben von

Kommentare 1