Lemminge und andere Lügen

Film Naturdokus wollen mit Drama und Show unterhalten – und nehmen es mit der Wahrheit nicht immer ganz genau
Lemminge und andere Lügen

Illustration: Imago Images, Hulton Archive/Getty Images

Man kennt das Motiv mit den Lemmingen und ihrem Hang zum Selbstmord. Viele wissen, dass es sich dabei um eine urbane Legende handelt und dass an dem Bild von den kleinen Nagern, die sich über eine Klippe ins Meer stürzen, irgendwas nicht stimmt. Was die meisten nicht daran hindert, das Bild trotzdem als Metapher zu benutzen für Dinge wie Massenhysterie oder die Unwilligkeit, angesichts der drohenden Klimakatastrophe weniger Urlaubsflüge zu buchen. Dass die Metapher auf eine Naturdokumentation zurückgeht, ist dagegen weniger bekannt. Und noch weniger bekannt ist, dass die berühmte Stelle mit den Lemmingen eine reine Inszenierung war.

Bei der Naturdoku, damals noch „Tierfilm“ genannt, handelt es sich um die Disney-Produktion Die weiße Wildnis aus dem Jahr 1958. In Kanada gedreht, zeigt der Film Aufnahmen aus dem arktischen Tierleben. Er erhielt im April 1959 den Oscar als bester Dokumentarfilm und wurde wenige Monate später mit einem Goldenen Bären der damals noch im Sommer stattfindenden Berlinale ausgezeichnet.

Die Szene mit den Lemmingen ist dramatisch: Da rotten sich die Nagetiere zu einer Massenmigration zusammen und formen einen Strom, der sich zum Meer hin bewegt, während die Erzählerstimme dazu etwas von „Obsession“ faselt. Der Abgrund kommt ins Bild. „Das ist ihre letzte Chance, umzukehren!“, beschwört die Stimme. Aber schon werfen sie sich in die See – die letzte Einstellung zeigt ein Meer voll ertrinkender Lemminge. Es wundert nicht, dass diese Szene solch nachhaltige Spuren im kollektiven Gedächtnis zurückgelassen hat.

Nichts daran ist wahr. Heraus kam das erst in den 80er Jahren, als sich ein kanadischer Fernsehsender die Mühe machte, die näheren Umstände des Lemming-Drehs zu erforschen. Nicht nur, dass die unterstellten „Motive“ der Tiere reine Fantasie waren (Lemminge verüben keinen Massenselbstmord), ihre Bewegungen durch im Schnee verborgene Drehteller verfälscht wurden und die Szene statt am Meer an einem Fluss gedreht wurde – die Lemminge selbst gehörten gar nicht in die Gegend, in der die Aufnahmen entstanden, sondern waren „Importware“.

Die Geschichte der Naturdokus ist zugleich die Geschichte ihrer Fälschungen. Willkürlich könnte man den Anfangspunkt bei William Flahertys Nanuk, der Eskimo von 1922 setzen, dem wohl ersten abendfüllenden Dokumentarfilm, der breite Popularität erlangte. Soll man damit beginnen, dass Nanuk gar nicht Nanuk hieß, sondern Allakariallak? Das Pseudonym könnte man als Vermittlungsstrategie vielleicht noch durchgehen lassen, genau wie die Tatsache, dass die Innenaufnahmen aus dem Iglu nicht am Originalschauplatz entstanden – dort war es zu dunkel –, sondern an einem nachgebauten Set, wo eine Iglu-Wand weggelassen wurde, damit man bei Tageslicht filmen konnte, wie die Familie zu Bett geht. Weniger verzeihlich erscheint die Tatsache, dass Flaherty die Inuit willentlich als „primitiv“ und „zurückgeblieben“ darstellt. Obwohl sie zum Beispiel das Jagen auf Walrosse schon länger aufgegeben hatten, wollte Flaherty partout dokumentieren, wie sie ein Walross harpunierten und an Land zogen. Es heißt, die Inuit hätten ihn abseits der Kamera darum gebeten, das arme Tier erschießen zu dürfen. Eine weitere gescriptete Szene zeigt Allakariallak alias Nanuk, wie er mit der Modernitätserrungenschaft Grammofon nichts anzufangen weiß und in eine Schallplatte hineinbeißt.

