Nachruf

Paul Newman (1925 - 2008)

Keiner wurde so geliebt, mehr noch: verehrt wie Paul Newman. So lassen sich die Nachrufe zusammenfassen, die auf den Tod des 83-Jährigen folgten. Ohne Zweifel gehörte Paul Newman zu den "ganz Großen". Interessant wird dieses Urteil aber erst mit Blick auf seine Filmografie. Aus der nämlich ist die Größe Newmans gar nicht ersichtlich. Es ist schwer genug, Filme zu finden, die man heute noch kennt; noch schwerer ist es, die herauszulesen, die heute noch etwas bedeuten. Das macht Paul Newman nicht kleiner, es macht ihn eher noch größer.

An zwei anderen Stars wird Newman zumeist gemessen. An James Dean, der ihn ausgestochen hat beim Casting zu Jenseits von Eden. Was lange ein "Branchengeheimnis" war, hat das Internet ans Licht gebracht: Dort kursiert ein "Screentest", auf dem sie nebeneinander stehen, der hochgewachsene, erwachsene Newman, damals fast schon 30, und der kleinere 24-jährige, sehr jungenhafte James Dean. Letzterer ist reine Verführung, ein Irrlicht des Sex Appeal. Newman daneben wirkt scheu, fast ein wenig steif. Man sieht, warum ihm Dean vorgezogen wurde. Man sieht aber auch, das Newman eine Qualität besaß, die nicht sofort ins Auge sticht, dafür aber lange vorhalten sollte: eine altmodische, unambivalente Art von Männlichkeit.

Die zweite Vergleichsgröße, die in keinem Nachruf auf Newman fehlt, ist Marlon Brando. Auch gegen ihn hat Newman angeblich ein legendäres Rollenduell verloren; allerdings gibt es auch Quellen, die erzählen, er sei nur deshalb für die Rolle in Die Faust im Nacken getestet worden, um Brandos Gier darauf zu vergrößern. Soll man es Ironie der Geschichte nennen? In der Retrospektive jedenfalls könnte Newman gegen Brando kaum besser dastehen: Wo letzterer zum Inbegriff von monströser Schauspielereitelkeit wurde, die selbst seine liberale Parteinahme als Attitüde entlarvte, erscheint Newman als in jeder Hinsicht vorbildlich, sowohl was die Art, wie er sein Handwerk ausgeübt hat anbetrifft, als auch sein Engagement darüber hinaus. Mit einer Nahrungsmittelfirma, deren Millionengewinne über Jahrzehnte hinweg karitativen Zwecken zugute kommt, hat Newman Maßstäbe gesetzt.

Mit Brando gemein hat Newman allerdings, dass es gerade die Glanzrollen der fünfziger Jahre sind, für die man sich heute kaum mehr erwärmen kann: Jene Tennessee-Williams-Verfilmungen, die einst Inbegriff anspruchsvollen Filmens waren und inzwischen merkwürdig hohl und theaterhaft erscheinen. Etwas besser noch kommen Newmans Filme aus den Sechzigern weg, aber auch an ihnen ist unübersehbar, dass sein Karrierehoch mit einer Zeit des Untergangs eines bestimmten Kinotyps zusammenkam.

Seiner Größe tut das keinen Abbruch: Es ist Newman, für den man sich immer wieder begeistern kann, weniger die Filme drum herum. Das gilt sogar für seinen wohl populärsten, Butch Cassidy and the Sundance Kid. An der Seite von Robert Redford, der ihm die zweifelhafte Rolle des Schönlings abnahm, spielte Newman wie befreit auf. Man schaue sich jene berühmte Szene an, in der er zu Raindrops Keep Falling On My Head Rad fährt. Die wohlerzogene Geradlinigkeit, die ihn immer etwas befangen erscheinen ließ, legte er für die uneitle Lust ab, mal als Idiot dazustehen. Beim Ausrauben einer bolivianischen Bank, liest er vom Zettel ab: "Los manos arriba!" Und Redford trocken bemerkt: "Sie haben ihre Hände aber schon oben!"

Uneitel war auch, dass Newman den Mut besaß zu altern. Er verzichtete darauf, als jugendlich erscheinen zu wollen. Das zeigt sich in der Retrospektive - und dem direkten Vergleich etwa mit Redford - als Heldentat. Für seinen Altersrollen bekam er zwar Lob und 1987 für Scorseses Die Farbe des Geldes gar der Oscar. Für Newman aber schien anderes wichtiger zu sein. Auch das macht einen großen Schauspieler aus.

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