Xavier Giannolis Balzac-Adaption „Verlorene Illusionen“: Fake News vergangener Zeiten

Kino Kontroversen und Enten: Die Balzac-Verfilmung „Verlorene Illusionen“ von Xavier Giannoli zeigt den Medienbetrieb der 1820er Jahre in Paris. Zuschauer:innen dürfen sich wundern, wie wenig sich doch seitdem verändert hat
Ausgabe 50/2022

Mit dem rasanten Aufstieg der „Fake News“ ist die gute alte „Ente“ fast in Vergessenheit geraten. Der französische Regisseur Xavier Giannoli rückt sie in seiner Balzac-Adaption Verlorene Illusionen umso aufdringlicher ins Bild. In den Redaktionsräumen der Zeitungen, in denen der frisch aus der Provinz nach Paris gekommene und von einer Karriere als Dichter träumende Lucien (Benjamin Voisin) in den Journalistenbetrieb eingeweiht wird, gackern Enten gleich in Scharen durch die Fluren. Dazu liefert eine Stimme aus dem Off die von Balzac stammende Erklärung: Eine Ente nenne man „eine Tatsache, die so aussieht, als ob sie wahr wäre, die man aber erfindet, um die Nachrichten aufzufrischen, wenn sie ein bisschen matt geworden sind“.

Balzacs Roman ist voll von solchen Zynismen über den Stand der schreibenden Zunft seiner Zeit. Weshalb Giannolis Adaption die rare Ausnahme von der Regel ist, dass eine Literaturverfilmung besser sparsam mit Off-Kommentaren verfahren sollte, weil sonst kein Kinoerlebnis zustande käme. Man kann sich hier im Gegenteil kaum satthören an Beschreibungen wie: „Die Meinungspresse ist ein Geschäft, um dem Publikum Nachrichten in der Farbe zu verkaufen, in der es sie wollte“. Oder: „Es ging nicht mehr darum, den Leser aufzuklären, sondern seinen Meinungen zu schmeicheln“, „Nachrichten, Debatten, Ideen wurden zu banalen Waren, die man den Kunden verkaufte“. Und über die Literatur- und Theaterkritiker heißt es, sie seien zu Maklern geworden, „die sich zwischen Künstler und Publikum drängten“. Man kann kaum glauben, dass das Beobachtungen aus den zwanziger Jahren des 19. Jahrhundert sein sollen, so perfekt passen sie in unsere von Social Media doch angeblich „revolutionierte“ Welt.

Der Fluss der Zynismen aus dem Off hat aber auch noch eine zweite Wirkung: Er befreit die einzelnen Schauspieler von der Last der Ironie und lässt ihnen Raum, ihre Figuren ernst zu nehmen, gerade da, wo sie sich töricht verhalten. Wie eben Lucien selbst, der über den eigenen Narzissmus mindestens so stolpert wie über die Intrigen im Großstadtmoloch Paris. Benjamin Voisin verleiht ihm den Charme der Naivität, aber zugleich auch eine offensichtliche Intelligenz, die seinen raschen Aufstieg erst glaubhaft macht.

Eingebetteter Medieninhalt

Um ihn herum lässt Giannoli ein großartiges Ensemble agieren, das in wechselnden Tableaus zusammenkommt und so die turbulenten Ereignisse dieser „wilden 1820er“ zwischen Fortschritt und Restauration skizziert. Cécile de France und Jeanne Balibar verkörpern gegensätzliche Adelsdamen, deren Launen sich als einflussreicher erweisen, als die Männern um sie herum erahnen. Der Kanadier Xavier Dolan, mehr als Regisseur denn als Schauspieler bekannt, zeigt als royalistischer Autor Nathan eine wunderbar dunkel-romantische Seite. Der sonst mehr auf Komödien spezialisierte Vincent Lacoste gibt mit graziöser Schmierigkeit den korrupten Kritiker Lousteau, der seine besten Rezensionen über Bücher schreibt, die er gar nicht gelesen hat. Und Gérard Depardieu tritt auf als Verleger ohne Gewissen, aber mit der richtigen Nase für den Kommerz.

Sie alle tragen die Kostüme ihrer Epoche, aber was den Medienbetrieb angeht, so macht Giannoli ohne übertriebene Anpassungen an die Moderne deutlich, haben sich die Dinge seither erstaunlich wenig verändert. Auch heute noch gilt, dass, wer es im Literaturbetrieb zu etwas bringen will, Freunde braucht – oder besser noch einen guten Feind. Denn Aufmerksamkeit ist alles, und am allerbesten ist es, wenn es eine Kontroverse gibt. Am Ende nämlich, da wird es fast platt, triumphiert als neuer Adel der des Geldes. Und der ist nicht so leicht aufs Schafott zu führen wie noch in den 1790ern ...

Verlorene Illusionen Xavier Giannoli Frankreich 2021, 150 Minuten

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