Guter Stoff ist rar

65. Mostra in Venedig Suchtpotenzial und Kater­stimmung

Nur weil das Filmfestival zu Ende ist und das Leben weitergeht, sind für den geübten Festivalbesucher nicht alle Fragen beantwortet: Ist es ungerecht, dass Mickey Rourke keinen Schauspielerpreis bekam? Stimmt es, dass der diesjährige Wettbewerb der schwächste seit mindestens zehn Jahren war? Hat man die guten Filme vielleicht alle verpasst?

Es ist ein Gefühl des Entzugs, im Grunde dem des Veteranen gar nicht so unähnlich, der in Kathryn Bigelows Hurt Locker aus dem Irakkrieg heimkehrt und nicht aufhören kann, von den Bomben zu erzählen, die er entschärft hat. Seine Frau wendet sich ab mit dem gequälten Gesicht derer, die aufgegeben haben, auch nur Interesse zu heucheln. Die Welt hat sich weitergedreht. Staff Sergeant William James aber erkennt, dass er ohne das Spiel mit der Gefahr nicht leben kann. Er wird rückfällig.

Krieg ist eine Droge, heißt es gleich zu Beginn von Bigelows Film. Es ist eine nur oberflächlich einfache These. Hurt Locker geht ihr mit einer solchen Intensität nach, dass daraus ein Antikriegsplädoyer eigener Art wird. Dabei zeigt der Film kaum etwas anderes als ein Entschärfungskommando bei der Arbeit. Immer wieder die gleiche Situation: Während zwei die unmittelbare Umgebung mit gezückten Gewehren sichern, stülpt sich der dritte den Schutzanzug über und konfrontiert die Bombe. Sergeant James ist ein Meister seines Fachs. Bei der Bombe angekommen, setzt er schon mal leichtfertig den Helm ab und lässt sich Zeit. Er ist ein Adrenalinjunkie, die Gefahr ist sein Rausch. Und schnell verliert er den Sinn dafür, dass er durch sein Verhalten auch andere gefährdet.

Manche mögen es Kathryn Bigelow verübeln, dass sie ihre amerikanischen Soldaten als Helden darstellt, als taffe Jungs, die ihr Handwerk verstehen. Sie zeigt sie zwar berauscht von der eigenen Macht, aber eben nicht beim Foltern oder rassistischen Ausfällen gegen die feindliche irakische Umgebung. Andererseits bleibt der Film außen vor, man erfährt nicht viel über Sergeant James, Sergeant Sanborn und Specialist Eldridge, schon kaum die Vornamen. Es gibt keine psychologischen Einsichten, kaum familiäre Hintergründe, stets bleiben sie in Uniform. Und trotzdem wird man diesen Film nicht so schnell wieder los.

Die Sucht und ihre vielfältigen, obsessiven Formen, das war das vorherrschende Thema dieses Festivals. Am prominentesten bezeichnenderweise in allen vier amerikanischen Filmen: Neben Hurt Locker in Jonathan Demmes Familiendrama Rachel Getting Married, in dem Ann Hathaway aus der Entzugsklinik kommt, um an der Hochzeit ihrer Schwester teilzunehmen sowie in Amir Naderis Vegas: Based on a True Story, wo der Hinweis auf einen verborgenen Schatz ausreicht, um eine eben noch intakte Familie anzustoßen, ihr kleines, bescheidenes Paradies, eine Baracke plus Grundstück am Rande von Las Vegas, bis zur Selbstzerstörung umzugraben. Schatzfieber nannte man es früher, und das ist auch nur eine Variante der Spielsucht.

Süchtig nach seinem Beruf ist nicht zuletzt die Titelfigur, die Mickey Rourke in Darren Aronofskys mit dem Goldenen Löwen preisgekrönten Film The Wrestler darstellt. Der Film zeigt ihn in den ersten zehn Minuten in Aktion. 20 Jahre sind seit seinen besten Zeiten vergangen, aber noch immer stürzt er sich furchtlos von den Seitenseilen auf den Boden des Rings. Dann aber ereilt ihn der Herzinfarkt in der Garderobe. Der Arzt rät ihm zum Abschied vom Wrestling.

Der faszinierendste Teil des Films folgt unmittelbar darauf. Wie dieser Mann, der gelernt hat einzustecken, nicht unbedingt im Ring, denn Wrestling ist kein Sport, sondern eine Vorführung, aber umso mehr im Leben, wie dieser keineswegs erfolgsverwöhnte Mann also versucht, sich eine Normalität aufzubauen: einen Job an der Fleischtheke des Supermarkts, eine Liebesbeziehung mit Tänzerin, auf die er schon lange ein Auge geworfen hat, die Aussöhnung mit der erwachsenen Tochter, die er jahrelang vernachlässigt hat. Er macht das Notwendige - ohne Begeisterung, aber doch mit männlicher Entschlossenheit. Doch er schafft es nicht. Die Frau scheut die Beziehung mit ihm, die Tochter verstößt ihn, der Job ödet ihn an. Er kann nicht ohne Wrestling sein, auch wenn es sein Leben kostet.

