Kein Bedarf?

KOMMENTAR Die Mediathek ist vorerst gescheitert

Es war so eine schöne Idee, die Mediathek in Berlin. In der Grundkonzeption altmodisch-demokratisch: die Rundfunkarchive einer öffentlichen Benutzung zugänglich zu machen. In der Planung umstritten: sollte sie eher bescheiden »Vernetzungs- und Dienstleistungsaufgaben« übernehmen oder poppig mit interaktiven, multimedialen Screen Shows von sich reden machen. Im Filmhaus am Potsdamer Platz, der wiedererstandenen wahren Mitte der einst geteilten Stadt, sollte sie untergebracht werden. Alles in allem also beste Voraussetzungen für die längst fällige Musealisierung der beliebtesten Medien unserer Zeit, des Hörfunks und des Fernsehens. Allein: der Wille zur Realisierung scheint zu schwach. Letzte Woche, das Filmmuseum Berlin war gerade vielbeachtet eröffnet worden, verlautete aus dem Senat, man wolle gegenwärtig auf die Mediathek verzichten, die angemieteten Quadratmeter im Sonyhaus würden der Kinemathek zugeschlagen, die sich dafür ein bisschen um den Rundfunk mitkümmern soll. Dies sei kein endgültiges Aus für die Mediathek, sondern lediglich eine Unterbrechung. Daran zu glauben, fällt schwer.

Finanzielle Zusagen hatte es von allen beteiligten Seiten (dem Vivendi-Konzern, den öffentlich-rechtlichen wie den privaten Sendern) gegeben. Über das Modell der Trägerschaft konnte jedoch keine Einigkeit erzielt werden: Die ARD sah sich nicht in der Lage, »unternehmerische Verantwortung« für das Projekt zu übernehmen. Worin ein weiteres Mal zu Tage tritt, dass sie zwar inzwischen wirtschaften will wie die Privaten, aber gegenüber jenen erhebliche Defizite in der Selbstdarstellung aufweist. Die ARD scheint Angst zu haben, dass sie etwas verliert, wenn sie ihr Archiv als Museum allen Interessierten öffnet. Wo doch eigentlich nur das Gegenteil vorstellbar ist, nämlich ein Popularisierungsschub gerade für die Öffentlich-Rechtlichen, die für den allergrößten Teil unserer Fernseh- und Radioerinnerungen stehen.

Die Sender würden sich ja bereits durch historisch aufbereitete Wiederholungen um ihre 50-jährige Geschichte bemühen, und außerdem hätten die Zuschauer dank Videogeräte die Möglichkeit, ihr eigenes Archiv anzulegen - der gesamtgesellschaftliche Bedarf an einer Mediathek sei nicht genügend vorhanden oder nicht laut genug formuliert, hieß es im Umfeld der Diskussionen. In der Tat ist das Sprechen über prägende Fernseherfahrungen meist eine private Angelegenheit. Aber genau darin lag die Attraktion des Projekts Mediathek: Endlich den ureigenen privaten Erfahrungen mit dem Medium nachgehen zu können. Für die von Kindesbeinen mit TV aufgewachsene Generation mochte darin sogar eine therapeutische Verheißung liegen: frühere Eindrücke zu demystifizieren oder auch neu zu mythologisieren. Die Sehnsucht nach einem solchen Ort kann nur größer werden.

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Geschrieben von

Barbara Schweizerhof

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Film“ (Freie Mitarbeiterin)

Barbara Schweizerhof studierte Slawistik, osteuropäische Geschichte und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeite nach dem Studium als freie Autorin zum Thema Film und Osteuropa. Von 2000-2007 war sie Kulturredakteurin des Freitag, wechselte im Anschluss zur Monatszeitschrift epd Film und verantwortet seit 2018 erneut die Film- und Streamingseiten im Freitag.

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