Mythen

EINHEIT Im Gedenken an die Ereignisse vor zehn Jahren wird das östliche Europa zunehmend ausgeblendet

Die Tage der Erinnerungsarbeit waren gerade vorbei, als die Ereignisse in Belgrad aufs Neue vergegenwärtigten, was hier eigentlich erinnert wird: Die Folgen des Sturzes eines Regimes durch die Macht der Strasse. Noch lässt sich über die Entwicklung in Belgrad nichts abschließendes sagen, und doch sieht auch hier alles danach aus, als sei das Erstaunlichste an diesem Umsturz die Tatsache seiner verhältnismäßigen Friedlichkeit.

Das Bemühen, den Begriff der »Wende« durch den der »friedlichen Revolution« zu ersetzen, war denn auch bei diesen Einheitsfeiern wieder verstärkt erkennbar. Wenig verwunderlich, dass es von Leuten kommt, die die Ereignisse vor elf Jahren aktiv erlebt haben, während die »Wende« tatsächlich mehr eine Zuschauerposition bezeichnet. Aber auch für den Großteil der bloßen Zuschauer gilt, dass die Deutschen mit dem 3. Oktober einen nationalen Feiertag begehen, der mit lebendigen, eigenem Erleben verbunden ist und daher ein ständiges Geschichtenerzählen hervorruft im Tenor von »Ich war gerade auf dem Weg nach Hause, als...«

Im Schnelldurchlauf kann man am Beispiel Belgrads gerade erleben, wie aus solchen Geschehnissen mythische Erzählungen werden: ein Bagger an der Spitze des Konvois aus der Provinz und davor noch ein kleines Mädchen sollen den Sturm auf das Parlament eingeleitet haben. So verdichtet sich im Mythos das vereinzelt Erzählte und nimmt Form an. Und nach zehn Jahren Einheit erkennen hierzulande manche in der Form der Einheitserzählung ihre eigene Geschichte nicht wieder.

Vor, wie es nun scheint, ewigen Zeiten inszenierte das Pariser Théatre du Soleil unter Ariane Mnouchkine ein später auch verfilmtes Stück mit dem Titel 1789. Eine Szene ist mir daraus vor allem noch in Erinnerung: die Schauspieler, verkleidet als einfache französische Marktfrauen, Soldaten und ähnliches gehen unter das Volk, also die Zuschauer und erzählen den kleinen Gruppen um sich herum vom Sturm auf die Bastille, als seien sie dabeigewesen: »Wir waren gerade auf dem Markt, als...«. Was bei Mnouchkine ein Kunstgriff war, um ein Ereignis, das damals 182 Jahre zurücklag, für den Theaterbesucher wieder neu sichtbar zu machen, scheint für uns elf Jahre nach den Ereignissen noch üppig verfügbar. Doch der Prozess der Kanonisierung nimmt immer bestimmtere Züge an.

So geschehen im ZDF-Deutschlandspiel. Das sogenannte Dokudrama setzte zwar noch bei den direkten Erzählungen der Dabeigewesenen an, verwob diese aber dann mit nachgestellten Szenen und originalem Material von damals zur Suggestion eines Thrillers, der seine Spannung ganz aus der relativen Undurchsichtigkeit des Handels diverser alter Männer bezog. Dass alles auch ganz anders und vor allem gar nicht so friedlich hätte kommen können, war die lauernde Drohung hinter dem Gezeigten. Ob man wollte oder nicht, war das spannend zu verfolgen, bereitete es Vergnügen, Vergessenes in Erinnerung gebracht zu sehen und dazwischen die Lieblingsszenen der neueren Geschichte zu entdecken. Sorgsam wurde der Eindruck des Überzeichnens vermieden, so dass manch reale Person mehr noch als Karikatur ihrer selbst erschien, als der sie verkörpernde Schauspieler.

Und doch wurde mit der Wahl des Genres Dokudrama hier eine Chance verspielt, die man gerade angesichts des überreichen Zeugenmaterials gehabt hätte: nämlich sich nicht für eine Version zu entscheiden, sondern die Vielfalt der Zeitzeugenaussagen und ihre kleinen und größeren Abweichungen gerade auf der Ebene der damaligen Entscheidungsträger aufzuzeigen.

Das größte Versäumnis, nicht nur des Deutschlandspiels, sondern des ganzen kanonischen Erinnerns an den Prozess der Wiedervereinigung ist jedoch die weitgehende Ausblendung der Ereignisse in den übrigen Ländern Osteuropas. Dass der Mauerfall ein Glied in einer Ereigniskette war, die ihren Anfang gerade nicht in der DDR nahm, gerät zunehmend in Vergessenheit. Im Dokuthriller Deutschlandspiel wurden vielleicht zu Recht die Verhandlungen über die zukünftige Bündniszugehörigkeit des wiedervereinigten Deutschlands als finales Tauziehen auf Messers Schneide inszeniert. Sehr seltsam mutet aber dabei an, dass die entscheidenden Veränderungen innerhalb des Warschauer Pakts mit keiner Silbe erwähnt wurden.

Mit dem Freitag durchs Jahr!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Geschrieben von

Barbara Schweizerhof

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Film“ (Freie Mitarbeiterin)

Barbara Schweizerhof studierte Slawistik, osteuropäische Geschichte und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeite nach dem Studium als freie Autorin zum Thema Film und Osteuropa. Von 2000-2007 war sie Kulturredakteurin des Freitag, wechselte im Anschluss zur Monatszeitschrift epd Film und verantwortet seit 2018 erneut die Film- und Streamingseiten im Freitag.

Avatar

Wissen, wie sich die Welt verändert. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt sichern

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt sichern

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden