Nicht kein Gelächter

Serie Eigentlich ließe sich als Kitsch abtun, was in der beschaulichen Welt von „Shtisel“ los ist. Woher kommt der große Erfolg?

Nach drei Staffeln mit insgesamt 33 Folgen ist meine Lieblingsfigur ausgerechnet Lippe (Zohar Shtrauss). Umso mehr, weil er mir am Anfang so unsympathisch war. Lippe, der untreue Ehemann, der nach einem „Abenteuer“ im fernen Argentinien kleinmütig zur angetrauten Giti und den fünf Kindern nach Jerusalem zurückkehrt und erleben muss, dass das mit dem Verzeihen so eine Sache ist. Lippe, der Loser, dem das Tora-Gelehrtentum nicht zu liegen scheint, der immer wieder andere Ideen hat, an deren Verwirklichung er aber immer wieder scheitert. Dem aber gerade die Erfahrung dieses Scheiterns vielleicht eine besondere Nachsicht für die Träume seiner Kinder ermöglicht. Mit einem etwas größeren Ego wäre dieser Lippe ein Rebell, der gegen die Normen seiner strengen kleinen Welt aufbegehrt, so aber wird er etwas viel Interessanteres: ein Mensch, der mit seinen Schwächen leben lernt, oft gedemütigt, aber auch nie ganz unterzukriegen.

Dass es ihm an Ego mangelt, kann man dagegen von Lippes Schwiegervater Shulem Shtisel (Dov Glickman), in vielerlei Hinsicht die Haupt- und Titelfigur der Serie, nicht gerade behaupten. Es ist mindestens so groß wie der beeindruckende Bauch, den der stolze Rabbi und Schullehrer durch die Gegend schiebt. Aber natürlich schützt auch ein großes Ego nicht davor, immer wieder zu stolpern, vor allem über die eigene Eitelkeit. Als er sich in den Notizen des verstorbenen Heiratsvermittlers Kenigsberg mit den knappen Stichworten „raucht, isst gerne“ beschrieben findet, setzt er so einiges in Bewegung, um der Nachwelt zwei andere, von ihm selbst gewählte Stichworte zu sich einzuprägen: „Vater und Lehrer“. Dass ihm das am Ende sogar gelingt, kommt eigentlich mehr trotz als dank seiner Anstrengungen zustande. Es fällt leicht, über Shulem zu lachen, aber umso mehr rührt er auch in den Momenten seiner Verzweiflung an, sei es, nachdem ihn eine Frau abgewiesen hat, sei es, als seine Mutter stirbt und er selbst sich mit über 60 wie ein hilfloses Waisenkind fühlt.

Eigentlich könnte man zu jeder der Figuren von Shtisel so eine Art Begleitroman zur Serie schreiben: über Akiva (Michael Aloni), Shulems jüngsten Sohn, und seine Suche nach der passenden Frau. Über Giti (Neta Riskin) und die Verhärtungen, die das Sich-behaupten-Müssen als Frau in der ultra-orthodoxen Welt so mit sich bringt. Über Ruchami (Shira Haas, deren einprägsames Gesicht inzwischen aus der Serie Unorthodox bekannt ist), die auf ihre Weise die Fehltritte ihrer Eltern auszubessern versucht. Und sogar über Zvi Arye (Sarel Piterman), den anderen Shtisel-Sohn, der in allem so brav und durchschnittlich scheint, dass ihm nur als „comic relief“ Beachtung zukommt. In der Lust, selbst die Nebenfiguren auszudeuten, spiegelt sich zugleich die besondere Qualität der Serie: So dicht an der Wirklichkeit haben die Autoren Ori Elon und Yehonatan Indursky ihre Charaktere angelegt, dass sie einen wie reale Personen lange nach dem Ausschalten weiter beschäftigen. Darin werden sie für den Zuschauer den diversen „Geistern“ der Verstorbenen ähnlich, von denen sich die Serienfiguren selbst in Träumen immer wieder heimgesucht finden.

Hier gelingt Eskapismus

Väter und Söhne, Mütter und Töchter, Liebe und Trennungen – und das alles angesiedelt in einer beschaulichen kleinen Welt, hier das Geula-Viertel von Jerusalem. Eigentlich könnte man das auch leicht als herkömmlichen „Soap Opera“-Kitsch abtun. In der schwierigen Gegenwart geht von einer Serie wie Shtisel ein großer eskapistischer Reiz aus: Wo anders kann man sich so sicher sein, dass keine Politik vorkommen wird? Selbst der israelische Staat ist hier eine ferne Referenz, von Shulems Bruder Nuchem (Sasson Gabay) in einer Art Running Gag beschimpft. Aber ist es der Eskapismus, der die Serie inzwischen weltweit zu einem Hit werden ließ?

Auf der einen Seite ist Shtisel eine der typischen Erfolgsstorys, wie sie das Streamingzeitalter schreibt. Zur TV-Premiere der Serie 2013 nahm außerhalb Israels kaum jemand Notiz, auch nicht als sie mit Preisen geradezu überschüttet wurde. 2018 dann begann Netflix die bis dahin gedrehten zwei Staffeln auszustrahlen – und seither, so drückte es Akiva-Darsteller Michael Aloni in einem Interview aus, finde er seinen Seriennamen in immer mehr Fremdsprachen falsch ausgesprochen wieder, von Hongkong bis Brasilien, von New York bis in den Libanon.

Ein solcher Erfolg kommt mit seinen eigenen Kitschmomenten daher. Dov Glickman, den man ohne Bauch, Bart und Schläfenlocken kaum erkennt, erzählt gerne, wie er in Paris von drei muslimischen Damen auf Shulem angesprochen wurde, und beschwört den „Peacemaker“-Geist, der von solch universalen Familienerzählungen einhergeht. Für deutsche Ohren hält die Serie wiederum das exzeptionelle Erlebnis bereit, der verwandtschaftlichen Nähe des Jiddischen nachzuhören, und wie es von absoluter Klarheit – wenn Nuchem zu Shulem sagt: „Du bist mein großer Bruder, aber du bist ein kleiner Mann“ – zu Stufen des Andersseins wechselt – „Mach dir nicht kein Gelächter von mir!“, beschwört Shulem wiederum Nuchem.

Als etwas zwischen Sopranos und den Filmen von Ingmar Bergman hat Glickman seinen ersten Eindruck von den Drehbüchern zu Shtisel mal beschrieben, was es in Shulem-gerechter Vagheit gut trifft. Tatsächlich verführt die Serie zum Bingen, wobei die Spannung weniger von der Frage ausgeht, wann denn Akiva nun die passende Frau findet, als vielmehr vom Zusammensein mit Figuren, deren Gesellschaft man bald nicht mehr missen möchte.

Die Abgeschiedenheit der Welt, in der sie sich bewegen, nutzen die Autoren geschickt als Vergrößerung, Verschärfung ihrer Charaktere, die so komplex zwischen Tragödie und Farce oszillieren wie oben anhand von Lippe und Shulem beschrieben. So subtil gehen die Autoren vor, dass einem fast entgehen könnte, wie in der dritten Staffel nun nach und nach immer mehr Außenwelt Eingang findet: ein Handyvideo von Shulem landet im Internet, ein Arzt spricht von seinem Lebenspartner, Themen wie Leihmutterschaft, Depression und Frauen mit Führerschein werden angesprochen. Was andererseits bedeutet: Shtisel ist längst noch nicht auserzählt.

Info

Shtisel Ori Elon, Yehonatan Indursky Israel 2013 – 2020, 3 Staffeln, Netflix

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 19.04.2021
Geschrieben von

Kommentare 1

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community