Nostalgie

Linksbündig Die lange Nacht der Wahlen oder Wie Alles mit Allem zu tun hat

Als Fernsehzuschauer kann man sich von einem Ereignis wie der Bundestagswahl immer schwer lösen. Wochenlang lebt man darauf hin, schaltet voll Spannung kurz vor 18 Uhr den Fernseher ein - und kurz danach ist alles schon vorbei. Gnädigerweise versorgen einen die Programmmacher zwar noch einige Stunden mit diversen Hochrechnungen und Politikerauftritten, des Weiteren mit einer therapeutisch, weil auf zukünftige Abstinenz angelegten Sitzung, die den schönen Namen Elefantenrunde trägt, aber danach wird der Wahlereignisjunkie einfach Zug um Zug im Stich gelassen. Dabei möchte der süchtige Fernsehzuschauer immer noch mehr wissen, auch da, wo es längst nichts mehr zu erfahren gibt. Dankenswerterweise begann spät in der Nacht auf Prosieben die nächste Wahlsendung - in diesem Falle nannte sie sich "Emmy-Awards-Show".

Natürlich haben die Abstimmungsergebnisse der amerikanischen Fernsehakademie keinerlei intendierte Ähnlichkeiten mit den deutschen Wahlen. Rein zufällige aber schon. Dem wach gebliebenen Zuschauer auf jeden Fall, darin ganz dem frühen Klischee der Medienkritik folgend, schienen die Unterschiede auf einmal zu verschwimmen. Die Emmy-Verleihung geriet zur Ergänzung des rein vom Medialen her gesehen enttäuschend verlaufenen Wahlabends. So gaben sich auch hier alle als Sieger. Vielleicht sollten die deutschen Sender bei den nächsten Wahlen diesen Selbstdarstellungsdrang - zukünftig wird kein Stimmenverlust mehr als Niederlage gewertet, weil gegen irgendeinen Trend hat man schließlich immer gewonnen - aufgreifen und die Wahlsendung in der Gestaltung den glamourösen Preisverleihungen anpassen. Das hätte den Vorteil, dass statt eines smarten Jörg Schönenborn eine spöttische Ellen de Generes den Abend anmoderieren könnte, die den erwählten Preisträgern als Erstes wichtige Verhaltenstipps mit auf den Weg gab: "Sagen Sie bloß nicht, Sie hätten es nicht erwartet - Sie waren nominiert!"

De Generes führte außerdem vor, was deutschen Wahlabenden oft fehlt - eine gewisse Selbstironie. Dabei befand sich die amerikanische Komikerin in einer heiklen Ausgangssituation: Vor vier Jahren, kurz nach den Attentaten des 11. September, war sie das erste Mal die Moderatorin des Emmy-Abends gewesen; dass ihr zweites Mal nun wieder nach einer nationalen Katastrophe lag, benannte sie ohne Scham ganz offensiv: Lachen sei in diesen Zeiten nun einmal sehr, sehr wichtig. Um dann den wohlmeinend-feierlichen Applaus mit der leicht zynischen Bemerkung zu begrenzen: "Schalten Sie bitte nächsten Monat wieder ein, wenn ich die Verleihung der Publikumspreise Nordkoreas moderiere ..." Da blitzte dann allerdings ein eklatanter Unterschied auf zwischen Politikern und Komikern: Vielleicht kann man sich wirklichen Witz nur dann leisten, wenn man nicht von allen geliebt werden will.

Andererseits scheint ja eine deutsche Partei diese Komikerdevise zu ihrem Erfolgsrezept gemacht zu haben. Dieser Gedanke beschlich den müder werdenden Kopf des Zuschauers auf jeden Fall, als die Herren der Daily Show, der Late-Night-Satire-Sendung von Jon Stewart, zum Preisempfang die Emmy-Bühne betraten: Da war es nämlich wieder, das sonnige Selbstbewusstsein derer, die es den anderen gezeigt haben, gewärmt von der gar nicht so heimlichen Freude an der eigenen splendid isolation.

Als die Verlierer - nicht, dass sie es zugegeben hätten - des Emmy-Abends galten übrigens die Desperate Housewives, die von 15 Nominierungen nur vier in Preise verwandeln konnten. Man hatte sie als sichere Sieger gesehen, dann aber wurde der Zickenkampf, den sich die Darstellerinnen Gerüchten zufolge bei Dreh- und Promotionsterminen lieferten, zum Hauptthema der abendlichen Kalauer. Irgendwie erinnerte auch das an eine bestimmte Partei am deutschen Wahlabend.

Statt der "verzweifelten Hausfrauen" erhielt schließlich die Serie Alle lieben Raymond den Hauptreis. Die recht biedere Sitcom, von Kennern als Rückfall hinter die fortschrittlichen Comedy-Zeiten von Seinfeld oder Sex and the City gewertet, ist bereits abgelaufen. Und der nun völlig übermüdete Zuschauer musste das letzte Mal an den verwirrenden Ausgang des deutschen Wahlabends denken: War das nicht ein Aspekt des Schröder-Phänomens, von Beobachtern als "vorauseilende Nostalgie" beschrieben - gestern noch wollte man etwas abwählen, von dem man heute denkt, dass es einem morgen fehlen wird.


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