Ein richtiges Dilemma

Ausstattungsfragen „Lone Survivor“ und „Zwischen Welten“ erzählen auf gegensätzliche Weise vom Krieg in Afghanistan
Ausgabe 12/2014
Bundeswehrsoldat Jesper (Ronald Zehrfeld) mit dem afghanischen Dolmetscher Tarik (Mohsin Amady)
Bundeswehrsoldat Jesper (Ronald Zehrfeld) mit dem afghanischen Dolmetscher Tarik (Mohsin Amady)

Foto: Screenshot, Trailer

Die Filme Zwischen Welten und Lone Survivor handeln von Truppeneinsätzen in Afghanistan. Dass sie unterschiedlicher kaum sein könnten, ist trotzdem eine banale Beobachtung. Feo Aladags Ambition, in Zwischen Welten Krieg als komplexe Angelegenheit zu zeigen, in der die Menschen auf allen Seiten sich nur fatalistisch verheddern können, ist so löblich, wie sie konform geht mit den Bedingungen deutscher Filmförderung.

Peter Bergs Ziel ist ebenfalls ambivalent: Lone Survivor beruht auf dem Bericht eines US-Soldaten, den der Film möglichst authentisch umsetzen will. Zugleich muss er die Erwartungen der Industrie erfüllen, die sich actiongeladene Unterhaltung mit patriotischer Grundnote verspricht.

Wie unterschiedlich beide Filme auf ihre jeweiligen Soldaten schauen, ist fast grotesk: Die Bundeswehr, die Aladag rund um ihren Protagonisten (Ronald Zehrfeld) zeigt, ist eine Bürokrateninstitution, in der alle sich um einen sachlich-höflichen Ton bemühen und in Uniformen herumlaufen, die offensichtlich Unwohlsein bereiten.

Bedrohliche Horden

Dagegen besitzen die Soldaten bei Peter Berg eine geradezu erschreckende physische Präsenz. Der Film beginnt mit Szenen, die hartes Training am nächtlichen Pazifikstrand zeigen. Daraufhin werden in betont lockerem Ton die späteren Protagonisten vorgestellt, im gepflegten Zynismus derer, die das Hartsein kultivieren. Wo in Zwischen Welten die Figuren aus ihrem Gewissen und ihren inneren Konflikten heraus agieren – und damit der Krieg als primär psychologische Angelegenheit erscheint –, handelt Lone Survivor in erster Linie von Körpern, besser gesagt von einem Körper: dem ungeheuer fitten und ungeheuer leidensfähigen des Navy-SEALs.

Mit der einheimischen Bevölkerung verfährt Lone Survivor in der groben Weise des Kriegsfilms: Es gibt die bedrohliche Horde der Turbanträger, die sich zusammenrotten und in unverständlichen Zungen Böses planen. Später tauchen Kinder und Zivilisten auf, die stolz dreinblicken und alte Traditionen wie Gastfreundschaft pflegen. Keiner der „Fremden“ bekommt hier genug zu tun, um auch nur den Status des Nebendarstellers zu erfüllen. Wohingegen bei Aladag der junge afghanische Übersetzer Tarik (Mohsin Ahmady) und seine Ingenieurs-Schwester Nala (Saida Barmaki) mit ihrer Problemlage das Zentrum und auch das Herz des Filmes bilden.

Der ungerechte Vergleich kommt also schnell zu dem Schluss, dass Zwischen Welten zweifellos der Film mit den besseren Absichten ist, darum bemüht, das Publikum auch für die „andere“ Seite zu interessieren. Trotzdem ist Lone Survivor der interessantere Film. Nicht nur wegen der großartig nonchalanten Schauspieler (Eric Bana, Ben Foster, Taylor Kitsch, Emile Hirsch und Mark Wahlberg). Und nicht wegen der detailverliebten Tontechnik und präzisen Schnittchoreografie.

Sondern weil seine Geschichte keine konstruierte, sondern eine erlebte ist. Das heißt nicht, dass Berg oder schon der Autor der Vorlage, Marcus Luttrell, das Geschehen genau so wiedergäben, wie es passiert ist. Aber der moralische Konflikt, vor den sich Luttrell gestellt sah und von dem er glaubt, ihn falsch entschieden zu haben (Darf man im Krieg Unschuldige umbringen, damit sie einen nicht verraten?), wirkt gegenüber dem Fatalismus der Umstände in Zwischen Welten grässlich und fesselnd konkret.

Lone Survivor Peter Berg USA 2013, 121 Min. Zwischen Welten Feo Aladag D 2013, 108 Min.

Jetzt schnell sein!

der Freitag digital im Probeabo - für kurze Zeit nur € 2 für 2 Monate!

Geschrieben von

Barbara Schweizerhof

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Film“ (Freie Mitarbeiterin)

Barbara Schweizerhof studierte Slawistik, osteuropäische Geschichte und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeite nach dem Studium als freie Autorin zum Thema Film und Osteuropa. Von 2000-2007 war sie Kulturredakteurin des Freitag, wechselte im Anschluss zur Monatszeitschrift epd Film und verantwortet seit 2018 erneut die Film- und Streamingseiten im Freitag.

Avatar

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen