John Wayne kann jetzt gehen

Film Wahre Männer trennen keinen Müll und kaufen keine Biomilch: Ein archaisches Rollenbild nervt im Kino noch heute
John Wayne kann jetzt gehen

Montage: der Freitag; Material: iStock, Imago

Die Frage, ob die Welt noch zu retten ist, kann man auf eine andere herunterbrechen: Ist es vorstellbar, dass John Wayne seinen Müll trennt? Damit meine ich natürlich nicht die biografische Person, jenen als Marion Robert Morrison 1907 in Iowa geborenen und 1979 in Los Angeles verstorbenen Spätzünder, Schauspieler und Reaktionär mit manchmal zweifelhaften Ansichten. Nein, ich meine die „Screen Persona“, das, was vor unser aller Augen steht, wenn man den Namen „John Wayne“ hört. Wobei jedes In-Worte-Fassen das Bild zerstört: da ist die Selbstsicherheit, das „Ich bin ein Fels in der Brandung“-Charisma, eine gewisse Bereitschaft zu Humor und Verhandlung, aber auch viel untergründige Drohung: Im nächsten Moment zieht er seinen Colt. Die mangelnde Schönheit von Figur und Antlitz unterstreicht es noch: John Wayne ist ein Männlichkeitsideal, der seine große Vorbildkraft daraus schöpft, dass er eben kein „Ideal“ ist.

Sich John Wayne, also eine John-Wayne-Figur dabei vorzustellen, wie sie danach fragt, wo der Eimer für den Biomüll steht und in welche Tonne das benutzte Papiertaschentuch gehört, kommt einer Zerstörung dieser Figur gleich. John Wayne würde nie fragen, sondern einfach in die Tonne hauen. Mülltrennen, das ist doch irgendwie weibisch.

Der domestizierte Mann

Einerseits ist es so offensichtlich, dass es auszusprechen zur Banalität wird: Die Öko-Bewegung ist schon in ihren mit der Friedensbewegung korrelierenden Anfangszeiten mit mehr Regeln und Geboten als mit Freiheiten verbunden. Und die betreffen dazu noch vor allem den Haushalt und die eigene Lebensführung und sind damit irgendwie „weiblich“ konnotiert.

Roberto Saviano las in einer legendären Fernsehsendung einmal eine Liste der Dinge vor, die in seiner Heimat, dem kampanischen Caserta, als schwul gelten. Neben Schuhen mit Fransen, Sonnencreme – ein echter italienische Mann verbrennt sich lieber die Haut! –, Fieberzäpfchen, Fahrradfahren, Rucksacktragen, Vollkornbrot und Trinkjoghurt gehörten dazu: alles, was „bio“ ist. Es gibt sie auch hierzulande: Männer, die sich beim Kauf von Biomilch lieber nicht beobachten lassen.

Man kann es auch anders sagen: Das ökologisch-korrekte Leben geht mit einem hohen Grad an Zivilisiertheit, mit Rücksichtnahme auf andere und Beherrschung eigener Impulse einher, mithin mit dem, was man Domestizierung nennt – die bekanntlich besonders der klassischen Männlichkeit zusetzt, jenem „inneren John Wayne“, der sich eben lieber selbst die Gesetze aussucht, denen er gehorcht. Dieser innere John Wayne – den im Übrigen auch Frauen für sich beanspruchen können, man denke etwa an Frances McDormand in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri – steht für einen Individualismus, der sich nicht gerne auf die Finger klopfen lässt, weder am Stammtisch, wo „gewaltfreie Sprache“ gefordert wird, noch im Supermarkt, wo man sich bestimmte Produkte aussuchen soll, selbst wenn andere billiger sind.

Die Zurechtweis-Kultur hat sich ja sogar längst im eigenen Auto eingenistet, wo piepend dazu aufgefordert wird, gefälligst den Gurt anzulegen. Modernere Autos gehen noch weiter und weisen aufs zu schnelle Fahren oder gar zu hohen Spritverbrauch hin. Die Attraktivität der SUVs hat auch damit zu tun: Obwohl auch hier das Lämpchen blinkt und piept, wenn jemand sich nicht anschnallt, demonstriert die wuchtige Größe dieser Autos eine gewisse Kriegsbereitschaft in Jeepform, eine Art Ersatz-Machotum und steht so für ein bisschen bewusst gelebten Regelverstoß und Wildheit, für den inneren John Wayne. „Never apologize, it’s a sign of weakness“, ist nicht umsonst eines von Waynes am häufigsten missverstandenen Zitaten.

Das Kino hat einen fatalen Hang zu John-Wayne-Figuren. Während solche, die sich entschuldigen, Rücksicht auf andere und den Planeten nehmen, schnell als überdomestiziert lächerlich gemacht werden. Der ökologisch bewusst lebende Mann hat es schwer in der kollektiven Fantasie und auf der Leinwand. Bezeichnenderweise finden sich andere, „neue“, Männertypen eher in Serien, dem mit seiner Tradition von „Soaps“ vielleicht sowieso weiblicheren Medium. Big Little Lies zum Beispiel hat im Fokus fünf starke Heldinnen, während sich die Männer in der Serie in seltener Eindeutigkeit aufs Nebenfigurendasein reduziert finden. Das gilt sogar für den Antagonisten, den von Alexander Skarsgård gespielten Prügelgatten Perry. Viel interessanter als Skarsgårds Paradebeispiel von toxischer Männlichkeit ist jedoch eine andere der Nebenfiguren: der von Adam Scott verkörperte Ed, zweiter Ehemann der im Zentrum aller Intrigen stehenden Madeline (Reese Witherspoon).

Toben, Wüten, Trinken

Schon in der ersten Staffel formt Ed noch mit Madelines Ex, dem über-relaxten Nathan (James Tupper), ein überraschend differenziertes Gegensatzpaar. Ed, durchaus auch mal mit Fahrradhelm und Rucksack unterwegs, ist eben nicht der bravere, sich der temperamentvollen Madeline leichter unterordnende, domestizierte Mann. Als solchen möchte ihn Nathan, das athletischere, „wildere“ Mannsbild, zwar gerne dastehen lassen. Aber Nathans Versuche, Ed in irgendeine Art körperliches Kampfmessen zu bringen und ihn auf diese Weise als „schwach“ hinzustellen, prallen an Ed ab. Immer wieder beharrt Ed darauf, dass auch das männlich ist: seine erfolgreiche Frau respektieren, der Tochter und der Stieftochter gegenüber ein zugewandter, aufmerksamer Vater sein, ein sozial und ökologisch verträgliches Leben führen, Konflikte mit Argumenten statt mit Fäusten auszutragen. Das Problem war: Er erschien als fast zu idealer Gatte, um wirklich anziehend zu wirken.

Mit der zweiten Staffel aber bekommt seine vorbildhafte neue Männlichkeit Risse – eine der spannenden Fragen bleibt, ob Ed sich doch noch irgendwann auf eine Prügelei mit Nathan einlassen wird –, und eigentümlicherweise machen ihn die Risse dann richtig interessant. Als er erfahren muss, dass seine Frau ihn betrogen hat, reagiert Ed nämlich erneut nicht nach dem heteronormativen Stereotyp: Statt sich den Rivalen vorzuknöpfen und den Konflikt mit Trinken, Herumwüten oder sonstigem Männertoben auszuagieren, wird er einfach kleinlich und nachtragend. Er zieht sich zurück und nervt seine Umgebung mit präzis platzierten, beißenden Bemerkungen statt mit wütendem Auf-den-Tisch-Hauen oder Über-die-Stränge-Schlagen. Herkömmlich gedacht würde man sein Benehmen eher als das einer weiblichen Heldin beschreiben. Aber Adam Scott als Ed führt zugleich vor, wie primitiv solche Assoziationen sind. Und letztlich auch wie wenig zwingend die Zuschreibungen dessen funktionieren, was als männliches und was als weibliches Verhalten gilt.

Im Weiteren passiert etwas sehr Spannendes: Der in seinem Gekränktsein unfreundliche, unangenehme, in seinen Urteilen strenge und immer noch auf den Prinzipien der guten Lebensführung beharrende Ed bekommt mehr und mehr Sex-Appeal. Zu beschreiben, woran das liegt, ist gar nicht so einfach. Ein Teil davon mag die Ehrlichkeit ausmachen, mit der Ed auf seinem Gekränktsein beharrt. Er ist alles andere als ein Poseur.

Und genau das, so wird in den Rissen seines gekränkten Verhaltens sichtbar, gilt eben auch für seine „ideale“ Seite, das vorbildlich Ökologische, das Domestizierte: Es ist ihm ein echtes Bedürfnis. Adam Scott in seiner Rolle als Ed Mackenzie muss nicht so tun, als ob ihm die Umwelt wichtig sei, sie ist es. Und deshalb widerspricht es auch nicht seiner Männlichkeit, sich an gewisse Regeln zu halten. Ein Satz wie „never apologize, it’s a sign of weakness“ käme ihm schlicht sinnlos vor. Ed verleiht der domestizierten Männlichkeit Würde und Ansehen. Er ist kein John Wayne. Neben ihm sieht der Cowboy von damals ganz schön alt aus.

06:00 04.01.2020
Geschrieben von

Ausgabe 14/2020

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