Solche Peinlichkeiten vermeidet die moderne Naturdoku schon allein dadurch, dass sie den Menschen und sein Verhalten immer konsequenter ausschließt aus ihren Aufnahmen. Die großen BBC-Doku-Reihen The Blue Planet (Unser blauer Planet) und Planet Earth 1 und 2 (Unsere Erde) mit ihren zahlreichen Auskopplungen sowie die vom selben Team produzierte Our-Planet-Reihe (Unser Planet) jüngst auf Netflix haben das Genre in den letzten zwanzig Jahren extrem popularisiert. Sie bemühen sich außerdem um größtmögliche Offenheit darüber, wie all die spektakulären Aufnahmen aus dem Meer, der Wüste oder der Luft zustande kommen. In eigenen Making-off-Features gibt man zu, dass manche Sequenz aus Takes verschiedener Jahre zusammengesetzt wurde – trübes Wasser machte eine bestimmte Szene mit den Walen beim Krill-Essen in einem Jahr unbrauchbar – oder dass die frisch geborenen Eisbärchen statt in der Arktis in Wahrheit in einem dänischen Tierpark gefilmt wurden. Solche Dinge sind Standardprozedur, genau wie die Praxis, für manche besinnliche Nahaufnahme eines Löwen, Tigers oder Zebras ebenfalls „in Gefangenheit“ befindliche Tiere heranzuziehen.

Ehrfürchtiges Staunen

Als Zuschauer nimmt man diese „Fälschungen“ willentlich in Kauf, weil alles drum herum so spektakulär anzuschauen ist. Vom Spannungsfeld zwischen dem Ideal des Dokumentarischen und der gescripteten Inszenierung geht schließlich ein besonderer Reiz aus. Man weiß, dass jede Kamera, so gut sie sich heute ferngesteuert auch tarnen kann, die Wirklichkeit schon verändert. Andererseits rechnet man mit einem gewissen Maß an dramatischer Zuspitzung durch den Bildschnitt, die Hintergrundmusik und den Kommentar. Am eindrücklichsten, am überzeugendsten sind immer genau die Aufnahmen, deren Zustandekommen man kaum glauben will.

Wo andere Naturdokus schon mal in den Verdacht geraten, etwa durch Aushungern die gefilmten Wildtiere absichtlich wild zu machen, lösen die genannten BBC-Produktionen regelmäßig ehrfürchtiges Staunen aus. Sie sind reich ausgestattet, sowohl was die technischen Mittel als auch die großzügig bemessene Produktionszeit angeht: Dass man Orkas bei der Umzingelung eines armen kleinen Pinguins aus der Luft filmen kann, ist schließlich ein Glücksfall, der nur eintritt, wenn man davor viel Zeit und Geduld investiert. So viel einfacher ist das Filmen durch die neuen Techniken mit Drohnen, ferngesteuerten und automatisierten Kameras auch gar nicht geworden. Die Erleichterungen der Technik bringen erstens neue Ansprüche und zweitens neue Fehlerquellen. Und was, wenn die Drohne ins Meer crasht?

Das Attenborough-Timbre

Zu den BBC-Dokus gehört im Original die Stimme des mittlerweile 94-jährigen David Attenborough, dessen besorgtes Timbre den neueren Ausgaben die angemessene Dringlichkeit verleiht. Schließlich herrscht in der Natur durch Klimawandel mehr und mehr Not und Krise. „Die meisten Robbenjagden scheitern“, informiert Attenborough, während die Kamera einem abgemagerten Eisbären folgt, der sich einer nichts ahnenden Robbe nähert. Dann der Angriff: Die Robbe versucht ins Wasser zu flüchten, der Bär ihr nach – als „Sieger“ taucht Letzterer aus dem Wasser auf. Obwohl uns die Robbe leidtut, sind wir auch mit Sir David erleichtert darüber, dass „der Blubber der Robbe gut 100.000 Kalorien enthält“.

Berühmter als die Stimme Attenboroughs ist im Naturfilmsegment nur noch die von Werner Herzog. Sein Grizzly Man (2005) ist eine der eindrucksvollsten Naturdokus überhaupt: Herzog setzt sich in seinem Film mit dem Material seines Protagonisten, des Grizzly-Bären-Enthusiasten Timothy Treadwell, auseinander. Treadwell suchte in Alaska die Nähe der Grizzlys und wähnte sich mit ihnen „befreundet“ – bis er einem von ihnen zum Opfer fiel. In seinem Kommentar spricht Herzog davon, dass er in den Gesichtern der Bären, anders als Treadwell, „weder Verwandtschaft noch Verständnis noch Erbarmen“ sehen könne. Nur einer wie Herzog kann auf die Idee kommen, sich nach dem Wahnsinn unter Pinguinen zu erkundigen. „Nicht in dem Sinne, dass einer denkt, er sei Napoleon, aber dreht nicht mal einer durch, weil er genug hat von der Kolonie?“, fragt er in Encounters at the End of the World (2007) einen Zoologen. Der ist skeptisch, gibt aber zu, dass Pinguine manchmal die Orientierung zu verlieren scheinen. Und Herzog beobachtet daraufhin einen, der statt seinen Genossen in die Kolonie oder ans Meer zu folgen, die Richtung wechselt und landeinwärts läuft, „dem sicheren Tod entgegen“.

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06:00 28.12.2020
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Ausgabe 38/2021

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