Im wahrsten Sinne herzzereißend nannte Jurypräsident Wim Wenders diesen Auftritt. In ungeschickten Äußerungen beklagte er sich auf der Abschlussfeier darüber, dass die Jury nicht zwei Hauptpreise an denselben Film vergeben durfte. Alle wussten, was gemeint war. Statt "nur" den Goldenen Löwen für The Wrestler hätte man am liebsten Mickey Rourke noch den Schauspielerpreis zuerkannt. Der ging stattdessen an den Italiener Silvio Orlando. Mickey Rourke kam derweil mit seinem Regiesseur auf die Bühne und sein freudestrahlender Auftritt versöhnte mit einem enttäuschenden Wettbewerbsprogramm.

Vom schlechtesten Jahrgang seit zehn Jahren war die Rede. Festivaldirektor Marco Müller als Programmverantwortlicher sah sich immer wieder in die Defensive gedrängt. Es sei allgemein ein schwieriges Jahr für das Weltkino, der Drehbuchautorenstreit habe die Fertigstellung wichtiger Filme verhindert, die Rezession zwinge die Studios zur Sparsamkeit und Venedig sei als Präsentationsbühne für viele zu teuer geworden. Argumente, die die manifeste Krise nicht ausreichend erklären. Schließlich war nicht nur Hollywood am Lido spärlicher vertreten als üblich. Anlass zur echten Sorge gibt, dass gerade in Abwesenheit der oft als übermächtig beklagten Konkurrenz aus den USA die europäischen und asiatischen Beiträge nicht zu überzeugen vermochten - mit Ausnahme des Animationsmeisters Hayao Miyazaki und seiner Hans-Christian-Andersen-Adaption Ponyo at the Red Cliff By The Sea, die Besucher wie Kritik gleichermaßen verzauberte.

Statt über den besten Film zu streiten, beschäftigten sich die Festivalbesucher allerorts damit, den schlechtesten zu bestimmen: War es Nuit de chien von Werner Schroeter, eine theaterhaft inszenierte Version der Apokalypse voll unangemessener erotischer Aufladungen? Oder Inju, la bête dans l´ombre vom französischen Altmeister Barbet Schroeder, einer ähnlich gelagerten, dabei unfreiwillig komischen Krimigeschichte? Oder Milk des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoglu, von dem keiner so richtig zu sagen wusste, wovon er eigentlich handelt? Was auch für den algerischen Beitrag Gabbla von Tariq Teguia galt, der trotzdem teilweise als Meisterwerk über die großen Fragen unserer Zeit ­­, den Nord-Süd-Konflikt, Migration und Gewalt, gehandelt wurde.

Über das Zurschaustellen von guten Absichten kam die deutsch-französisch-äthiopische Koproduktion Teza kaum hinaus, wurde aber prompt fürs beste Drehbuch und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Der Film von Haile Gerima erzählt drei Jahrzehnte äthiopischer Geschichte anhand des schweren Schicksals von Anberber, der in den siebziger Jahren sein Land verlässt, um in Deutschland Medizin zu studieren. Hoffnungsfroh kehrt er nach der sozialistischen Revolution in seine Heimat zurück und muss erleben, wie das Regime zur Terrorherrschaft kippt. Sein erneutes Exil in Ostberlin endet 1990 mit einem Überfall durch Neonazis, die ihn lebensgefährlich verletzen. Als Krüppel kommt er schließlich in sein Heimatdorf zurück, wo er bei der alten Mutter trotz des andauernden Bürgerkriegs seinen Frieden als Dorflehrer findet. Als Film gegen Rassismus muss Teza wirkungslos bleiben, weil er seine Botschaft durch die kunstlose Naivität des Erzählens jeder Schärfe beraubt.

Wo Teza formell zu unambitioniert daherkam, verfiel Papiersoldat - ausgezeichnet mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie des russischen Regisseurs Aleksei German jr. ins Gegenteil. Der Film, der in den Wochen vor dem ersten bemannten Raumflug in der Umgebung der sowjetischen Kosmonauten spielt, lässt dem Zuschauer kaum eine Möglichkeit, sich für die Figuren zu erwärmen. Mit seinen langen, bestens durchkomponierten und exzellent fotografierten Sequenzen blieb er ob formaler Strenge nur an der Oberfläche eines eigentlich interessanten Themas: der Darstellung jenes raren Moments der sowjetischen Geschichte, als nach Stalinismus und vor breschnewscher Stagnation eine bessere Zukunft tatsächlich möglich schien.

Angesichts so vieler Enttäuschungen war die erfreulichste Überraschung des Festivals, dass die Jury für den besten Erstling sich traute, einen 59-jährigen Regieanfänger auszuzeichnen. Gianni de Gregorios Pranzo di Ferragosto hatte zuvor die Herzen der Zuschauer am Lido im Sturm erobert. In dem Film muss ein 60-jähriger Sohn, vom Regisseur selbst gespielt, einen Feiertag lang vier Frauen um die 90 bei sich in der Wohnung betreuen. Die Alten verstehen sich zunächst nicht besonders gut, die Damen sind kapriziös. Es braucht ein wenig Zeit, aber über Handlesen, Fernsehen und vor allem Essen wachsen sie zu einer wunderbaren Gemeinschaft zusammen - ein fröhlicher und gleichzeitig melancholischer Film, voll sanfter Ironie, aber ohne Übertreibungen. Die vier alten Frauen sind auf entwaffnend direkte und vollkommen uneitle Weise großartige Darstellerinnen. Ein Film, der lange nachwirkt, fast könnte man sagen: ein Film, der süchtig macht.

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