Moore & more

Film „Fahrenheit 11/9“ watscht Donald Trump ab, „Der Spitzenkandidat“ rekonstruiert eine Hoffnung von gestern

Es wurden Fehler gemacht.“ Der kleine Satz hat es in sich. Er ist zu einer Schlüsselformulierung der Gegenwart geworden: ein pflichtschuldiges Eingeständnis, das vermeidet, Verantwortliche zu benennen, und besagte Fehler abgehakt sehen möchte. Jemanden wie den politischen Dokumentarfilmer Michael Moore haben die Fehler dagegen immer besonders interessiert, genauso wie die Fragen, die der Satz bewusst verschleiert: wer sie begangen hat, und ob es überhaupt Fehler waren. Moores neuer Film Fahrenheit 11/9 widmet sich den Fehlern, die dazu geführt haben, dass Donald Trump am 9. November 2016 als Sieger aus der Präsidentschaftswahl hervorging. Er findet – das wird niemanden überraschen – reichlich Material.

Im Medienzirkus der 90er

Man ist geneigt, die filmische Fehleranalyse für ein Privileg des Dokumentarfilms zu halten, aber zeitgleich mit Fahrenheit 11/9 kommt ein Film bei uns ins Kino, der Selbiges als Spielfilm versucht. Jason Reitmans Der Spitzenkandidat ist kein Biopic des Politikers Gary Hart, der 1988 als heißer Anwärter auf die demokratische Präsidentschaftskandidatenschaft galt, sondern eine retrospektive Analyse dessen, was sich in den drei Wochen abspielte, die zu seinem Rückzug aus den Primaries führten. Er wurde als Favorit gehandelt, um nach acht Jahren Reagan und die Republikaner an der Macht abzulösen. Dann wurde ihm ein Verhältnis mit einer jungen Frau nachgesagt. Es tauchten Bilder auf, die ihn mit besagtem Mädchen auf dem Schoß an einer Yacht-Anlegestelle zeigten. Er trug ein Crew-T-Shirt mit der Aufschrift „Monkey Business“. Fehler wurden gemacht. Und „Kontrafaktualisten“ lieben es, sie im historischen Ablauf zu vergrößern: Wenn Hart damals Bush Sr. geschlagen hätte, hätte es auch keinen Bush Jr. gegeben, keinen Irak-Krieg, keine Finanzkrise, keinen Trump …

Doch auch wenn man die zweifelhafte Frage der Folgen weglässt, trifft Jason Reitmans Film auf seine Weise ins Schwarze der Themen, die heute die Gesellschaft umtreiben. Es war der erste Sexskandal, über den ein Politiker stolperte. Auch wenn Reitmans Intentionen andere sein mögen – in Interviews bestätigte er, dass er Hart für eine verpasste Chance hält –, sein Film rekonstruiert so detailversessen und trocken, dass er auch andere Dinge und Bezüge zu heute sichtbar macht. Das Drehbuch legt es darauf an, Hart (von Hugh Jackman mit passend nervtötender Aufrichtigkeit gespielt) als großartigen Kandidaten herauszustellen, der Gorbatschow zur Inauguration einladen wollte und vorausschauend ökologische Kritik an der Öl-Wirtschaft übte. Genauso sympathisch soll sein Beharren darauf wirken, dass Privatleben eben privat sei. Aber gleichzeitig inszeniert der Film auch die Reaktionen sowohl der Mitarbeiter von Hart als auch der Pressevertreter – und die sprechen eine andere Sprache. Ist das Private nicht doch immer auch politisch, scheinen sich vor allem die Jüngeren zu fragen. Als Zuschauer von heute neigt man zur Ansicht, dass ein verheirateter Politiker über 50 auch „ganz privat“ nicht mit 20-Jährigen herumschmusen sollte, nicht aus puritanischen Gründen, sondern wegen des Machtgefälles.

Das ist das Schöne am Spitzenkandidaten: Der Film lässt einen so etwas denken. Die historische Rekonstruktion, auch wenn sie vielleicht ein weiteres Mal den „War Room“, den typisch amerikanischen Kandidaten-Unterstützungsapparat, in seinem unendlichen Arbeitseifer und Witz glorifiziert, erlaubt die Betrachtung der damaligen Ereignisse nach vielen Seiten hin. Darstellung und Auslegung können durchaus divergieren. Solche Freiheiten bei der Rezeption gibt es bei Moore und Fahrenheit 11/9 nicht. Es war noch nie Moores Stil, die Argumente zu zitieren oder gar ernst zu nehmen, die seinen eigenen widersprechen. Vieles in Fahrenheit 11/9 wirkt so, als wolle sich Moore dezidiert jenen Populismus zurückholen, den Trump zu seiner Marke gemacht hat.

Stets schwergewichtig nach vorn gebeugt, sichtlich gealtert, aber immer noch charakteristisch mit Baseballcap und Brille, zieht Moore also los, um zu ergründen, wie es zur Katastrophe von „11/9“ kommen konnte. Die erste halbe Stunde ist regelrecht elektrisierend: Archivaufnahmen von kurz vor der Wahl, in denen immer wieder betont wird, dass Trump keine Chance habe, lösen Phantomschmerz aus. Die Szenen mit begeisterten Hillary-Fans, die vor Rührung darüber weinen, vermeintlich die erste weibliche Präsidentin der USA gewählt zu haben, tun regelrecht weh. Die interessanteste Sequenz aber kommt danach, als Moore zurückschaut auf gemeinsame Auftritte mit Trump im Medienzirkus der 90er Jahre. Da sitzt er mit „Donald“ bei Roseanne und scherzt über das Schuldenmachen. Trump will Moores Film Roger & Me gesehen haben, und äußert sich lobend. Er sei natürlich froh, nicht an Rogers Stelle zu sein, haha!

Darin liegt ein faszinierender Anknüpfungspunkt. Vor genau 30 Jahren machte Moore in seinem Erstlingsfilm Roger Smith, den damaligen CEO von General Motors, dafür verantwortlich, durch Schließung der Autowerke in Moores Heimatstadt Flint deren Verfall herbeigeführt zu haben. Ein Verfall, der 27 Jahre später jenen Trump-Wähler generieren sollte, den die Reporter dieser Welt seither in allen Artikeln zitieren. Doch statt diesen Überschneidungen nachzugehen, sucht Moore als Bernie-Sanders-Unterstützer die Fehler lieber vor allem bei den Demokraten und bietet damit leider wenig Neues.

Info

Der Spitzenkandidat Jason Reitman USA 2018, 113 Minuten

Fahrenheit 11/9 Michael Moore USA 2018, 128 Minuten

06:00 21.01.2019
Geschrieben von
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare